"Ich vergebe gerne" – Génesis Rodriguez im Interview

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Genesis Rodriguez Interview

Im Komödien-Hit "Voll abgezockt", der im August auf den Heimkinomarkt kommen wurde, muss sich ein einfacher Büromensch (Jason Bateman) mit den Folgen des Identitätsraubs durch die gewiefte Diana (Melissa McCarthy) auseinandersetzen. Dazu muss er die Trickbetrügerin höchstpersönlich von Florida nach Denver schaffen. Als ob es so nicht schon schwierig genug wäre, haften den beiden zwei Gangster auf den Fersen, mit denen nicht zu spaßen ist. Eine Hälfte des Duos spielt dabei Génesis Rodriguez – ein wahrer Hingucker! Die Schauspielerin feierte nach Erfolgen in spanischsprachigen Telenovelas letztes Jahr mit "Ein riskanter Plan" ihr Spielfilmdebüt und war seitdem fleißig in Hollywood unterwegs mit Rollen in Filmen wie "Was passiert, wenn’s passiert ist" und "The Last Stand". Wir haben die schöne Mimin für Euch interviewt.

FilmFutter: Viele Kritiker haben behauptet, Story und Stil von "Voll abgezockt" stimme ein wenig zu sehr mit Story und Stil von Erfolgskomödie "Stichtag" überein. Was würdest du dem entgegen setzen?

Génesis Rodriguez: Ich denke nicht, dass die beiden Filme sich besonders ähnlich sind. Jason Bateman (Sandy Patterson) und Melissa McCarthy (Diana) sind gänzlich andere Comedians als Robert Downey Jr. und Zach Galifianakis. Melissa McCarthys Stil von Comedy ist bahnbrechend. Sie ist auf eine sehr natürliche Art und Weise witzig. Tatsächlich erinnert mich ihre Art an die Ursprünge der Comedy selbst: sie erinnert mich an die ersten Comedians, die es überhaupt gegeben hat. Abgesehen davon hat "Voll abgezockt" "Stichtag" noch etwas Bedeutendes voraus: ich spiele mit. (lacht)

FF: Wärst du auch Teil von "Voll abgezockt" gewesen, wenn man dir eine andere Rolle angeboten hätte?

GR: Ich liebe das Skript des Filmes. Ich liebe das Konzept und die Story und fühle mich dem Projekt sehr nahe. Gleichzeitig fühle ich mich sehr geehrt, dass ich ein Teil davon sein durfte und es nun repräsentieren darf. Ich hätte mich also in jedem Fall für den Film entschieden, egal, welche Rolle man mir angeboten hätte. In diesem Film hätte ich sogar eine Statistenrolle angenommen, die nur als "Mädchen B" in den Credits erscheint. (lacht) Ich wäre tatsächlich mir allem zufrieden gewesen, weil ich unbedingt dabei sein wollte.

FF: Diana stiehlt im Film Sandys Identität. Was ist deine Definition des Identitätsbegriffes?

GR: Identität ist alles, was einen von anderen unterscheidet. Unsere Identität macht uns für andere wiedererkennbar und aus der Masse differenzierbar. All das, was uns repräsentieren kann, ist Teil der Identität. Schlussendlich wohl einfach all das, was wir im Innersten sind.

FF: Ist Namensraub wie in "Voll abgezockt" dann tatsächlich Identitätsraub?

GR: Auf den ersten Blick ist es genau das. Wenn jemand deinen Namen stiehlt, dann stiehlt er deine Daten, mit deinen Daten stielt er deine Kreditkarteninformationen. Materiell stiehlt er dir alles, wofür du hart gearbeitet hast. Was er dir aber niemals stehlen kann, ist dein Innerstes. Er wird dir niemals deine Persönlichkeit stehlen können, er kann dir nie deine Integrität oder deine Moral nehmen. "Voll abgezockt" macht das auf eine wundervolle Art und Weise klar. Diana hätte auch davon kommen können. Sandy hätte sie nicht suchen müssen, er hätte es einfach gut sein lassen können und doch hat er es nicht getan. Diana hat also von jemandem gestohlen, der über unsaglichen Willen und unglaubliche Integrität verfügte. Sandy hatte einen ganzen Haufen von Dingen, für die es sich zu kämpfen lohnte: nicht zuletzt seine wundervolle Familie. All das hat Diana ihm nicht gestohlen. Was sie ihm klaute, war Geld, die unsichtbare Seite seiner Identität aber hätte sie ihm gar nicht stehlen können.

FF: Würde jemand deinen Namen stehlen, was wäre das Schlimmste, das er damit anstellen könnte?

GR: Ich denke für mich wäre es das Schlimmste, wenn jemand Ungerechtigkeiten unter meinem Namen verüben würde. Es wäre aber auch schlimm, wenn der Namensräuber nicht das Geringste tun würde. Wenn jemand schon darüber nachdenkt, meinen Namen zu stehlen, dann würde ich mir wünschen, dass er zumindest Spaß hat. Geld alleine abzuzocken, ohne Spaß zu haben, erscheint mir völlig sinnlos. Er sollte etwas Tolles erleben und seine Zeit unter meinem Namen bis zum Äußersten genießen. Tatsächlich würde ich hoffen, dass er jeden einzelnen Moment unter meinem Namen genießt, ohne an den nächsten zu denken oder sich über Konsequenzen Gedanken zu machen.

FF: Ist das dein grundsätzliches Lebensmotto? Den Moment zu genießen?

GR: Das könnte man wohl so sagen. Ich genieße und liebe einfach alles, was ich tue. Mit Sicherheit kann sich so etwas mit dem Lauf des Lebens auch verändern. Heute könnte ich mir nicht vorstellen, etwas anders zu tun, als ich eben tue, weil ich es liebe und jede Sekunde davon genieße. Sollte ich aber irgendwann feststellen, dass dem nicht mehr so ist, dann wende ich mich eben etwas anderem zu, das ich wieder von ganzem Herzen genießen kann. In solchen Dingen stelle ich mich selbst über alles und ich denke, dass das so auch richtig ist.

Genesis Rodriguez Interview 1

Génesis Rodriguez als Marisol in Voll abgezockt © Universal Pictures

 

FF: Würde nun jemand deinen Namen stehlen, würdest auch du den Identitätsdieb ausfindig machen wollen, wie Sandy im Film?

GR: Tatsächlich ist mir eine ähnliche Geschichte schon einmal passiert. Eines Tages sitze ich nichts ahnend an meinem Computer, da erhalte ich per Email eine Empfangsbestätigung. Laut jener hatte ich in einem Elektro-Laden in der Stadt mehrere PCs und Fernsehgeräte gekauft. Zuerst dachte ich, dass jemand mich auf den Arm nehmen will. Ich habe überlegt, ob die Email vielleicht eine Spam-Mail sein könnte, über die jemand meinen Computer mit einem Virus verseuchen will. Ich wollte aber auch nicht da sitzen und gar nichts unternehmen. Schlussendlich habe ich den gelisteten Elektro-Laden also ausfindig gemacht. Als ich dort nachgefragt habe, ob sie meine Karte tatsächlich mit diesen Posten belastet hatten, da konnten die nur bestätigen und sich für meinen Einkauf bedanken. Ich bin also damals und würde auch heute mit Sicherheit selbst tätig werden, wenn mir etwas widerfahren würde, wie Sandy Patterson im Film. Glücklicherweise musste ich anders als Sandy nach meiner Geschichte aber keinen Road-Trip mit einer Frau unternehmen, mit der ich mich nicht besonders verstehe. (lacht)

FF: Würdest du dem Namensräuber vergeben können, so wie Sandy es tut?

GR: Ja, das würde ich definitiv. Ich vergebe gerne. Zunächst würde ich einem Namensräuber ohnehin den Vorzug des Zweifels zugestehen. Solange es nicht ausgeschlossen ist, würde ich immer davon ausgehen, dass nur ein Fehler vorliegt und der scheinbare "Namensräuber" meinen Namen gar nicht stehlen wollte, sondern tatsächlich genauso heißt wie ich, sodass vielleicht ein einfaches Missverständnis vorliegt. Aber sogar, wenn dem nicht so wäre, würde ich vergeben. Ich finde es falsch, über andere zu urteilen, weil für mich niemand besser ist, als der Andere. Jeder hat seine Gründe, eine bestimmte Entscheidung zu fällen und jeder hat seine eigene Geschichte. Ich glaube nicht daran, dass jemand grundlos eine Entscheidung, wie die zum Namensraub, trifft. Genauso wenig glaube ich daran, dass ich besser bin, als irgendjemand Zweites. Ich glaube ja nicht einmal, dass ich etwas Besseres bin, als ein Verbrecher. Wenn es darum geht, über andere Urteile zu fällen, halte ich mich also generell zurück. Nur, wenn mir jemand grundlos etwas antun würde, das unsagbar schrecklich wäre und wenn ich seine Motivation nicht im Geringsten nachvollziehen könnte, würde ich ihn vielleicht für das Geschehene verurteilen.

FF: Im Film scheint es ziemlich einfach, der Diebin Diana zu vergeben. Auch dein Charakter Marisol ist eine Verbrecherin, ihr aber würde man wahrscheinlich nicht so leicht vergeben können. Woran liegt das?

GR: Mit Diana und Marisol portraitiert "Voll abgezockt" zwei grundverschiedene, kontrastive Persönlichkeiten. Diana ist eine wundervolle Person mit höchstmöglicher innerer Schönheit. Sie begeht diese Verbrechen nicht aus Spaß an der Freude, ihre tragische Geschichte bringt sie dazu. Diana versucht mit ihrem Verhalten, Sehnsüchte zu stillen, die ihre Vergangenheit in ihr ausgelöst hat. Trotzdessen hat sie Gewissen und Herz. Marisol hingegen macht es Spaß, andere zu verfolgen und ihnen zu schaden. Alles, was Diana hat, fehlt ihr. Ich möchte nicht sagen, dass Marisol keine Gründe hat, zu tun, was sie eben tut. Auch will ich sie nicht als schlechten Menschen verurteilen, aber ich muss zugeben, dass ich sie nicht besonders mag – ich liebe Diana….

FF: Welche Art von Humor geht von Marisol aus?

GR: Sie ist schrecklich ernst. Ich glaube, Leute, die sich selbst zu ernst nehmen, sich für etwas Besseres halten und ihre eigenen Taten und Gedanken relationslos über alles andere stellen, sind grundsätzlich ziemlich lachhaft. Im Falle von Marisol kommt ihr lustiger Akzent hinzu. Mit ihr sieht man jemanden, der sich selbst fürchterlich ernst nimmt und nicht einmal gänzlich die Sprache des Landes beherrscht, in dem er lebt. Diese beiden Komponenten zusammen ergeben eine wirklich lustige Kombination.

FF: Zudem wirkt sie sehr herrisch. Hast auch du eine herrische Seite?

GR: Ich denke, ich bin nicht wirklich herrisch. Wenn überhaupt, dann zu einem sehr gesunden Maße. Ich weiß, was ich will und wenn ich etwas umsetzen möchte, dann werde ich anderen Leuten mit Sicherheit sagen, wie ich es umgesetzt sehen will. Schlussendlich würde ich es mir auch dann aber nicht herausnehmen, anderen Menschen Dinge zu befehlen oder über sie zu bestimmen. Ich bin mehr als froh, mich selbst um meine Angelegenheiten zu kümmern. Ich sehe mich nicht in Abhängigkeit von anderen. Zwar setze ich die Dinge, die mir wichtig sind, durch, aber dazu muss ich nicht über andere bestimmen.

FF: Was würdest du abschließend sagen: wurde Sandy Patterson im Film am Ende nun tatsächlich "Voll Abgezockt"?

GR: Das ist eine gute Frage. Zu Anfang scheint es zumindest so. Während der ersten Hälfte des Filmes scheint definitiv festzustehen, dass Sandy ein riesiges Problem hat und dass ihm alles genommen wurde. Obgleich er zunächst aber auch denkt, sein Leben sei vorbei, stellt sich am Ende heraus, dass sein Leben mit dem Namensraub tatsächlich erst begonnen hat. Über den Diebstahl und seine Konsequenzen gewinnt Sandy an Kraft und er lernt eine Lektion. Verliert er also auch seinen Namen, so gewinnt er dabei eine Erkenntnis, die sein gesamte nachfolgendes Leben positiv beeinflusst.

von Sima Moussavian

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"Voll Abgezockt" ist ab 08.08.2013 deutschlandweit auf DVD und BluRay erhältlich

Photos © Universal Pictures