The Sessions – Wenn Worte berühren (2012)

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ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

The Sessions, USA 2012 • 95 Min • Regie & Drehbuch: Ben Lewin • Mit: John Hawkes, Helen Hunt, William H. Macy, Moon Bloodgood, Annika Marks • Kamera: Geoffrey Simpson • Musik: Marco Beltrami • FSK: ab 12 Jahren • Verleih: 20th Century Fox • Kinostart: 03.01.2013

 

Ben Lewins „The Sessions“ erzählt die außergewöhnliche Geschichte eines Mannes, der sich nach Jahrzehnten in einer Eisernen Lunge zum sexuellen Akt mit einer Frau entschließt. Es ist eine wahre Geschichte, die auf dem Artikel „On Seeing A Sex Surrogate“ des Journalisten und Poeten Mark O’Brien basiert.

Sessionsx3Seitdem er mit sechs Jahren an Polio erkrankt ist, kann Mark nicht mehr ohne die Beatmungsmaschine leben – er verbringt die meiste Zeit eingesperrt in diesem massiven Apparat und ist vom Hals abwärts gelähmt, das körperliche Empfinden hat er allerdings nicht verloren. Wir lernen ihn als 38-Jährigen kennen, der sich letztlich ein Herz fasst und etwas vollbringen möchte, das für die meisten Menschen, die von einem ähnlichen Schicksal verschont geblieben sind, fast alltäglich ist: Er möchte zumindest einmal in seinem Leben echten Sex haben. Der wahre Mark O’Brien ist im Jahre 1999 im Alter von nur 49 Jahren an den Folgen einer Bronchitis gestorben und wird in Lewins Film von John Hawkes („Winter’s Bone“) gespielt. Es ist eine schwierige Rolle, die der Oscar-Nominee da auf sich genommen hat, nicht nur weil er über die gesamte Laufzeit auf dem Rücken liegen muss und dabei lediglich seinen Kopf bewegen kann – Ausdruck kann er sich nur durch seine Worte und die Mimik verschaffen. Berühren muss Mark die Frauen auf emotionale Weise. Ein erster Versuch, seiner attraktiven Assistentin Amanda (Annika Marks) seine Gefühle für sie zu gestehen, schlägt diese in die Flucht. Was kann er tun, damit er von den Frauen nicht nur mit Mitleid, sondern eben als normaler Mann mit normalen Bedürfnissen betrachtet wird? Unterstützung erhält er von dem Priester Vater Brendan (William H. Macy), der ihm auch für sein geplantes Abenteuer den Segen erteilt. Jetzt fehlt noch ein Mensch, der ihm auch bei der Umsetzung des Vorhabens sichere Tipps geben kann. Und so lernt Mark die Sextherapeutin Cheryl (Helen Hunt) kennen …

Sessionsx1„The Sessions“ ist ein Film mit einem etwas anderen Thema. Während Geschlechtsverkehr auf der großen Leinwand in der Regel eher der Belustigung dient oder zum reinen Selbstzweck verkommt, geht es in Ben Lewins Arbeit um mehr als das große S oder F. Ja, hier haben wir einen Mann, der Sex haben will, aber darunter geht es auch um Akzeptanz und einen Kampf gegen Konventionen und den Zweifel an sich selbst. Denn wer hat sich wahrhaftig schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie es sein mag, im Inneren wie alle anderen zu sein, aber seine Pläne physisch nicht ausführen zu können? Buchstäblich im Körper gefangen zu sein. Natürlich erzählt „The Sessions“ zunächst von Mark O’Briens persönlichen Erfahrungen, aber man kann dessen Geschichte auch auf andere Situationen übertragen, das macht den Film zusätzlich interessant. Man muss nicht gelähmt sein – beispielsweise auch die schlichte Unfähigkeit, sich vor dem anderen Geschlecht entsprechend zu repräsentieren, kann einen Menschen in sexuellen Fragen verzweifeln lassen. Mit Marks Dilemma können sich letztlich vermutlich mehr Zuschauer identifizieren, als das zunächst den Anschein hat.

Sessionsx4Vor allem wird „The Sessions“ von seinen fantastischen Schauspielern getragen, die hier mutig – zum Teil gänzlich – ihre Hüllen fallen lassen und dabei zusätzlich emotional Blöße zeigen. Der Fokus liegt klar auf John Hawkes, der nach vielen toughen Figuren in einer ungewohnt sensiblen Rolle glänzt und für diese auch gesundheitliche Risiken, wie das permanente, verkrümmte Liegen auf einem Schaumpolster, in Kauf genommen hat, um Mark O’Brien wirklich authentisch darzustellen. Noch mehr jedoch vermag Helen Hunt zu verblüffen, die der Sextherapeutin die richtige Mischung aus Professionalität und Wärme verleiht. Cheryl geht einem Beruf nach, von dem man vorher womöglich noch nie etwas gehört hat. Eine Sextherapeutin tut im Prinzip genau das, was die Bezeichnung verspricht, nur kann man sich diese Kombination aus Analyse und körperlicher Nähe vermutlich nur schwer vorstellen. An dieser Stelle kommt eine weitere, spannende Facette ins Spiel: Cheryl ist verheiratet und hat ein Kind. Ihr Ehemann Josh (Adam Arkin) akzeptiert ihre Tätigkeit, auch wenn das bedeutet, dass er den Körper seiner Frau mit anderen teilen muss. Aber hier gibt es auch Grenzen. Die Arbeit bleibt Arbeit und die Klienten dringen nicht in das familiäre Privatleben vor. Mit Mark jedoch ist das etwas anderes, das spürt sie selbst, aber auch Josh. Eine des ergreifendsten Szenen des Films zeigt Cheryl, wie sie einen Brief von Mark liest. Ein verbotener Moment, denn es sind Worte, die tiefer als das größte Sexabenteuer in einen Menschen vordringen und im Inneren verbleiben – vielleicht ist das der wichtigste Punkt, den „The Sessions“ setzt, ohne dabei je die fleischlichen Gelüste abzuwerten oder den tragischen Kern der Geschichte krampfhaft über die humorvollen Einlagen zu stemmen.

Sessionsx2Nicht jedes Element in Lewins Film (der Regisseur musste während seiner Kindheit übrigens selbst aufgrund von Polio lange Zeit in der Eisernen Lunge verbringen, im Gegensatz zu Mark konnte sich sein Körper jedoch weitgehend regenerieren) mag den richtigen Ton treffen – so sorgen die Gespräche mit dem durchaus sympathischen Vater Brendan für einige Erheiterung, wirken aber im Gesamtbild manchmal etwas aufgesetzt. Natürlich ist die Frage, ob sein Plan nun im religiösen Rahmen verwerflich sei, für einen gläubigen Christen wie Mark eine relevante. Nur führt der Film diese nie in die Tiefe, sondern versucht eher, die oft engstirnigen Ansichten vieler Geistlicher auf gewisse Weise vorzuführen. Das zwickt dann allerdings nur die Konservativsten unter uns ein wenig, der Rest der Zuschauer dürfte diese Momente hingegen eher als leichte Kost im bitter-süßen Drama wahrnehmen. „The Sessions“ bietet trotz seiner episodenhaften Erzählweise genug Stoff, von dem man sich auffangen und inspirieren lassen kann. Es ist ein teils melancholischer, teils schöner, teils trauriger und in erster Linie rührender Film, der ein Stück eines kraftvollen Menschen durch kraftvolle Performances wieder zum Leben erweckt. So etwas sieht man gern.

Wer sich nun noch weiter mit Mark O’Brien beschäftigen möchte: Die Oscar-gekrönte Kurzdokumentation „Breathing Lessons: The Life and Work of Mark O’Brien“ (1996) von Jessica Yu zeichnet ein direktes Porträt des faszinierenden Mannes.


Trailer