Zehn Horrorfilme seit 2000, die Du verpasst haben könntest

0
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN

Zu Beginn dieses Jahrtausends stellte der US-amerikanische Horrorfilm The Ring (2002) die Weichen für die Horrorfilmlandschaft und wie so oft kam die Inspiration dafür aus dem asiatischen Raum, aus Japan um genauer zu sein. Ringu (1998), so das Original, erfreute sich in Fernost großer Popularität und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die Vereinigten Staaten sich an einem Remake versuchten. Im bisherigen Verlauf dieses Jahrtausends war dies nicht das letzte Mal, dass die USA sich an ein Horrorfilmremake von ausländischen Produktionen wagten. Der Fluch der Zwei Schwestern (2009) ist ein nahezu direktes Remake des südkoreanischen Horrorfilms A Tale of Two Sisters (2003). Ebenso verhält es sich mit dem amerikanischen Vampir-Horrorfilm Let Me In (2010), dessen Original aus Schweden kommt und den Titel So finster die Nacht (2008) trägt.

Doch der moderne Horror wird nicht nur durch diverse Remakes geprägt, auch die Härte der Horrorfilme ist in diesem Jahrtausend drastisch gestiegen. Splatterszenen in expliziten Nahaufnahmen, literweise Blut, Verstümmelungen jeglicher Art, alles nichts, was es nicht schon zur Genüge auf der Leinwand gegeben hat. Filme wie Saw (2004) und Hostel (2005) legten ihren Fokus nicht auf eine atmosphärisch dichte Erzählung, wie es viele herausragende Horrorfilme machen, sondern einzig und allein auf die Gewalt, die das Publikum schockieren und verstören soll. Der Rattenschwanz, den sowohl Saw, als auch Hostel nach sich ziehen sind zahlreiche Sequels, die den Anschein erwecken, dass sie sich qualitativ gegenseitig unterbieten wollen. Nichtsdestotrotz hatten gerade diese beiden Horrorfilme durch ihr verhältnismäßig hohes Box-Office einen nachhaltigen Einfluss auf ihre Genrevertreter.

Neben überwiegend schlechten Remakes, unangebrachter und überstilisierter Gewalt gibt es noch einen weiteren Punkt, der mir als langjährigen Horrorfilmfreund besonders bitter aufstößt. Wer kennt es nicht: ein Charakter in einem Horrorfilm geht einem Geräusch oder einem Verdacht nach und natürlich erwartet der Zuschauer, dass er in dieser Szene erschreckt wird. Trotz der Vorhersehbarkeit der Szene schrickt man auf, da der Jump-Scare eingesetzt wird. Ein schneller Schnitt, grelle Musik, am besten verbunden mit der hässlichen Fratze des Monsters und schon hat man die optimale Zutaten, damit der Zuschauer kurz in seinem Sessel zusammenzuckt. Aber in meinen Augen ist das kein Horror und nicht das, was dieses altehrwürdige Filmgenre einst so populär machte. Eine dichte Atmosphäre, die sich schleichend aufbaut oder eine kunstvolle Inszenierung eines Horrorfilms mit innovativer Musik sucht man mittlerweile fast vergebens.

Mit den folgenden zehn Filmen möchte ich euch eine kleine Auswahl an Horrorfilmen bieten, die den schlechten Gewohnheiten des Genres in der heutigen Zeit trotzen. Hardcore-Fans werden zweifelsohne schon von vielen Titeln auf dieser Liste gehört haben. Nichtsdestotrotz habe ich mich darum bemüht, Horrorfilme zu wählen, die nicht die Popularität von den großen Vertretern wie Final Destination (2000), 28 Days Later (2002) oder Insidious (2010) erreichen.

 

1.

Das Waisenhaus (Spain & Mexico/ 2007)

Jüngst machte Regisseur J.A. Bayona mit seinem Drama Sieben Minuten nach Mitternacht (2016) noch auf sich aufmerksam, doch gewann er bereits mit seinem Film Das Waisenhaus den wichtigsten spanischen Filmpreis: den Goya – und das gleich sieben Mal.

Bei dem Film Das Waisenhaus darf man keine schnellen Schnitte erwarten oder schnelles Pacing, sondern man muss sich auf den Film einlassen, sich regelrecht in seinen Bann ziehen lassen und tatsächlich mitdenken, auch wenn gerade das mittlerweile eine Rarität geworden ist bei Horrorfilmen.

Laura und Carlos ziehen mit ihrem Adoptivsohn Simón in ein stillgelegtes Waisenhaus, in welchem Laura vor vielen Jahren selbst einmal aufwuchs. Ihr Ziel ist es, das Haus wieder zu eröffnen und dort neue Kinder zu beheimaten. Simón spricht jedoch ständig mit seinen Fantasiefreunden und kaum ist die Familie eingezogen, findet er neue Freunde, die ebenfalls imaginär sind. Auf einer Eröffnungsfeier für die neuen Kinder verschwindet auf einmal Lauras Sohn. Trotz einer eingehenden Suche ist der Junge unauffindbar und Laura droht allmählich daran zu zerbrechen.

Man mag bei der Handlung des Films eventuell denken, dass es sich hier um eine Klischeeansammlung dreht, da Dinge wie Fantasiefreunde und alte, leer stehende Gebäude bereits zur Genüge vorgekommen sind. Doch man bekommt mit Das Waisenhaus keine Klischees, man erhält vielmehr eine liebevoll erzählte Geschichte, die sich immer wieder in Richtungen entwickelt, die man nicht vorhergesehen hat, gepaart mit einer unheimlichen und (im positiven Sinne) unangenehmen Atmosphäre. Die wunderschöne Inszenierung des Kameramanns Óscar Faura, der sich für Sieben Minuten nach Mitternacht wieder mit J.A. Bayona zusammenschloss, zeichnet ein idyllisches Bild, das zugleich unheimlich und letztendlich erschütternd ist.

Manche sehen Das Waisenhaus nicht als einen Horrorfilm an und im klassischen Sinne muss ich diesen Stimmen Recht geben. Vielmehr bekommt man hier ein emotionales Drama, welches sich an diversen Horrorfilmelementen bedient, aber nichtsdestotrotz atmosphärisch sehr dicht ist und nicht nur ein Mal für eine bleibende Gänsehaut sorgt.

 

2.

So finster die Nacht (Schweden/ 2008)

Zu Beginn meines Artikels sprach ich über die unsäglichen US-Remakes, die vielen Horrorfilmfreunden ein Dorn im Auge sein dürften. Auch wenn Let Me In zu den besseren Vertretern dieser Remake-Welle zählt, ist sein Vorgänger, das schwedische Original So finster die Nacht, eine qualitativ vollkommen andere Kategorie.

Gleich vorweg: So finster die Nacht ist ein Vampir-Film, doch bevor jetzt alle Leser abspringen: hier glitzert niemand und es gibt keine unsägliche Liebesgeschichte (nochmal vielen Dank an Twilight für die Zerstörung einer ikonischen Horrorfigur). In diesem Film von Thomas Alfredson geht es nicht um Kitsch und auch nicht um die Auslöschung der Vampire, sondern hier werden viel emotionalere Töne angeschlagen, verpackt in den mitunter schönsten Bildern die ein Horrorfilm bis dato bot.

1982, eine Wohnsiedlung nahe Stockholm. Der kleine Oskar ist das Opfer von Mobbing und Hänseleien an seiner Schule und außer seinen Gedankenspielen Rache betreffend kann er nichts dagegen ausrichten.  In einer Nacht trifft Oskar seine neue Nachbarin, die junge Eli, die, so sagt sie von sich selbst, zwölf Jahre alt sei. Die beiden freunden sich miteinander an und Oskar erfährt, was es mit dem vermeintlich jungen Mädchen auf sich hat.

An dieser Stelle mochte ich den Handlungsabriss abbrechen, da ich dem Leser schließlich nicht alles auf dem Silberteller präsentieren möchte. Die Geschichte von So finster die Nacht ist emotional, berührend und schlägt Töne an, wie es noch kaum ein Horrorfilm zuvor getan hat. Regisseur Tomas Alfredson vermischt Elemente eines Coming-of-Age Films mit denen eines Familiendramas und all das wird begleitet von dem Horror, der in manchen Szenen auch gerne hart zur Sache geht.

Der Vampir ist ein Geschöpf, welches sowohl in der Literatur, als auch im Film bereits zahlreiche Auftritte hatte. Das erste Mal, dass man dieses Wesen auf der Leinwand sah, war 1915 mit dem französischen Stummfilm Les Vampires und seither folgte der mystischen Figur ein Kult, der bis heute anhält. Auch in Zeiten, in denen angsteinflößende Geschöpfe wie Vampire sanfte Liebesgeschichten erleben und in der Sonne glitzern anstatt qualvoll zu verbrennen, haben diese Figuren dennoch nicht ihre Aura verloren. So finster die Nacht beweist eindrucksvoll, dass eine emotionale Geschichte mit einem Vampir Hand in Hand gehen kann mit Horrorelementen und dabei nicht auf Klischees und gewöhnliche Vampirfilm-Elemente zurückgreift.

 

3.

Audition (Japan/ 1999/ 2001)

Ich muss gestehen, dass ich bei Audition meine eigens auferlegten Regeln breche. Diese Liste enthält  nur Horrorfilme, die entweder im Jahr 2000 oder danach erschienen sind, damit ich mich auf den modernen Horror beschränken kann. Dieser japanische Horrorfilm ist zwar in seinem Herkunftsland 1999 erschienen, in Deutschland jedoch erst im Jahre 2001. Deswegen bitte ich den Leser zu entschuldigen, dass ich mir selbst eine kleine Freiheit bei meinem Reglement herausgenommen habe.

Wer mit dem asiatischen, speziell mit dem japanischen Kino bereits vertraut ist, wird auch sicherlich den Namen des Regisseurs Takashi Miike kennen. Dieser ist besonders für seine überstilisierte und exzessive Gewalt bekannt, die in manchen seiner Filme fast schon karikiert und satirisch wirkt.  Mit Audition gelang ihm damals sein internationaler Durchbruch und auch hier war schon sein brutales Markenzeichen zu finden.

Shigeharu Aoyama möchte endlich wieder heiraten, nachdem seine erste Frau vor sieben Jahren verstarb. Sein Freund, der Fernsehproduzent Yoshikawa, beschließt mit ihm das Vorhaben, ein Casting aufzuziehen, in welchem mehrere junge Frauen für einen fiktiven Film vorsprechen sollen. So kommt es, dass der Witwer sich in die schüchterne Asami verliebt. Nach einigen Treffen lädt Aoyama sie in ein Hotel ein, wo er ihr einen Antrag machen möchte, doch nachdem sie miteinander die Nacht verbracht haben, ist die schüchterne Frau unauffindbar.

Bevor man Audition sieht, muss man mit einer gewissen Erwartungshaltung an den Film herantreten. Man darf keinen Horror erwarten, der dem westlichen Zuschauer bekannt ist. Es gibt in diesem Sinne keinen schnellen Einstieg in den ersten zwanzig Minuten, sondern ein sehr behäbiges Tempo, in dem sich die Handlung entfaltet und teilweise hat der Film surreale Sequenzen, sodass man sich nicht selten fragt, was gerade überhaupt passiert. All das soll aber nicht davor abschrecken, sich Miikes Horrorfilm anzuschauen, denn man erhält mit Audition ein absolutes Unikat.

Wie bereits zuvor erwähnt, ist Miikes Markenzeichen seine filmische Gewalt, die allen Grenzen des guten Geschmacks widerspricht und noch darüber hinausgeht. So auch in Audition, doch genau bei dieser gezeigten Gewalt muss man differenzieren. Im modernen Horror wird Splatter möglichst blutig und brutal eingesetzt, um das Publikum zu schocken, doch dadurch verkommt die Wirkung des Splatters zum reinen Selbstzweck. Miike hingegen setzt die Gewalt in seinem Horrorfilm sehr nuanciert ein und wenn sie vorkommt, ist sie stets eingebettet in den Plot. Diese Szenen möchten nicht einfach nur schockieren, vielmehr wollen sie in Verbindung mit der Handlung dem Zuschauer nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Selten hat ein Horrorfilm sein Blut, seine Gewalt und seinen Anspruch eindrucksvoller gezeigt wie es Audition tut.

 

4.

Martyrs (Frankreich/ 2008)

Die Filmbewegung der neuen französischen Härte ist besonders für eines bekannt: ihre Gewalt, die nicht zu beschreiben ist. Filme wie High Tension (2008) und Inside (2007) sind namhafte Vertreter der Bewegung und schrecken vor keiner Gewaltdarstellung zurück, so unappetitlich und grenzüberschreitend sie auch sein mag. Doch der berühmteste und zugleich härteste Vertreter dieser Filmbewegung zeigt, dass filmische Gewalt auch in höchstem Maße anspruchsvoll sein kann.

Die Handlung von Martyrs kann man als zweigeteilt sehen. Zu Beginn sieht man, wie das kleine Mädchen Lucie sich aus der Gefangenschaft in einem verlassenen Schlachtbetrieb befreit. In einem Waisenhaus freundet sie sich mit der ebenfalls jungen Anna an. Schnitt. Fünfzehn Jahre später am Frühstückstisch der Familie Belfond. Es klingelt an der Tür und als die Familie sie öffnet, sehen sie in den Lauf einer Schrottflinte. Am anderen Ende der Waffe steht Lucie. Sie erschießt die beiden Eltern und ihre zwei Kinder und da wir hier von einem Film der neuen französischen Härte sprechen, geschieht dies natürlich in der explizitesten Art und Weise.

So weit, so gut. Die erste Hälfte von Martyrs schockt, verstört und kann manchen Zuschauer sogar (zurecht) anwidern, doch das ändert nichts daran, dass der Film kein gewöhnlicher oder gar plumper Splatterstreifen ist. Dafür ist er zu ruhig, zu mystisch und zu intelligent erzählt. Nach der ersten Hälfte dreht sich Martyrs vollkommen unerwartet in eine andere Richtung und verwirrt das Publikum vollends. Auch in der ersten Hälfte werden nicht alle Fragen beantwortet, die auftauchen, doch gerade das ist es, was einen großen Teil der Anziehungskraft des Films ausmacht.

Pascal Laugiers Film löste damals eine Diskussion darüber aus, was das Medium Film darf und wo ihm die Grenzen gesetzt sind. Martyrs beweist allen Kritikern der filmischen Gewalt, dass ein Film teilweise die gegebenen Grenzen überschreiten muss, um etwas Neues zu kreieren. Ja, dieser Film ist wahnsinnig gewalttätig und manche werden oder haben ihn bereits als geschmacklos und abartig abgetan. Doch diejenigen, die sich auf den Film einlassen können, werden fasziniert sein und besonders seine letzten Minuten zu schätzen wissen.

 

5.

The Descent – Abgrund des Grauens (Großbritannien/ 2005)

Dieser britische Horrorfilm dürfte wohl der populärste Vertreter auf meiner Liste sein, was jedoch nicht seine Qualität schmälert. Über das (überraschenderweise) gelungene Sequel  The Descent 2 – Die Jagd geht weiter möchte ich an dieser Stelle jedoch nicht sprechen, sondern mich auf den ersten Teil konzentrieren.

Es ist eine Vorstellung, die für viele die perfekte Definition von Horror ist. Eingeklemmt in einer engen Felsspalte tief unter der Erde, wo die Rettung genauso weit entfernt scheint wie das Tageslicht. Genau in einer solchen katastrophalen Situation befinden sich sechs Freundinnen, die Protagonistinnen des Films. Eine von ihnen, Juno, gesteht, dass das Höhlensystem, in welches sie ihre Freundinnen geführt hat, bis dato noch vollkommen unerforscht sei. Die Situation spitzt sich zu, indem sich bei einem Unfall eine der Kletterinnen das Bein bricht. Zu alledem scheint die Truppe nicht alleine zu sein in dem uralten Höhlenlabyrinth.

Nach den vorherigen Filmempfehlungen Audition und Martyrs ist The Descent – Abgrund des Grauens die deutlich konventionellere Kost, doch ich bitte den Leser darum, das Wort „konventionell“ so positiv wie möglich zu lesen. Zwar mag man hier keine ausgeklügelte und innovativ erzählte Handlung bekommen, doch man erhält das, wofür das Genre schließlich so beliebt ist: blanken Horror.

Was diesen Horrorfilm wahrhaft denkwürdig macht, sind seine eindringlichen Bilder. Kameramann Sam McCurdy sorgt mit seinen bedrückenden Bildern in jeder Sekunde dafür, dass man die unterirdische Höhle fürchtet. Das Farbenspiel in The Descent – Abgrund des Grauens ist ein Konglomerat aus blutrot und pechschwarz.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Neil Marshalls Horrorfilm technisch hervorragend ist, doch auch das Schauspiel der sechs Protagonistinnen ist zu jedem Augenblick realistisch und ihre Aktionen sind stets nachvollziehbar. Vielen Horrorfilmen bricht gerade dieser Punkt das Genick, schließlich ist die Dummheit der Charaktere in diesem Genre fast schon ein Standard, doch nicht so in The Descent – Abgrund des Grauens.

Sollte man unter Klaustrophobie leiden oder einen Ausflug in eine Höhle oder ähnliches geplant haben, sollte man einen möglichst weitläufigen Bogen um diesen Film machen. Doch die Leser, die sich dazu entscheiden dem Film eine Chance zu geben, werden sich auch noch lange danach an das unterirdische Labyrinth zurückerinnern.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here