Queen of the Desert (2015)

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ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Queen of the Desert, USA/MA 2015 • 128 Min • Regie: Werer Herzog • Mit: Nicole Kidman, James Franco, Robert Pattinson, Damian Lewis, Jenny Agutter FSK: n.n.b. • Kinostart: n.n.b.

„Du wirst die jungen Männer nicht mit deiner Intelligenz verschrecken!“, mahnt die Mutter der Titelfigur. Gleichsam ist Werner Herzogs schwelgerisches Historienabenteuer Unterhaltungskino, wenn auch kunstvolles. Seine Titelfigur ist die britische Entdeckerin, Archäologin, Botschafterin und Autorin Gertrude Bell, deren Kenntnis der heimischen Stämmen ihr im frühen 20. Jahrhundert einen außergewöhnlichen politischen Einfluss verschaffte.

Queen of the Desert (2015) Filmbild 1„Domestiziert“ fühlt sich die junge Heldin im Heim ihrer wohlhabenden Eltern, deren Verständnis für ihren Freiheitsdrang nur so weit reicht, wie er mit der dekorativen Frauenrolle der viktorianischen Epoche vereinbar ist. Nein, Gertrude (Nicole Kidman) ist kein angel in the house, wie das damalige Ideal der fürsorgenden Gattin und Mutter konstruierte. „Dieses Weib!“, nennt sie einer der Offiziere Winston Churchills (stets zu erkennen an Zigarre und launigen Kommentaren: Christopher Fulford), als man die Gebiete des zerfallenen Osmanischen Reichs absteckt und aufteilt. Andere Staatsmänner haben noch feindseligere Bezeichnungen für die Forscherin und Autorin, von deren Beratung ihr historisches Unterfangen abhängt. Zwölf Jahre dauerte Gertrudes Weg zu solcher Geltung, auf die es die entschlossene Reisende nie abgesehen hatte. In dieser Zeit zog sie, begleitet von ihrem zuverlässigen Diener Fattuh (Jay Abdo) mit einer kleinen Karawane von Jordanien durch Mesopotamien, Syrien und Kleinasien bis nach Arabien. Die Männer, die in diesen Jahren ihren Weg kreuzten, vermochten nicht sie von diesem abzubringen.

Queen of the Desert (2015) Filmbild 2Mit der ihm eigen subtilen Hand zeichnet Herzog ironische Analogien, die sich erst auf den zweiten Blick enthüllen. Auf dem Ball, dem die einleitende mütterliche Warnung vorangeht, tanzt Gertrude pflichtbewusst mit drei Kavalieren. Der erste prahlt mit seinen Jagdtrophäen, der zweite will gleich „Unzucht treiben“, der letzte ist zu kurzsichtig, um sie von anderen Damen zu unterscheiden. Die Tanzpartner antizipieren die potentiellen Lebenspartner, die sich später um die Protagonistin bemühen. Trotz deren gesellschaftlichen und politischen Status wirken die Anwärter neben der charakterstarken Heldin seicht, selbstverliebt oder moralisch feige. Herzogs unerwartete Darstellerwahl unterstützt diesen Eindruck. Robert Pattinson wirkt als Lawrence von Arabien wie ein großer Junge, James Franco (im zweiten von drei Franco-Filmen nach meiner Filmreihenfolge) wie ein sentimentaler Schönling, und zuletzt ist der verheiratete Richard Wylie (Damian Lewis) zu ängstlich, seine soziale Reputation der Liebe zu opfern. Ehrerbietung und Empathie findet Gertrude vielmehr bei den Einheimischen. Sie schätzen ihren Respekt vor der persischen Kultur, deren intensive Farben und Vielfalt in berückendem Kontrast zur grauen Tristesse Englands stehen, sie spüren ihre Sehnsucht nach der Wüste, der allein, wie sie schreibt, ihr Herz gehört.

Queen of the Desert (2015) Filmbild 3Eine Gartenarrangement Cardogans beschreibt die Entdeckerin als „vollkommenen Albtraum aus Blumen und Düften“. Solch ambivalente Bemerkungen und dem gegenüber die Schönheit der gleißenden Dünenlandschaft und persischen Dichtkunst erinnern beständig daran, dass die konventionelle Gesellschaft für Gertrude immer ein Käfig bleiben wird. Bei all den amtlichen Würdigungen, derer sie im späteren Leben zuteil wird, hält sie es nie lange darin aus. Nach dem Verlust ihrer Jugendliebe notiert sie in ihrem Tagebuch, dessen narrative Stimme die Handlung untermalt, auf dem schwarz-weißen Schachbrett des Lebens habe der Tod den Sieg davon getragen. Dennoch ist sie auf diesem Brett die Dame und Königin, wie der Regisseur und die Charaktere sie nennen: die stärkste Figur und die einzige, die frei überall hinzuziehen kann. Gertrudes Resümee über dieses rastlose Leben umfasst zugleich die Schönheit und die dramaturgische Limitation der epischen Romanze. Die Dinge, die sie gesehen habe, ergäben ein großartiges Gemälde: „Eines, das nur ich zeichnen könnte.“ So bleibt auch Herzogs Bild letztlich unvollkommen.

Filmausschnitt

Kritik zuvor erschienen auf legacy.de/mm-home