Wreck-It Ralph, USA 2012 • 101 Min • Regie: Rich Moore • Drehbuch: Phil Johnston & Jennifer Lee • Originalstimmen: John C. Reilly, Jack McBrayer, Jane Lynch, Alan Tudyk, Ed O’Neill • Musik: Henry Jackman • FSK: ab 6 Jahren • Verleih: Walt Disney • Kinostart: 06.12.2012 • Website

 

Was machen eigentlich all die Pixelhelden, wenn die Spielhallen am Abend ihre Pforten schließen? Auf diese und noch mehr Fragen zur Videospielwelt hat „Ralph reicht’s“, die von Rich Moore („Die Simpsons“) inszenierte, neue Animationsgaudi aus dem Hause Disney, einige haarsträubende Antworten parat. Randale-Ralph (im Original gesprochen von John C. Reilly, in der deutschen Fassung von Christian Ulmen) heißt die Titelfigur mit vollem Namen. Ralphs tägliche Aufgabe besteht darin, einen Wohnblock dem Erdboden gleich zu machen – während sein Kollege Fix-It Felix (aus dem gleichnamigen Game) diesen mit seinem magischen Hammer wieder aufbaut. Ein frustrierender Job, der dazu nicht einmal mit Lob oder einer Auszeichnung belohnt wird. Im Gegenteil: Nach getaner Arbeit darf sich Ralph auf seine einsame Müllhalde zurückziehen, während Felix und seine Freunde unbekümmert ihren Triumph über den Störenfried feiern. Nur Helden bekommen Medaillen in solchen Spielen, die Bösen gehen leer aus – so ist das eben! Selbst von den anderen Schurken aus seiner Selbsthilfegruppe bekommt Ralph keine nützlichen Tipps. Zu seiner Natur zu stehen bringt ihm immerhin noch keine Anerkennung ein. Darum macht sich der gutherzige Unhold auf, sich ein neues Umfeld zu suchen, in dem er endlich auch mal Gutes verrichten darf. Eine handfeste Katastrophe für die Fix-It Felix-Gemeinde, wie auch für die Protagonisten aus zwei weiteren Games …

Ganz klar ist dieser dreidimensionale Kinospaß vor allem ein Fest für all jene, die selbst mit den zahlreichen zitierten Figuren aus den grundverschiedenen Games aufgewachsen sind. Aber „Ralph reicht’s“ schließt natürlich auch das jüngere Publikum nicht aus, das vielleicht nur noch am Rande mit Sonic the Hedgehog, Bowser oder Q*bert und Co vertraut ist. Das Feuerwerk an völlig irrwitzigen Einfällen und rasanter Action baut nämlich auf einer einfachen wie sympathischen Geschichte von zwei Außenseitern auf: Der Held sucht einen Neuanfang und stößt dabei auf den kessen Programmierfehler Vanellope. Beide Charaktere werden von ihrer Umgebung nicht geduldet. Während Ralph jedoch seine einseitige Rolle im Game lediglich nicht passt, wird Vanellope von den Herrschern der klebrigen Abenteuerwelt Sugar Rush wie ein schmutziges Geheimnis gehütet. Um den Weg auf die kunterbunte Rennpiste zu schaffen, braucht sie Ralphs Hilfe – und der klobige Zerstörer erkennt, dass sich hier vielleicht seine große Möglichkeit auftut, eine ganz eigene Heldentat zu verrichten.

Als Identifikationsfigur für die kindlichen Zuschauer bietet sich nun vor allem die wunderbar gestaltete, kulleräugige Zuckerwelt-Göre an, die mit ihrem rotzfrechen Mundwerk aber auch den Eltern (oder generell älteren Kinogängern) eine wahre Freude sein dürfte. Ralph dagegen ist der freundliche Rammbock vom Dienst, der optisch sicherlich nicht zufällig seinem Automatenvorfahren Donkey Kong ähnelt. Auch sein Gefährte Felix macht im Verlauf Bekanntschaft mit einem weiblichen Wesen aus einem fremden Gameuniversum. Dieses hört auf den Namen Sergeant Calhoun und ist eine toughe Kriegeramazone neueren Datums. Ein schmachtendes Kompliment der Marke „du bist so hoch aufgelöst“ kann sich der 8-Bit-Protagonist zumindest nicht verkneifen – ein Treffen der Gamegenerationen, das bietet das Werk schließlich obendrein. „Ralph reicht’s“ punktet erst recht, wenn er seine ganz eigene Welt in den sogenannten Arcaden präsentiert: Von einer riesigen Halle aus erreichen die Helden und Fieslinge ihr zugewiesenes Reich in den Spielgeräten. Das Prinzip ist ganz einfach, denn wer seine Arbeit nicht vernünftig verrichtet und genügend Kids an den Automaten zieht, wird ausgestöpselt und sozusagen obdachlos. Es gibt aber ebenso Charaktere, die mit ihrem Ego durch die Decke gehen und absichtlich versuchen, ihre Konkurrenz zu sabotieren und dafür als Turbo andere Games infiltrieren.

Anders als etwa das Sommer-Highlight „Merida“ entpuppt sich Moores Film als deutlich leichtfüßigeres Bonbon für Jung und Alt, das obendrein eher an Vorgänger der Pixar-Schmiede, wie beispielsweise „Toy Story“, erinnert, als dies deren aktuelle, zuvor erwähnte Produktion tut. Man könnte fast behaupten, Disney und ihr langjähriger Partner im Animationsgeschäft tauschen dieses Mal von der Ausrichtung die Plätze. Aber ob nun Disney oder Pixar auf dem Etikett steht, soll eigentlich egal sein – denn was letztlich zählt, ist schließlich die Qualität. Und hier lässt „Ralph reicht’s“ mit seinen vielfältigen Ideen, der passenden Mischung aus rasantem Tempo und Humor, sowie zahlreichen Zitaten aus Spiel und Kino, kaum Wünsche offen. In Ordnung, es ist nicht Shakespeare – aber Ralph heißt eben auch nicht Macbeth. Dies ist nicht großer Arthouse-Anspruch, sondern clevere Unterhaltung in nicht zu aufdringlichem, angemessenem 3D-Gewand. Wer also mehr über die Herkunft des Turbo-Ausdrucks, die Vorteile von Lachschlangen oder die Rolle des Sauren Drops erfahren möchte, sollte nun unbedingt das Lichtspielhaus des Vertrauens aufsuchen und eine Karte für genau diese kleine Wundertüte lösen.

Bildmaterial © Disney


“Im Flug erobert” von John Kahrs

Übrigens: Hier lohnt es sich ausdrücklich, rechtzeitig im Kinosaal Platz zu nehmen – der ebenfalls animierte, fast komplett in schwarz-weiß gehaltene Vorfilm „Im Flug erobert“ von John Kahrs erzählt eine magische Liebesgeschichte mit dringendem Papierfliegeralarm.


Trailer