Wer ist Hanna? (2011)

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Wer ist Hanna (2011) Filmkritik
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Hanna, USA/DE/GB 2011 • 111 Minuten • Regie: Joe Wright • Mit: Saoirse Ronan, Eric Bana, Cate Blanchett, Jessica Barden, Tom Hollander, Olivia Williams, Jason Flemyng • FSK: ab 16 Jahren • Kinostart: 26. Mai 2011 Deutsche Website

Wer ist Hanna (2011) Filmbild 1

"Ich habe dein Herz verfehlt", sagt sie, nimmt die Pistole und erschießt den Hirsch. Sie, die 16-jährige Hanna; sie, das Mädchen, das mit Pfeil und Bogen im Wald jagt; sie, diese Hanna, tötet nicht nur Tiere – sie ist eine Killerin, eine Märchengestalt gehüllt in Brutalität, gestärkt durch eine jahrelange Ausbildung durch ihren Vater, ungehemmt in ihren Gefühlen, denn sie kennt keine Gefühle, fühlt lediglich Gefahr, mehr nicht, nicht jetzt. Hanna tötet, um erlöst zu werden von ihrem Schicksal, beginnend in der Hütte im Wald, endend im Schlund eines Wolfs. Sie heißt Hanna, sie ist Jägerin, Gejagte, Opfer und – vor allem – Kind.

Wer ist Hanna?, so heißt dieser Film, so heißt die Frage, die sich künftig öfter stellt. Ihr Vater Erik (Eric Bana) zieht sie auf, oder besser: er züchtet eine Skrupellose, inmitten von Finnland, fernab jeder Zivilisation. Er bereitet sie vor auf das, was folgt: Marissa Wiegler (Cate Blanchet) wird erst ruhen, wenn Hanna und Erik sterben. Und so ziehen sie los, verlassen ihre Märchenhütte am Ende der Welt und stellen sich Marissa und der CIA. Was folgt? Na, zumindest kein Kick-Ass, keine Bourne-Verschwörung, keine sinnlose Hatz nach dem nächsten Menschenleben – letztlich ist das die Geschichte um ein Kind, das auszieht, das Leben kennenlernt, Mädchen küsst und Menschen umbringt.

Wer ist Hanna (2011) Filmbild 4Wer in Wer ist Hanna? ein Genre entdeckt, muss sich wenig später belehren. Während Kick-Ass 2 zuletzt das Morden durch eine Jugendliche mit Spaß serviert und Gewalt-Orgien zelebriert, entflieht Hanna diesem Gewand und streift durch ein Leben, das nicht ihr gehört. Die CIA schnappt sie, sperrt sie ein in einem runden Raum voller Kameras – Hanna bemerkt dies, doch selbst eine gesehen hat sie nicht. Sie kennt keine Elektrizität, keine anderen Menschen, sie vertraut nur ihrem Vater, ihren Waffen und ihrem Können, dem selbst Soldaten wenig entgegen setzen. Sie bricht aus, zum zweiten Mal nun; erst aus ihrer Hütte, jetzt aus dem Gefängnis. Sie erwartet eine unheimliche Welt, doch nicht wegen der Gegner, die die CIA auf sie hetzt; vielmehr verwirrt sie das, was ein normales Kind Tag für Tag erlebt, durchlebt: Gefühle.

So schließt sie sich einer Familie in Marokko an und findet ihre erste Freundin. Immer wieder zoomt Wright auf Hannas Gesicht, während ihre kolossal blauen Augen einen Punkt, einen Gegenstand, eine Regung versuchen zu finden, die sie kennen. Doch bis zum Schluss findet Hanna sich nicht zurecht, flieht aus einem Hotelzimmer, als sie elektronische Geräte entdeckt und flucht, als ihre Sinne zu explodieren drohen. Bei dieser Familie findet sie ihre Emotionen, erkennt sie aber nicht, deutet sie nicht richtig. Sie kann nicht töten, nicht kämpfen, zumindest nicht jetzt, wie sie es Jahre lang mit ihrem Vater gemacht hat – sie entfloh ihrem Leben, brach aus, zog los mit einem Ziel: Marissa töten. Doch findet sie lediglich das Alltägliche einer Jugendlichen – alles hat Hanna erwartet, nur das nicht.

Und doch beweist sich Hanna ein ums andere mal in Kampfszenen, die steril und kalt eine 16-Jährige zeigen, die in Perfektion zuschlägt und mordet. Das kann sie, wird sie immer können, egal was kommt, unabhängig von ihrer Gefühlswelt. Nebenbei donnert und wummert der beste Soundtrack seit Jahren von den Chemical Brothers, der Hanna im Kampf surreal werden lässt, irgendwie fernab des Gewöhnlichen. Irrsinnige Kamerafahrten und Perspektivwechsel verdeutlichen das Märchen in diesem Film, eben das Phantastische, das hier innewohnt in den Charakteren. Da ist das junge Mädchen, das die Welt kennen lernt; da ist die grotesk überzeichnete Widersacherin; da ist der verspielte Verrückte, der hilft.

Wer ist Hanna (2011) Filmbild 2

Aber ein Märchen lebt vor allem durch das Wesen der Protagonistin, in diesem Fall Hanna. Innerhalb weniger Stunden bei dieser neuen, ungewöhnlichen Familie leuchten ihre Augen, als sie ihre erste Freundin das erste Mal als diese wahrnimmt. Es ist ein Leuchten, so wunderschön, unbeschwert und gleichzeitig zutiefst traurig, das dem Film die vielleicht eindrucksvollste, dabei auch stillste Szene beschert. Viele dieser kurzen Augenblicke der jugendlichen Naivität, etwa in einem zuckersüßen Grimm’schen Haus in Deutschland, eröffnen dem Zuschauer eine unwirkliche Welt, in der ein Mädchen erst jetzt ihre Kindheit entdeckt.

Doch auch Hannas Vater Erik stellt sich der CIA, prügelt sich in einer sensationellen Plansequenz mit einigen Verfolgern und entdeckt weitere Seiten der Handlung. Letztlich verliert die eigentliche Geschichte zunehmend an Reiz, weil sie wenig originell ist. Zeitweise wirkt Wer ist Hanna? himmelschreiend konstruiert, auch die Auftragskiller der CIA sind Abziehbilder gängiger Klischees. Aber ist das wirklich schlimm? In diesem Fall nicht, denn das wahre Erlebnis steckt hinter der so kühlen, langsam bröckelnden Fassade von Hanna.

Wer ist Hanna (2011) Filmbild 3Und da ziert es sich nicht, Lobhudelei zu vermeiden: Saoirse Ronan wandelt sich auf kurz oder lang zu einer ganz Großen in Hollywood. Man schaue sich nur Natalie Portman in Leon, Ellen Page in Hard Candy oder Jodie Foster in Taxi Driver an – alle zum Zeitpunkt des Drehs jung und so gar nicht zu den Rollen passend. Ronan wandelt auf den selben Pfaden und schenkt dem verspielten und oft kuriosen Märchen ihre eindringliche Präsenz, mal vorsichtig erotisch, mal naiv kindlich, mal bis zur Unkenntlichkeit grausam.

Regisseur Wright überlässt hier also nichts dem Zufall; er vernachlässigt die ohnehin löchrige Handlung für die Inszenierung eines modernen Märchens im 21. Jahrhundert, mit groß aufspielenden Schauspielern und furiosen Actionszenen, bis alles in einem Finale mündet, das zeigt, wie Hanna ein weiteres Herz verfehlt. Meines jedoch hat sie erobert, und zwar gehörig.

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