The Tribe (2014) Kritik

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The Tribe (2014) Filmkritik
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Gesamt

Plemya, NL/UA 2014 • 132 Min. • Regie: Miroslav Slaboshipitsky • Mit: Grigoriy Fesenko, Yana Novikova, Rosa Babiy, Alexander Dsiadevich, Yaroslav Biletskiy, Ivan Tishko • Kinostart: 15.10.2015 • Deutsche Website

The Tribe (2014) Filmbild 1Es ist eine unglaublich triste Welt, in die Regisseur Miroslav Slaboshipitsky uns und Hauptprotagonist Sergey (Grigory Fesenko) entführt. Dreckig und kalt ist sein neues Zuhause: Ein Internat für Gehörlose, das aussieht wie ein Gefängnis und damit fast sinnbildlich für die Gefilde stehen könnte, in die sich Sergey schnell begibt. „The Tribe“, eine viele Mitglieder umfassende Gang, die das Internat unter ihrer Kontrolle hat, nimmt den Neuen nämlich sofort unter ihre Fittiche. Gewalt, Raub und Prostitution prägen ihren Alltag. Dabei verzichtet Slaboshipitsky in seiner Erzählung auch weitestgehend darauf, die schulischen Aktivitäten mit einzubinden, sondern konzentriert sich voll und ganz auf das kaputte Leben abseits des Klassenraums. In diesem muss sich Sergey zwangsläufig durchsetzen, damit er nicht wie andere unter dem Druck der Gang leidet und verliebt sich dabei in Gangmitglied und Schulkameradin Anna (Yana Novikova), die ihren Körper jede Nacht an Lastwagenfahrer verkauft.

The Tribe (2014) Filmbild 2Lange Aufnahmen, die auch in den schlimmsten Momenten schonungslos draufhalten, machen die dichte und gezielt Unwohlsein erregende Atmosphäre von The Tribe aus. Dialoge gibt es unter den Gehörlosen natürlich nicht und auch auf Untertitel wird bewusst verzichtet. Damit kehrt der Film mit seinen viel durch Mimik und Gestik arbeitenden Schauspielern nicht nur zu den Wurzeln des Kinos zurück, es ist auch ein äußerst mutiges Vorgehen. Das reine Erzählen durch die Kraft der Bilder bleibt in Hollywood oft auf der Strecke. Man verlässt sich auf erklärende Voiceover oder TV-Zusammenschnitte, die als Exposition dienen. Der Handlung von The Tribe kann man jedoch allein durch seine Bildsprache folgen. Allein dadurch ist dieses Experiment schon ein Sieg für das Kino, dem man Beachtung schenken sollte. Außerdem profitiert die Atmosphäre davon und die ruhige Erzählstruktur kann in ihren explosionsartigen Momenten ihre volle Wirkung entfalten.

Personen mit einem dünnen Nervenkostüm sollten diesen Film jedoch trotzdem meiden, denn The Tribe raubt einem mit seiner Skrupellosigkeit oft den Atem. Mord und Totschlag, Prostitution, Vergewaltigung und sogar eine Abtreibung sind Teil des zutiefst beklemmenden Bildes, das Miroslav Slaboshipitsky in seinem ersten Langspielfilm zeichnet. Der Verzicht auf Untertitel spielt dabei eine entscheidende Rolle. Dadurch weiß man oft nie, wo die Reise als nächstes hingeht und die schrittweise ansteigende Schockwirkung der Ereignisse und die somit immer einhergehende böse Vorahnung, führen zu einem nervenaufreibenden Spiel mit den Erwartungen.

The Tribe (2014) Filmbild 3Die engagierten Schauspieler sind alle selbst gehörlos und bringen deshalb eine sehr ausdrucksstarke Gestik mit sich. Alle strengen sich merkbar an, doch trotzdem leidet die Authentizität hier und da leider doch etwas unter ihrem Spiel. Allein Hauptdarsteller Grigory Fesenko liefert durchgehend gute Arbeit ab und verarbeitet seine Charakterentwicklung überzeugend in seinem Mimik- und Gestikspiel. Es sind oft Kleinigkeiten, die einen durch ihre offensichtliche Falschheit aus dem Film ziehen, was sehr schade ist. So muss sich Sergey zu Anfang zum Beispiel in einem Kampf beweisen, der in der sonst so ernsten Atmosphäre unglaublich einstudiert und lächerlich wirkt. Auch auf der technischen Seite bewegt man sich durchaus im soliden Bereich. Auch wenn einige Einstellungen des talentierten Kameramanns Valentyn Vasyanovych oft doch etwas zu gedehnt ausfallen, schafft er es durchweg, atmosphärische Bilder zu generieren.

Mit The Tribe lässt Rapid Eyes Movement die Filmreihe „Freie Radikale“ los. „Freie Radikale sind Fundstücke, die heftige Reaktionen hervorrufen“, heißt es in der Erklärung. Und so verabschiedet sich der erste Vertreter mit einem lauten Knall, der noch lange nach dem Film nachwirkt. Faszinierend, ja. Aber auch eben dadurch schwer zu mögen.

Fazit

Dieser Film hinterlässt Spuren. The Tribe ist ein schweres, hartes und höchst unangenehmes Stück Kino. Miroslav Slaboshipitsky zeichnet ein verstörendes Bild einer kranken Gesellschaft, in einer dunklen, einsaugenden Atmosphäre und macht The Tribe damit zum Feel-Bad-Film des Jahres!

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