Captain America: Civil War, USA 2015 • 146 Min • Regie: Joe Russo, Anthony Russo • Mit: Chris Evans, Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Sebastian Stan, Anthony Mackie, Don Cheadle, Tom Holland, Paul Bettany, Emily VanCamp, Paul Rudd • FSK: ab 12 Jahren • Kinostart: 28.04.2016

Handlung

Durch ihre Einsätze in New York und Sokovia haben die Avengers Millionen von Menschenleben gerettet, jedoch nicht ohne einige zivile Verluste. Nach dem Fall von S.H.I.E.L.D. fehlt den autonom operierenden Helden jegliche Rechtsgrundlage, was sie in den Fokus schärfster Kritik rückt. Als es bei einem Einsatz zur Ausrottung der Überbleibsel der finsteren Organisation HYDRA in Lagos zu einem tragischen Zwischenfall mit Kollateralschäden kommt, bringt dies den Fass zum Überlaufen. Entsprechend einer von 117 Ländern unterzeichneten Vereinbarung soll die Avengers-Initiative unter die Kontrolle der UN gestellt werden, die fortan entscheiden soll, wann und wo die Avengers eingesetzt werden. Wer nicht unterzeichnet, darf nicht länger unter dem Mantel der Avengers agieren. Der von Gewissensbissen und privatem Versagen geplagte Tony Stark alias Iron Man (Robert Downey Jr.) ist Feuer und Flamme für das sogenannte Sokovia-Abkommen, doch Steve Rogers/Captain America (Chris Evans) hat verständliche Zweifel, insbesondere nach der kürzlichen Aufdeckung der Unterwanderung der Regierung durch HYDRA. Die Angelegenheit wird noch komplizierter, wenn Captains Jugendfreund Bucky alias Winter Soldier (Sebastian Stan) wieder auf der Bildfläche auftaucht und für einen furchtbaren Terrorangriff verantwortlich gemacht wird. Während Steve an seiner Schuld zweifelt, wird Bucky  zum Töten freigegeben. Die Ereignisse spitzen sich zu und jeder Held muss sich entscheiden, wofür und an wessen Seite er oder sie steht.

Kritik

„Ich möchte mit Ihnen über die Rächer-Initiative reden.“ Mit diesen Worten von Samuel L. Jacksons S.H.I.E.L.D.-Leiter Nick Fury nach dem Abspann von Iron Man wurde vor acht Jahren das möglicherweise größte in sich geschlossene Film- und Serienuniversum geboren, das die Welt je gesehen hat. Dieses Universum hatte seitdem viele Höhen, einige (geringfügige) Tiefen, doch zwölf Filme und vier Serien nach Iron Man ist The First Avenger: Civil War, wie der dritte Captain-America-Film hierzulande bedauernswerterweise heißt, der beste Beweis dafür, dass Marvel trotz zahlreicher Erfolge nicht auf den Lorbeeren für die bewährte Formel ausruht, sondern diese weiterhin kalibriert und perfektioniert. Um es auf den Punkt zu bringen – Civil War ist der reifste und komplexeste Film von Marvel sowie deren bester, der auf der Erde spielt (ich schummele hier zugunsten des bislang ungeschlagenen Favoriten Guardians of the Galaxy).

The First Avenger Civil War (2016) Filmbild 1Wenn man dem Film überhaupt etwas vorwerfen kann, dann, dass er seine volle Wirkung auf die Zuschauer nur dann entfaltet, wenn sie sich in Marvels Kinouniversum stets auf dem Laufenden gehalten haben. Will man eine ernste, emotionsgeladene Geschichte erzählen, deren Protagonisten u. a. ein hundertjähriger Supersoldat, zwei Männer in Metallanzügen, ein als Panther verkleideter afrikanischer Prinz und zwei Helden, die sich Ameisenmann und Spinnenmann nennen, sind, läuft man mitunter Gefahr, in die Unglaubwürdigkeit oder gar ins Lächerliche abzugleiten. Dass es hier zu keinem Zeitpunkt dazu kommt, ist einerseits der gelungenen Figurenzeichnung zu verdanken, die die jeweiligen Motivationen gut beleuchtet und sehr nachvollziehbar macht sowie den Menschen stets vor seinem Super-Alter-Ego stellt. Andererseits funktioniert der Aufbau des Konflikts aber auch, weil die bisherigen Filme und Serien einen Rahmen geschaffen haben, in dem diese Charaktere glaubwürdig wirken. In gewisser Hinsicht ist Civil War also die direkte Konsequenz und die vorläufige Zuspitzung aller Ereignisse, die wir in Marvels bisherigen Filmen gesehen haben. Erst lernten die Zuschauer verschiedene Figuren dieser Welt kennen, verfolgten ihre Entwicklung mit, sahen wie sie zu einem Team zusammenwuchsen und Freunde wurden. Und wenn nun zwischen sie ein Keil getrieben wird und aus Freunden vielleicht nicht Feinde, aber auf jeden Fall Gegner werden, die auf unterschiedlichen Seiten eines Konflikts stehen, bei dem die Grenzen zwischen Richtig und Falsch verschwimmen, fühlt man mit den inneren Konflikten und der Zerrissenheit der Charaktere mit.

The First Avenger Civil War (2016) Filmbild 2Die Handlung von Civil War knüpft direkt an Age of Ultron an und man kann sich insbesondere angesichts der Fülle an Charakteren aus dem Marvel Cinematic Universe leicht dazu hinreißen lassen, den Film als ein inoffizielles Avengers-Sequel zu sehen. Wäre es so, dann wäre es der bislang beste Avengers-Film. Doch The First Avenger: Civil War verliert nie den Fokus auf die Titelfigur, dessen Desillusion mit der Regierung im scharfen Kontrast zu seinem Ruf als Amerikas strahlender Held, an dem bereits im letzten Film kräftig gerüttelt wurde, steht. Steves Freundschaft mit Bucky und seine Zerrissenheit hinsichtlich seiner Pflichten, Loyalitäten und Freundschaften spielen hier eine tragende Rolle und treiben die Handlung des Films voran. Captain America wird vermutlich nie der interessanteste Charakter von Marvels Kinouniversum sein und Chris Evans ist nicht der charismatischste Schauspieler, doch die Entwicklung, die der Charakter seit seinem ersten Auftritt durchgemacht hat, ist erstaunlich, und er ist eine Herzhälfte von Civil War. Die andere ist Robert Downey Jr., der im Film seine beste Marvel-Performance seit dem ersten Iron Man abliefert. Von den flotten Sprüchen und der arroganten Überheblichkeit ist nur noch wenig übrig. Obwohl er gemeinsam mit den Avengers die Welt bereits zweimal gerettet hat, fühlt sich Tony Stark keineswegs als großer Held oder als Gewinner. Beide Figuren folgen ihren Gewissen, versuchen das Richtige zu tun und haben gute Argumente für ihre jeweilige Position. Wenn zwischen ihnen unvermeidlich die Fäuste fliegen, fiebert man nicht nur mit einem der beiden mit, sondern fühlt auch die Tragik des Konflikts. Erst vor wenigen Wochen traten bereits zwei eigentlich gut gesinnte Comic-Titanen auf der Leinwand gegeneinander an. Doch während sowohl der Kampf zwischen Batman und Superman als auch zwischen Captain America und Iron Man mit großer Intensität inszeniert sind, hat der letztere Konflikt das deutlich größere emotionale Gewicht dahinter und die bessere Vorbereitung. (es wird das einzige Mal bleiben, dass ich Parallelen zwischen den beiden Filmen ziehe, versprochen!)

The First Avenger Civil War (2016) Filmbild 3Regisseure Joe und Anthony Russo erschufen mit The Return of the First Avenger einen mit Paranoia und Angst vor Regierungsüberwachung gefüllten Thriller im Superheldenfilm-Gewand und feierten damit einen beeindruckenden Einstand in Marvels Universum. In Civil War legen sie noch eine Schippe drauf. Die Ernsthaftigkeit des Vorgängers wird hier mit einem größeren Spaßfaktor und einem deutlich gewachsenen Ensemble balanciert, womit sich die beiden bestens für die Regie des anstehenden Avengers: Infinity War-Zweiteilers qualifizieren. Fast jeder Held bekommt hier seinen Moment im Rampenlicht. Ein überraschend großer Fokus wird auf Elizabeth Olsens telekinetisch begabte Wanda gelegt, die mit dem Ausmaß ihrer Kräfte und der Gefahr, die von ihnen ausgeht, zu kämpfen hat und von Gewissensbissen geplagt wird. Währenddessen muss sich Scarlett Johanssons Natasha zwischen ihren Freunden und dem, was sie für richtig hält, entscheiden, und das philosophierende, synthetische Superwesen Vision (Paul Bettany) sucht die Menschlichkeit in sich. Paul Rudds Auftritt als Scott Lang alias Ant-Man hat eher den Charakter einer längeren Gastrolle, doch man ist umso dankbarer für ihn und Tom Hollands Spider-Man, die die spannungs- und emotionsgeladene Stimmung auflockern und damit verhindern, dass der Film in einer zu aufgesetzt wirkenden Ernsthaftigkeit versinkt. Wenn es eine Schwachstelle im Ensemble gibt, dann am ehesten Don Cheadles Rhodes/War Machine, der hier wenig mehr ist als Tonys Ja-Sager und eine schwächere Version von Iron Man.

The First Avenger Civil War (2016) Filmbild 4Man kann und sollte über den Film nicht reden, ohne seine zwei großen Neuzugänge im Marvel-Universum zu erwähnen. Tom Holland und Chadwick Boseman behaupten sich als Spider-Man und Black Panther fantastisch neben dem bereits etablierten Cast und könnten nicht unterschiedlicher sein. Boseman repräsentiert die Ernsthaftigkeit des Films und spielt die Rolle mit der nötigen Würde, Weisheit, aber auch gelegentlichen Hitzköpfigkeit eines jungen Mannes mit einer großen Verantwortung und einer sehr persönlichen Vendetta, der er außerhalb der Teams Cap und Iron Man nachgeht. Neben Iron Man, Captain America und dem Winter Soldier hat er vielleicht sogar die größte Rolle in dem Film und meistert sie mit solcher Bravour, dass man nicht einmal auf die Idee kommt, zu hinterfragen, wieso er eine solche Kraft besitzt, die ihn mit Captain America und Co locker mithalten lässt. Doch es wird zweifellos Tom Hollands Peter Parker/Spider-Man sein, über den die meisten in den Wochen nach dem Kinostart reden werden. Sollten noch irgendwelche Zweifel hinsichtlich seiner Besetzung oder der Idee eines weiteren Spider-Man-Darstellers bestanden haben, werden sie nach diesem Film gänzlich verfliegen. Sein Peter Parker ist die bislang vorlagengetreuste Darstellung des nerdigen, hyperaktiven, überbegeisterten und nonstop sprücheklopfenden (an einem Punkt wird er ermahnt, dass man beim Kämpfen normalerweise weniger reden sollte) Teenagers, die man im Kino gesehen hat. Sobald er die Bühne betritt, stiehlt er die Show und obwohl seine Rolle im Film gar nicht mal so klein ist, wünscht man sich noch viel mehr von ihm. So wie The Avengers den Hulk in den Augen vieler Fans und Kinogänger „rehabilitiert“ hat, schafft Civil War das mit Spider-Man und zeigt wieder einmal, dass Marvel mit den eigenen Charakteren am besten umzugehen weiß. Das macht wirklich Lust auf seinen eigenen Film, der nächsten Sommer in die Kinos kommt.

Ein weiterer Franchise-Neuling ist Daniels Brühl Helmut Zemo, der einzige echte Antagonist des Films. Sein bislang nahezu gänzliches Fehlen in der Marketingmaschine entspricht seinem subtilen, aber dennoch wirkungsvollen und leise bedrohlichen Auftritt. Brühls Zemo steht vielleicht nicht so sehr im Vordergrund wie die meisten bisherigen Marvel-Schurken und hat keine Superkräfte, keine Maske und keinen coolen Namen wie Red Skull oder Ronan der Ankläger, doch sein Charakter ist neben Vincent D’Onofrios Wilson Fisk der menschlichste Bösewicht aus dem Marvel Cinematic Universe, dessen anfangs undurchsichtige Agenda zwar nicht furchtbar originell, aber sehr nachvollziehbar ist.

Ganz ohne Makel ist der Film nicht, auch wenn diese neben den zahlreichen positiven Aspekten nebensächlich sind. Die romantische Annäherung zwischen Steve und Emily VanCamps Sharon Carter wirkt erzwungen, um den Comicfans zu gefallen, und wird so schnell fallen gelassen, wie sie angegangen wird. Stirnrunzeln rufen auch Momente hervor, in denen eine Figur sagt, sie werde niemanden töten, und Sekunden später Polizisten mit einem Stahlbolzen durch die Wand schleudert. Diese augenscheinliche Immunität gegen schwere (oder jegliche) Verletzungen zeiht sich auch durch den großen Kampf der beiden Superheldentruppen hindurch.

The First Avenger Civil War (2016) Filmbild 5Wer sich übrigens wundert, weshalb die Actionszenen des Films bislang keine Erwähnung fanden, sollte sich keine Sorgen machen, denn die Action ist die beste, die in einer Comicverfilmung jemals zu sehen war. An dieser Stelle muss man anmerken, dass die Second-Unit-Regisseure des Films, Chad Stahelski und David Leitch, mit John Wick einen der besten Actionfilme der letzten Jahre abgeliefert haben und der Action in Civil War ihren Stempel aufgedrückt haben. Schon die erste Mission der Avengers, bei der sie Frank Grillos entstellten Bösewicht Rumlow alias Crossbones dingfest machen sollen, ist ein rasantes Actionfeuerwerk, das in seiner rauen Umsetzung und Präzision an die Bourne-Reihe erinnert. Insbesondere Anthony Mackies Falcon bekommt so einige seiner bislang besten Szenen. Doch der in jedem Trailer beworbene Höhepunkt ist natürlich die große Konfrontation zwischen den beiden Lagern am Leipziger Flughafen. Perfekt getrickst, strotzt die Sequenz vor Einfallsreichtum und Energie. Wer es aufregend fand, wie die Avengers in ihren letzten beiden Filmen als Team zusammen kämpften, wird noch größere Augen machen, wenn die Helden ihre unterschiedlichen Kräfte gegeneinander einsetzen. Dabei merkt man, wie viel interessanter es ist, wenn der Kampf nicht gegen austauschbare gesichtslose und nicht sonderlich starke Gegner ausgetragen wird. Neben der Begeisterung über die atemberaubend inszenierte Action, die so einige Überraschungen parat hält, die das Marketing zum Glück nicht verraten hat, merkt man auch, dass man keiner Seite die Niederlage wünsch und such das ist ein Geniestreich der Macher.

Dadurch, dass dieser große Showdown bereits in der Mitte des Films stattfindet, wird mit der üblichen Struktur solcher großen Comic-Blockbuster gebrochen, die die größte Schlacht in der Regel für den letzten Akt aufgewahren. Das Finale überzeugt auch bei Civil War, auch wenn es andere, intimere Akzente setzt, als man vielleicht erwarten würde. Durch diese Verlagerung der Höhepunkte und die sehr fokussierte Erzählweise, die immer wieder mit guten Charaktermomenten oder kleineren Actionszenen überzeugt, fühlt sich Marvels längster Film an wie deren kürzester, an dessen Ende man das Gefühl hat, ein großartiges Staffelfinale gesehen zu haben und voller Vorfreude die nächste Staffel erwartet. Vielleicht ist Marvels Kinouniversum ja auch genau das – das eine sehr teuere Serie, die sich auf der Leinwand abspielt und langsam aber sicher auf ihr großes Finale hinarbeitet.

Fazit

Mit der Finesse eines erfahrenen Zirkuskünstlers jonglieren die Macher von The First Avenger: Civil War mit einem guten Dutzend Charaktere, räumen nahezu allen von ihnen ihren Platz im Rampenlicht ein, verlieren dabei aber nie den Fokus auf den Kern der Geschichte, die sich präzise wie ein Uhrwerk entfaltet und eine Schicht nach der anderen freigibt. Wieder einmal balancieren Regisseure Joe und Anthony Russo schwindelerregende Action und klassische Superheldenmomente mit komplexen Fragestellungen und Themen wie Freundschaft, Verlust, Rache, Konsequenzen und Verantwortung. Die einzigen Gewinner dieses Bürgerkriegs sind die Zuschauer.

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