Stories We Tell (2012)

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Stories We Tell, CA 2012 • 108 Minuten • Regie: Sarah Polley • Mit: Michael Polley, Harry Gulkin, Geoffrey Bowes, Mark Polley, Joanna Polley • FSK: n.n.b. • Kinostart: 27.03.2014 • Internationale Website

Stories We Tell – Die sympathische Regisseurin Sarah Polley dreht eine Dokumentation, oder wie sie es selbst ironischerweise ausdrückt: „Interrogation process“ („Befragungsprozess“), über ihr Familienleben. Sie öffnet Tür und Tor für die Augen und Ohren interessierter Zuschauer; ohne Scham, ohne Scheu, mit viel Liebe, Wertschätzung und Wärme. Hierbei schält sie behutsam immer wieder eine weitere auf die Sicht der Dinge verschleiernde Schicht ab und legt die Schmerzlichkeit des Nervs von wahren Fakten und der Anfälligkeit von Erinnerungen frei. Es wird kein reißerisch aufgebauschtes Familiengeheimnis gelüftet, keine schmutzige Wäsche vorgeführt, oder irgendjemandem ein schwarzer Peter für etwaige Verfehlungen zugeschoben – nein. Diese Dokumentation ist vielmehr an der blanken Form der vielschichtigen Schilderung des Lebensweges auf der einen und auf der anderen Seite an den konstruierten Schnörkeln des Mysteriums namens „Leben“ interessiert. Nicht das „Was“, sondern das „Wie“ steht im zentralen Fokus nebst der Wiedergabegüte von Erinnerungen und damit verbundenen Gefühlen. Wahrnehmungstrübungen und individuell eingefärbten Lückenfüllern im Gedächtnis wird mit einem aufrichtigen Augenzwinkern begegnet.

Stories We Tell (2012) Filmbild 1Wer ist Sarah Polley? Sarah Polley ist eine 35-Jahre alte Kanadierin; sie ist als Schauspielerin („Dawn of the Dead“), Regisseurin („An ihrer Seite“, „Take this Waltz“) und Drehbuchautorin aktiv. Bis auf die Tatsache, dass eine Person wie sie wahrscheinlich eher in der Öffentlichkeit steht, als der nicht schauspielende Bürger, hat auch sie stets eine Familie und deren Geschichte als Gepäck bei sich. Ist es dann von Belang, etwas über Sarah Polleys Familie zu erfahren? Ja, das ist es, weil es erstens die Essenz dessen, was Familie ist, was sie lebt, wodurch sie definiert wird, auf taktvolle und nuancierte Weise auf die Leinwand transportiert. Zweitens, weil Sarah Polley es kann. Punkt. Sie kann es echt gut.

Stories We Tell (2012) Filmbild 2Ein Familienleben ist ein Potpourri aus neckischen Insider-Witzen, liebevollen Anekdoten, sinnlosen Streits, tränenreichen Versöhnungen, bedingungslosen Zusammenhalts, gemeinsamen Feiern, umfassender Trauer und überhaupt Karussell des Mikrokosmos „Geburt, Leben, Sterben“. Im Kreise der Polleys lernt der Zuschauer einen Haufen geselliger, netter Menschen kennen, die all dies durchlebt haben und sich teils sogar nervös vor der Kamera geben: „Who fuckin‘ cares about our family?“. Durch die unterschiedlichen Charaktere schleicht sich in die Geschichten Interpretation und Mehrdeutigkeit ein. Die von Subjektivität gesäumten Irrwege durch die unergründlichen Rätsel der Erinnerungen sind es dann, die durch die virtuose Arbeit Sarah Polleys von Bruchstücken zu einem Gesamtbildnis zusammengesetzt werden. Dafür setzt sie mitunter auf das Voiceover ihres Vaters Michael Polley, der mit ältlichem Charme, sanfter Stimme und Gentleman-Attitüde den Bogen um Sarah Polleys Werk spannt. Er redet über Ereignisse, väterliche Pflichten und nahestehende Personen. Viele verspielte und eingeschobene Sequenzen filmt Sarah Polley mit einer Super-8-Kamera und ihrer Familie ähnelnden Schauspielern, setzt gleichzeitig aber auch echte Aufnahmen als zusätzliche Versatzstücke ein, um ihrer Dokumentation den Flair eines Erinnerungsstückes – etwa wie ein Dia – zu geben.

Stories We Tell (2012) Filmbild 3Bei „Stories We Tell“ ist es leider viel zu leicht, Dinge vorwegzunehmen, die eigentlich einfach angeschaut werden sollten. Eine investigative Triebfeder hinter Sarah Polleys Dokumentation ist schließlich neben der reinen Narration an sich auch, (beiläufig) den Charakter ihrer Mutter zu ergründen. Dieses quirlige Energiebündel von Frau, lebensbejahend durch und durch und ihr eher beinah zaghaft zurückhaltender Ehemann: Was steckt wirklich hinter dem Running-Gag der Familie Polley, dass Sarah einen anderen Vater hat? Bei dem stringenten Auseinanderklamüsern von Ursachen und anschließenden Effekten verfällt Sarah Polleys Film nicht in Selbstgenügsamkeit. Sie bietet einen Weg oder einen Zugang an, den jeder Zuschauer entlanggehen kann, wenn er sich darauf einlassen möchte. Schwer dürfte es den meisten nicht fallen, da sich jeder mit Hören-Sagen-, „Stille Post“-Phänomenen oder gar Filmrissaufarbeitungen auseinandergesetzt hat und Geschichten im Laufe der Zeit ein Eigenleben entwickeln können – besonders in der eigenen Familie. Am Ende versteckt sich eine Schlusspointe, die sich gewaschen hat und all jenem, dem Umgang mit lückenhaften Erinnerungen, hinzu gedichteten Dekorationen und persönlich gefärbten Erfahrungen einen verschmitzten Stempel aufsetzt und aus „Stories We Tell“ eine runde, fabelhafte Erfahrung macht sowie im Grunde die mangelhafte Funktionsweise des Gedächtnisses und das Geschichtenerzählen feiert.

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