The Girl with All the Gifts, GB/USA 2016 • 112 Min • Regie: Colm McCarthy • Drehbuch: Mike Carey • Mit: Gemma Arterton, Paddy Considine, Glenn Close, Sennia Nanua, Dominique Tipper • Kamera: Simon Dennis • Musik: Cristobal Tapia de Veer • FSK: ab 16 Jahren • Verleih: Universum Film • Kinostart: 9.02.2017 • Heimkinostart: 21.06.2017 • Deutsche Website

Die Geschichte des Zombie-Subgenres ist alles andere als homogen. Während in den Anfängen Gruselikone Bela Lugosi in dem Klassiker „White Zombie“ eine Frau noch mit Hilfe Schwarzer Magie in ein willenloses Geschöpf verwandelte, erfuhren die beliebten Horror-Kreaturen über drei Dekaden später mit George A. Romeros Meilenstein „Die Nacht der lebenden Toten“ eine radikale Frischzellenkur. Weg von dem noch relativ zahmen Bild der ergebenen Untertanen und hin zu Horden fleischfressender Ghule, die in ihrer Ära vor allem als Synonym für eine rücksichtslose Konsumgesellschaft dienten. Inzwischen ist der Zombie aus der bunten Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken: Ob Kino, TV, Buch oder Videospiel. Ob schlürfend oder flink auf zwei Beinen. Ob bitterernst oder humorvoll – das Interesse an den Untoten scheint im Laufe der Zeit eher gewachsen als stagniert zu sein. Nicht zuletzt der Serien-Evergreen „The Walking Dead“ hat vor sieben Jahren zusätzlich Kohlen in den Popularitäts-Ofen geworfen. Auch der auf Mike Careys Roman „Die Berufene“ basierende Dystopie-Thriller „The Girl with All the Gifts“ widmet sich diesen bedrohlichen Wesen und verleiht ihnen zugleich ein menschliches Anlitz. Im Zentrum stehen hier nicht etwa verweste Schreckgestalten, sondern Kinder, die aufgrund einer mysteriösen Pilzinfektion von einem instinktgetriebenen Hunger dominiert werden.

Nach einer apokalyptischen Epidemie, die große Teile der Zivilisation entweder ausgerottet oder in umherstreifende Karnivoren – sogenannte Hungries – mutiert hat, wird in einer umkämpften Militärbasis noch immer nach einem Impfstoff geforscht. Als Versuchsobjekte dienen besondere Kinder, die von dem Pathogen zwar befallen sind, aber neben dem mörderischen Hunger noch ihre Intelligenz und menschlichen Eigenschaften besitzen. Die aufgeweckte Melanie (Sennia Nanua) ragt mit ihrem empathischen Wesen aus der kleinen Gruppe hervor und ist sowohl der Liebling ihrer Lehrerin Helen Justineau (Gemma Arterton), wie auch der der kühlen Wissenschaftlerin Dr. Caroline Caldwell (Glenn Close). Dass auch sie aber letztlich nicht mehr wert ist als die Erkenntnisse, die sich aus ihrem Körper gewinnen lassen, muss Melanie schon bald erfahren. Lediglich ein fataler Großangriff der Hungries und das beherzte Eingreifen Justineaus bewahren das Mädchen vor der geplanten Sezierung. Zusammen mit ihrer Retterin, Dr. Caldwell und dem grimmigen Sergeant Parks (Paddy Considine) muss sie sich nun durch die von ihren aggressiven Artgenossen bevölkerte Landschaft schlagen und eine neue Schutzzone finden. Während zu Anfang das Misstrauen bei ihren Begleitern vorherrscht, zeichnet sich mit der Zeit ab, dass das zarte Monster mit seinem einmaligen Gespür die einzige Chance für das Überleben aller darstellt …

Wie die meisten Genre-Vertreter, die sich bewusst von reiner B-Ware abheben, verzichtet auch der durch TV-Serien bekannte Regisseur Colm McCarthy (u.a. „Peaky Blinders“) in „The Girl with All the Gifts“ auf den inflationären Begriff „Zombie“. Zusammen mit Mike Carey, der sich neben dem Roman auch gleich für die Drehbuchadaption verantwortlich zeichnet, entwirft er eine Survival-Story, die neben Richard Mathesons großem Original „Ich bin Legende“ inhaltlich wie stilistisch besonders an Danny Boyles „28 Days later“ und die qualitativ fast ebenbürtige Fortsetzung „28 Weeks later“ erinnert. Rau und blutig ist der Kampf durch die von den Infizierten überrannte Stadt, und die trostlosen Bilder lassen Gedanken an reale Kriegsschauplätze aufkommen. Kinder sind hier nicht die Opfer der offensichtlichen Feinde, sondern werden im Zeichen des Fortbestandes der Menschheit geschlachtet. Doch bedeuten Kinder nicht generell Zukunft? Der Film wirft in seinem actionreichen Horrorgerüst spannende moralische Fragen über den Wert eines Individuums im Angesicht des Aussterbens einer gesamten Bevölkerung auf. Wie menschlich muss ein Infizierter sein, um sich seinen Platz neben der Ursprungsspezies zu verdienen? Mit der Figur von Melanie, die von der Newcomerin Sennia Nanua absolut fantastisch gespielt wird, kann die Geschichte nicht nur auf eine starke Identifikationsfigur zurückgreifen, sondern verfügt zugleich auch über eine ambivalente Heldin, die im schlimmsten Fall auch Tod und Verderben über ihre Truppe bringen könnte. Während ihr die idealistische Justineau als treue Verbündete zur Seite gestellt wird, ist es Oscar-Nominee Glenn Close („Eine verhängnisvolle Affäre“) als rein rational funktionerende Dr. Caldwell, die keine Abweichungen von ihrer glasklaren Agenda akzeptiert und deshalb knallhart agiert.

Wenn sich der gängige Zombie-Dunst in der zweiten Hälfte lichtet und die junge Melanie in den Straßen auf Gleichaltrige stößt, baut das Werk zudem eine Nähe zu William Goldings „Herr der Fliegen“ auf, in dem Schüler nach einem Schiffsunglück auf einer Insel stranden und dort ohne den Einfluss Erwachsener überleben müssen. In „The Girl with All the Gifts“ entspricht diese Katastrophe der langsamen Dämmerung der Menschheit und der möglichen Entstehung einer neuen Zivilisation. Können die Kinder in Harmonie mit den letzten Menschen existieren? Das etwas süßliche Ende mag den Film vielleicht nicht besonders elegant abrunden, doch mindert es den sehr positiven Gesamteindruck nicht nachhaltig. Colm McCarthy ist ein packender, emotionaler und gelegentlich extrem grausamer Eintrag ins Genre-Buch gelungen, der neben dem Ozploitation-Kracher „Wyrmwood – Road of the Dead“ zu den aktuell besten Vertretern seiner Art gehört. Wie wichtig selbst in Geschichten über Untote lebendig gezeichnete Protagonisten sind, unterstreicht das Werk dann auch gleich doppelt.

Mit inszenatorischer Kraft und ambitionierten Performances ist der spannende wie intelligente „The Girl with All the Gifts“ weit mehr als eine Schlachtplatte für Splatterfans.


Information zur Heimkinoveröffentlichung

Ab dem 21. Juni 2017 ist The Girl with All the Gifts im Verleih von Universum Film in deutscher und englischer Sprachfassung (mit wahlweise deutschen Untertiteln) als DVD und Blu-ray erhältlich.

Neben dem Hauptfilm liegen der DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung folgende Extras vor:

The Girl with all the Gifts BD
• Behind the Scenes
• Interviews
 
 
 
 
 
(Cover © Universum Film)


Trailer