Spectre, GB/USA 2015 • 148 Min • Regie: Sam Mendes • Mit: Daniel Craig, Christoph Waltz, Léa Seydoux, Monica Bellucci, Ralph Fiennes, Naomi Harris, Dave Bautista, Ben Whishaw • FSK: ab 12 Jahren • Kinostart: 5.11.2015 • Website

Handlung

In seinem vierten Einsatz als unverwüstlicher, aber seit dem Reboot vor neun Jahren auch sehr menschlicher Superagent, jagt Daniel Craigs 007 einer Geheimorganisation hinterher, die sich SPECTRE nennt und die möglicherweise nicht nur eine Gefahr für die weltweite Sicherheit darstellt, sondern auch eine besondere Verbindung zu Bond selbst aufweist. Da aber das Doppelnull-Programm nach der Fusionierung des MI5 mit dem MI6 ein Auslaufmodell ist und der neue M (Ralph Fiennes) sich mit der Bürokratie des Übergangs und dem jungen, zielstrebigen neuen Oberchef Denbigh (Andrew Scott) herumschlagen muss, geht Bond kurzerhand (mithilfe seiner treuen Komplizen Moneypenny und Q) auf eigene Faust vor. Auf seiner Suche nach der Wahrheit und den Drahtziehern der Geheimorganisation begegnet er einem alten Feind (Jesper Christensen). Ausgerechnet dessen Tochter Madeleine Swann (Léa Seydoux), die dachte, dem gefährlichen Leben ihres Vaters längst entkommen zu sein, bringt Bond auf die Spur von SPECTRE. Doch ist der abgebrühte Agent bereit für die Wahrheit über seine Vergangenheit?

Kritik

Bei Daniel Craig als James Bond scheiden sich die Geister. Entweder man mag ihn und die neue, bodenständige Herangehensweise seiner Bond-Filme seit Casino Royale oder man tut es nicht. Für mich funktioniert der Ansatz sehr gut, denn ich hänge nicht sonderlich an der Bond-Ikonografie und die Frage, die sich mir bei jedem neuen Film stellt, ist nicht, ob es ein guter Bond-Film ist, sondern ob der Film an sich gut ist oder nicht. Unabhängig davon, wie man zu Craig selbst in der Rolle steht, hat sich längst der Konsens herausgebildet, der besagt, dass Ein Quantum Trost mit Abstand der schwächste seiner drei bisherigen Bond-Missionen ist, während Casino Royale und Skyfall jeweils unterschiedliche Stärken und Schwächen und ihre zahlreichen Befürworter haben..

Spectre Kritik 1Umso bedauernswerter ist es, dass ausgerechnet Ein Quantum Trost der erste Film ist, der sich als Vergleich zu Spectre aufdrängt. Nicht falsch verstehen, Spectre ist auf jeden Fall der bessere Film als Marc Forsters recht trost- und freudloser Beitrag zu James Bonds Erbe. So weiß Regisseur Sam Mendes im Gegensatz zu Forster immerhin wie man aufregende Action so inszeniert, dass der Zuschauer sie tatsächlich mitverfolgen kann. Den Bösewicht wird man vermutlich nicht schon eine Stunde nach der Aufführung vergessen und auch inszenatorisch ist Spectre dem vorletzten Bond überlegen. Und doch kommen Parallelen auf, die nicht nur damit beginnen und enden, dass wieder eine finstere (auch wenn diesmal dem Kanon zugehörige) Geheimorganisation im Mittelpunkt steht, deren Hauptquartier mitten in der Wüste steht und die durch gezielte Manipulationen die Geschicke der Welt lenkt. Von kleinen Details wie einem bestimmten Entscheidungsmoment am Ende des Films bis hin zur direkten Verknüpfung mit dem Vorgänger (und den beiden Filmen davor) fühlt sich Spectre zuweilen an wie (um die Worte eines geschätzten Kollegen zu nutzen) eine bessere Neuverfilmung von Ein Quantum Trost. Das ist nicht nur eine schlechte Sache, denn in seinem Ansatz, einen rachsüchtigen Bond auf eine persönliche Mission zu schicken, war Marc Forsters Film nicht verkehrt, litt jedoch unter einem unausgegorenen Drehbuch und einer missglückten Regie.

Spectre Kritik 2Diese Probleme vermeidet Spectre zum Glück größtenteils. Im Gegenteil, die Action bildet tatsächlich das Highlight des neuen Bond-Films, denn in dieser legt Sam Mendes noch eine Schippe gegenüber den Vorgängern drauf. Die Eröffnungssequenz in Mexico City während der farbenfrohen Parade zum Tag der Toten lässt den Zuschauer sofort in den Film eintauchen und Bond dabei begleiten, wie er eine exotische Schönheit (Stephanie Sigman) auf ein Hotelzimmer entführt, nur um von dort aus seine eigentliche Aufklärungsmission zu starten – alles in einer Aufnahme ohne Schnitte, wie es heutzutage trendy ist, aber dennoch immer zu erstaunen weiß. Natürlich mündet die Szene dann in explosive Action und einen wirklich spektakulären, atemberaubenden Kampf an Bord eines Hubschraubers über dem überfüllten Platz Zócalo, was zwar rückblickend nicht gerade nach einer guten Idee seitens 007 angesichts der möglichen Kollateralschäden beim Crash des Helikopters erscheint, worüber man jedoch vor lauter Spannung nicht nachdenkt. „Ich habe keine Zeit darüber nachzudenken“ sagt Craigs Bond an einer Stelle in dem Film und das trifft im Idealfall auch auf den Zuschauer zu, denn wenn man sich erst einmal mit den Unstimmigkeiten und Logiklücken der Filme auseinandersetzt, gibt es kein Ende.

Spectre Kritik 3Im weiteren Verlauf des Films folgen noch zahlreiche ebenso meisterlich inszenierte Actionsequenzen und Verfolgungsjagden, bei denen Autos, Boote, ein Flugzeug und ein weiterer Helikopter zum Einsatz kommen – meist sogar in gemischter Kombination. Wirklich herausragend ist auch ein langer, brutaler Zweikampf zwischen Craigs Bond und Dave Bautista als stummer Handlanger Hinx, dessen körperliche Präsenz alleine aussagekräftig genug ist. Gerade in dieser Szene zeigt sich wieder erfreulich, was man schon bei Casino Royale gesehen hat – Craigs Bond ist kein übermenschlicher Superheld und seinen Gegnern nicht immer überlegen. Mehr als bei den letzten drei Filmen fühlen diverse Actionmomente nach klassischem Bond an, sodass auch in heiklen Situationen gelegentlich Platz für ein wenig Humor bleibt.

Spectre Kritik 4„Die Toten leben“ verkündet der ominöse Schriftzug zu Beginn von Spectre und die Aussage ist durchaus bezeichnend für das Thema des Films. Der Weg von James Bond ist mit Leichen gepflastert, sowohl seiner Feinde als auch seiner Verbündeten, Freunde und Geliebten. Obwohl es hier aber keine wundersame Wiederauferstehung von Vesper Lynd, Le Chiffre oder Raoul Silva gibt, so hängen sie als düstere Schatten über den Ereignissen des Films, der sich Mühe gibt, alle Fäden zusammenzuführen. Wie schon bei Ein Quantum Trost wird es zu einer persönlichen Angelegenheit für Bond, doch wie auch bei jenem Film, enttäuscht auch Spectre mit mangelnder Emotionalität, insbesondere angesichts der Enthüllungen, die der Film uns präsentieren will. Nichts davon hat leider eine spürbare Wirkung und fühlt sich deshalb auch ein wenig beliebig an.

Spectre Kritik 5Es Judi Denchs M, die Bond mit einer Videobotschaft auch jenseits des Grabs auf eine weitere Mission zu Filmbeginn schickt. Diese winzige Szene erinnert einen daran, welch ein wichtiger Bestandteil Dench innerhalb der Bond-Reihe war, insbesondere bei Skyfall, und ihre Abwesenheit macht sich schmerzlich bemerkbar, auch wenn Fiennes als neuer M und Craig eine gute Chemie miteinander aufbauen. Ein überraschendes Highlight im Film ist Ben Whishaw als stets leicht genervter Q, der diesmal einen deutlich größeren und überraschend aktiven Part im Geschehen hat und für einige herrliche Momente sorgt. Das geht jedoch leider auf Kosten von Naomie Harris als Moneypenny, deren Einsatz nach dem ersten Akt kaum nennenswert ist. Sowohl Monica Bellucci als auch Léa Seydoux hinterlassen als sehr unterschiedliche Bond-Girls einen guten Eindruck, wobei Seydoux viel Verletzlichkeit und Zähheit an den Tag legt, im blau-grauen Seidenkleid eine traumhafte Figur macht, und tatsächlich Schwachstellen in Bonds harter Schale findet, aber leider keine wirkliche Chemie mit Craig aufbauen kann.

Eine große Bürde lastet dabei natürlich auf Christoph Waltz als neuer Bösewicht Franz Oberhauser, der in die Fußstapfen des genial schrillen Javier Bardem treten muss. Dass Waltz herrlich böse sein kann, weiß jeder, doch hier spult er eine Antagonistenrolle (mit der Ausnahme einer besonders fiesen Szene, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht) auf Autopilot ab und seine Motivation ist wirklich etwas hanebüchen aufgezogen. Enttäuschend ist auch, dass nach einem kurzen Auftritt im ersten Filmdrittel, der Zuschauer noch lange auf Waltz’ Rückkehr warten muss und dann ist es auch wieder schnell vorbei. Eine Fliege, die sich immer wieder auf den Projektor während der Vorführung setzte, hatte eine größere Rolle im Film, als Waltz. Schade, denn der Charakter hatte Potenzial.

Es ist jedoch, wie schon immer, Craigs Show und der Schauspieler fühlt sich in seiner Haut als Doppelnull wieder einmal sehr wohl. Bond-Puristen wird es freuen, dass Spectre näher an die alten Bond-Filme herankommt als Craigs bisherige Filme und damit sind nicht nur die zahlreichen Verweise gemeint, sondern auch der allgemein verspielte, sich zuweilen nicht zu ernst nehmende Ton und ein 007, der sich mittlerweile direkt einen geschüttelten, nicht gerührten Martini bestellt und immer wieder einen lockeren Spruch über die Lippen bringt. Sollte es tatsächlich sein finaler Film sein (und danach fühlt er sich auch wirklich an), dann ist die Verabschiedung durchaus gelungen.

Spectre Kritik 6Vielleicht ist es gerade diese Rückbesinnung auf das Klassische, die den Film in der langen Bond-Geschichte einfach nicht herausstechen lässt, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, bei dem Sam Mendes noch mehr Risiken einging und einen wirklich ungewöhnlichen Film erschuf, der zugleich sein langes Erbe respektierte. Bei Spectre fühlt es sich mehr so an, als würde Mendes die To-Do-Checkliste der klassischen Bond-Elemente abhaken. Vermisst habe ich auch den Kameramann Roger Deakins, dessen unterkühlte Farbpalette und fantastisches Spiel mit Licht und Schatten manche Szenen von Skyfall so atemberaubend machte, dass man sie einrahmen wollte. Hoyte von Hoytema (Interstellar) sorgt für schön üppige Aufnahmen der zahlreichen Locations und wärmere Farben, lässt aber die Vision von Deakins Arbeit vermissen. Was auch irgendwie für den Film selbst gilt.

Fazit

Mehr eine etwas aufgebesserte Version von Ein Quantum Trost denn ein weiterer Casino Royale oder Skyfall: Spectre ist ein solider Franchise-Beitrag und ein akzeptabler (möglicher) Abschied von Craig als James Bond. Doch trotz der aufregenden Action, der Rückbesinnung auf sehr klassische James-Bond-Elemente und der Bemühungen, Craigs Amtszeit als James Bond eine Krone aufzusetzen, wird Spectre nur eine Fußnote in der langen, abwechslungsreichen Bond-Geschichte bleiben.

Trailer

Zu unserer ersten Spectre-Rezension geht es hier lang.