Zum Tod von Richard Glatzer – Ein Plädoyer

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© Danny Moloshok/Reuters

© Danny Moloshok/Reuters

Richard Glatzer, Co-Regisseur von Still Alice – Mein Leben ohne gestern, ist tot. Wie seine Familie mitteilte, endete sein Leben mit der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) vergangenen Dienstag. Glatzer wurde 63 Jahre alt und hinterlässt neben anderen seinen Ehemann und Co-Regisseur Wash Westmoreland. Darüber hinaus  hinterlässt er der Welt Still Alice, die feinfühlige Verfilmung des Romans von Lisa Genova über eine Mutter, die mit einer frühen, aggressiven und erblich bedingten Form von Alzheimer zurecht kommen muss. Glatzer und Westmorelands Film ist ein wichtiger Beitrag zu einem offeneren und besseren Umgang mit dieser und ähnlichen Krankheiten. Deswegen ist es schade, wie wenig mediale Aufmerksamkeit seinem Schicksal und seinem Schaffen zuteil wird.

Schon während der Dreharbeiten verlor Glatzer in Folge seiner Erkrankung die Fähigkeit zu sprechen. Er verständigte sich durch eine Sprachsoftware mit den Schauspielern. Hauptdarstellerin Julianne Moore sagte in einem Interview mit Inidiewire:

In light of what we were doing on the movie, you think it’s going to be challenging at first and it ends up not being that challenging. […] He [Glatzer] was pretty eloquent with how he wrote and how he communicated emotionally. It forced us to think about what’s real because Richard and Wash are experiencing another form of what’s happening in this movie.

(In Anbetracht dessen, was wir mit diesem Film erreichen wollten, dachten wir zuerst es würde schwierig werden, unter diesen Bediengungen. Am Ende war es das nicht wirklich. […] Er [Glatzer] war sehr eloquent in seiner Schreibweise, genauso wie er auf einer emotionalen Ebene kommunizierte. Es hat uns gezwungen über die Wirklichkeit nachzudenken, denn Richard und Wash erleben eine andere Form dessen, was im Film passiert.)

Der körperliche Verfall von Glatzer schritt ebenso rasant fort, wie der geistige Zerfall von Alice im Film. Zwei Tage vor der Oscar-Verleihung 2015 wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert. Den Triumph von Moore in der Kategorie "Beste Hauptdarstellerin" verfolgte er vom Krankenbett aus. Zu diesem Zeitpunkt konnte er sich nur noch über eine spezielle Apparatur verständigen, die er mit seinem großen Zeh bediente.

Am selben Abend, als Moore ihren ersten Oscar entgegennahm, ehrte die Academy außerdem Eddie Redmayne in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller" für seine Rolle und sein Spiel in Die Entdeckung der Unendlichkeit. Der Brite verkörpert darin den Physiker Stephen Hawking – ein weiterer großer Geist, der sein Leben mit ALS bestreitet. Außerdem ist Hawking ein leuchtendes Beispiel dafür, dass ein ALS-Patient nicht bloß "der Kranke" ist, sondern auch Ehemann, Vater, Genie. Oder eben, im Fall von Glatzer, Ehemann und Regisseur.

Ein trauriger Zufall ist es, dass vor wenigen Tagen der Fantasy-Autor und Scheibenwelt-Schöpfer Terry Pratchett an den Folgen seiner Alzheimer-Erkrankung verstarb. Zu Lebzeiten diktierte er seine letzten Bücher Ghostwritern und setzte sich intensiv mit dem Thema Sterbehilfe auseinandern.

Die beiden Krankheiten haben von ihrer Natur her wenig miteinander zu tun – eine greift hauptsächlich den Körper, die andere hauptsächlich den Geist an – doch Betroffene und Angehörige stellen sie vor ähnliche Herausforderungen. Wie geht man damit um, wenn der Mensch, den man kennt und liebt sich unaufhaltsam verändert, stets auf Hilfe angewiesen ist, aber dennoch nicht als hilfsbedürftig oder Pflegefall angesehen werden will?

Darum dreht sich Still Alice, ein Film der seine Geschichte aus der Sicht der Erkrankten erzählt. Durch ihre Augen sehen wir, wie sich die Welt und die Menschen um sie herum schleichend verändert. Am eindrücklichsten sind die Szenen, in denen Menschen über sie, aber nicht mit ihr Reden. Einzig Tochter Lydia (die wundervolle Kristen Stewart) stellt die entscheidende Frage: "Wie fühlst Du Dich? Wie fühlt es sich an?"

Sowohl ALS als auch Alzheimer sind allgegenwärtig. Doch im Gegensatz zu beispielsweise Krebs findet eine gesellschaftliche Auseinandersetzung damit so gut wie nicht statt. In Still Alice gibt es einen verbitterten Verweis darauf, wenn Alice niedergeschlagen seufzt, sie hätte lieber Krebs. Mit einem Tumor könnte sie sich wenigstens unter Leute wagen. Vor einem Geschäftsessen ist sie zuvor geflohen. Zu groß ist ihre Angst, sie könnte sich blamieren oder – wahrscheinlich viel schlimmer – mit falschem Mitleid bedacht werden, wenn sie an einfachsten Aufgaben scheitert.

Vor einem Jahr wurde Youtube mit Videos von Menschen geflutet, die sich Eiswasser über dem Kopf kippen. In der Hoffnung auf fünf Minuten Internet-Ruhm und vielleicht auf eine Wunderheilung von ALS. Die blieb aus. Genau so wie die Stimmen derer – darunter viele Betroffene – die Kritik an der Aktion verlauten ließen, weitgehend unbeachtet blieben.

Unbeachtet dürfte auch Still Alice bleiben. Trotz Oscar-Gewinns, läuft der Film nur in vergleichsweise wenigen Städten (105 laut Insidekino zum Vergleich, zynischer Action-Quatsch wie Kingsman: The Secret Service freut sich über Beachtung in 440 Städten). Das ist schade, entgeht uns so die Chance, einen wichtigen Beitrag zum Umgang mit tatsächlichen Problemen wahrzunehmen. Kino kann, sollte, ja, vielleicht sogar, muss mehr leisten als kurzweilige Zerstreuung. Still Alice und seine Macher leisten dies vor und hinter der Leinwand.

Die Presse – und wir als Leser – interessieren uns aber scheinbar nicht dafür. Wir sind Charlie, wir weinen um Robin Williams und schniefen über einem großen Eimer Popcorn Anfang kommenden Monats über den (ohne Frage: tragischen) Tod von Paul Walker. Sobald das Licht angeht und die Leinwand weiß wird, ist all das vergessen. Tränen im Regen.

Vielleicht sollten wir die Geschehnisse der vergangenen Tage und Wochen nicht nur als Chance sehen, sondern diese auch ergreifen.

In Gedenken an Richard Glatzer, Terry Pratchett, Robin Williams und Paul Walker.