The Wolf of Wall Street, USA 2013 • 180 Min • Regie: Martin Scorsese • Drehbuch: Terence Winter  Mit: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Bernthal • FSK: ab 16 • Kinostart: 16.01.2014Website

Als Martin Scorsese im Jahr 2007 erstmals den Oscar für die beste Regie empfing, konnte niemand erahnen, dass dies einen Wendepunkt in seiner Filmvita markieren sollte. Der Altmeister wirkt seitdem viel gelöster, wie befreit von der ewigen Jagd nach dem Goldschatz und widmete sich in den folgenden Jahren Themen zu, die man ihm nicht zugetraut hätte: Er schuf den Film „Shutter Island“, einen Psychothriller mit Horror- und Mystery-Stilmitteln, sowie „Hugo Cabret“, eine technisch umwerfende Fantasy-Hommage an die Anfänge des Kinos. Im Fahrwasser der wieder entdeckten Experimentierfreude schwimmt auch sein neuster Film, The Wolf of Wall Street, ein bizarrer und bitterböser Börsenfilm, von dem niemand so recht weiß, ob er Anklage gegen das System, Glorifizierung, Satire, Filmbiographie oder schwarze Komödie ist. Im Zweifel ist er das alles. In jedem Fall aber ist Scorseses ungewohnt freizügiger Film verdammt lustig und gewiss Gegenstand kontroverser Diskussionen unter Moralpredigern.

Nach dem schwarzen Montag an der New Yorker Börse im Jahr 1987, dem größten Börsenkrach seit dem 2. Weltkrieg, steht der junge Broker Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) auf einmal ohne Job da. In einer abgehalfterten Maklerbude startet er von Neuem und wickelt mit rhetorischer Begabung und zwielichtiger Moral seine Kunden um den Finger. Zusammen mit seinem besten Freund Donnie Azoff (Jonah Hill) und einigen Freunden, die ihn vergöttern wie einen Heiligen, gründet er eine eigene Maklerfirma und baut sich ein Millionenimperium auf. Mit seinem Reichtum finanziert er einen exzessiven Lebenswandel, der von Parties, Drogen, Prostituierten und schnellen Rennwagen geprägt ist. Das Leben auf der Sonnenseite des Lebens scheint perfekt, als er die aufregende Naomi kennenlernt, doch langsam brauen sich dunkle Wolken zusammen: die Machenschaften von Belfort bringen schon bald das FBI auf seine Fährte…

The Wolf of Wall Street (2013) Filmbild 1Viel Kritik musste sich Martin Scorsese zuletzt, in Zeiten der Bankenkrisen, die jede Menge Empörung in der Öffentlichkeit hervorgerufen haben, nach dem Kinostart von The Wolf of Wall Street in den USA anhören. Zu ordinär, zu oberflächlich und viel zu unkritisch gehe er mit dem delikaten Thema um, so hieß es. In der Tat lässt sich Scorseses neuer Film nicht ganz so leicht einordnen. Wenn der Protagonist Belfort dauer-high durch die Wall Street taumelt und Schrottanlagen verkauft, mit den ergaunerten Millionen einen Luxusfuhrpark zusammenstellt, wilde Sex-Orgien feiert und dabei im Drogenrausch umkippt, was unvermeidlich die Lachmuskeln der Zuschauer schwer angreift – ist das dann Satirik? oder doch Bewunderung für einen zwar völlig verdorbenen, aber gerissenen Kriminellen, der aus der Gier seiner Anleger Kapital schlägt? Schließlich basiert der Film auf den Memoiren von eben jenem Jordan Belfort, der vermutlich eine recht eigene Sicht auf die Geschichte hat. Die beständigen Off-Kommentare der Figur, die autobiographisch anmuten, und der Cameo-Auftritt vom echten Belfort am Ende des Films sprechen sogar eher für Zweiteres. Nichtsdestotrotz ist diese Aufregung wohl vor allem den stürmischen Zeiten geschuldet, denn wir erinnern uns gerne zurück an allseits beliebte Filmcharaktere wie Tony Montana, Don Vito Corleone oder auch Gordon Gekko, dem König aller Börsenhaie, die allesamt mit, sagen wir mal vorsichtig, etwas unlauteren Mitteln zu Reichtum gekommen sind.

Drehbuchautor Terence Winter jedenfalls versteht sich bestens darauf, Milieustudien mit schwarzem Humor zu verknüpfen, wie er als Stammautor für die Erfolgsserie “Die Sopranos” und seiner eigenen HBO-Show “Boardwalk Empire”, einer Serie über das Verbrechersyndikat der 20er Jahre, belegte. Für The Wolf of Wall Street musste er nochmal eine Schippe drauflegen: ob Zwergenwerfen auf Zielscheiben, Sexorgien im Büro, Masturbieren in der Öffentlichkeit oder Koks-Schniefen aus dem Hintern einer Prostituierten – das Gespann Scorsese und Winter erzählt die skurrilsten Anekdoten aus dem Leben von Jordan Belfort und zelebriert diese regelrecht – da bleibt garantiert kein Auge trocken. Die Figuren bewegen sich dabei gefährlich nah an der Grenze zur Karikatur, insbesondere Donnie, Jordans bester Freund, der von Jonah Hill in seiner schrulligen Art bravourös gespielt wird. Dennoch gelingt es Terence Winter einmal mehr, nicht zu überheizen und hinter die Fassade aus Geld und Luxus vorzudringen. Dahinter verbirgt sich ein Mensch, der, von seiner Gier zerfressen, langsam ins Verderben stürzt und Konsequenzen fürchtet. Der Balanceakt zwischen Komödie und Drama gelingt, trotzdem muss man sich bewusst machen, dass The Wolf of Wall Street viel näher an einer Komödie ist als an einem Kriminalthriller, komplexe Figuren und Dramaturgie sind rar. Oder ums kurz zu sagen: „Fear and Loathing in Las Vegas“ trifft auf „Goodfellas“.

The Wolf of Wall Street (2013) Filmbild 2Spannung kommt daher nur selten auf, die Ermittlerarbeit von FBI-Agent Patrick Denham, gespielt von Kyle Chandler, wird nur sehr kurz angerissen und findet ihren Höhepunkt in einer Konfrontation auf Belforts Luxusyacht. Scorsese findet augenscheinlich großes Gefallen an dem exzessiven Partyleben seines Protagonisten und erdrückt damit jede Chance auf Spannung und Thrill. Böse Zungen behaupten, das sei für einen Scorsese zu ordinär. Fakt jedoch ist, dass dank der maßlos überzeichneten Inszenierung über ein riesiges Arschloch der Unterhaltungspegel bei stattlichen 180 Min. Laufzeit permanent sehr hoch ist. Und hätte das Studio dem Meisterregisseur keine Daumenschrauben angelegt, wäre die Laufzeit wohl noch großzügiger ausgefallen. Und ganz ehrlich: ich hätte es gerne gesehen. Mit seiner eingespielten Cutterin Thelma Schoonmaker, die mit ihren berüchtigten schnellen Schnitten wieder ganze Arbeit geleistet und das Leben im Hochgeschwindigkeitsbusiness an der Wall Street toll eingefangen hat, bastelte Scorsese bis zuletzt an dem finalen Cut, der von einer ursprünglich vierstündigen Montage auf drei Stunden runtergebrochen wurde. Eine mögliche Veröffentlichung des Extended Cuts auf Blu-ray und DVD wird von Scorsese erwogen.

All das hätte aber niemals realisiert werden können ohne den Hauptdarsteller, Leonardo DiCaprio! Der langjährige Schützling von Scorsese wird von jenem an der langen Leine gelassen und darf sich in seiner exzentrischen Rolle diesmal richtig austoben. Als aufgeputschter Charmeur elektrisiert DiCaprios Figur nicht nur die aufgescheuchte Belegschaft, die er wie ein Sektenführer mit schwungvollen Reden aufhetzt, sondern auch den Zuschauer in seinem Kinositz. Aber auch die Nebenrollen treffen voll ins Schwarze, vom eben erwähnten Jonah Hill, über Margot Robbie, die zarteste Versuchung in einem Scorsese seit Sharon Stone, Rob Reiner mit seinen Joe-Pesci-Gedächtnis-Wutanfällen, bis hin zu Matthew McConaughey, der als Mentor von Belfort einen sehr bizarren Kurzauftritt hat.

Fazit

An der Frage, ob Martin Scorseses Film mit dem Thema Dekadenz in der Welt der Hochfinanz hart genug ins Gericht gehe, scheiden sich die Geister. Eines steht jedoch fest: Noch nie hat ein Scorsese-Film so viel Spaß gemacht!  The Wolf of Wall Street ist ein irrer Trip durch den Wall-Street-Dschungel mit vielen witzigen Anekdoten aus dem regen Leben von Jordan Belfort.

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