Population Boom (2013)

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Population Boom (2013) Filmkritik
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Population Boom, AT 2013 • 93 Min • Regie: Werner Boote FSK: ohne Altersbeschränkung • Kinostart: 27.03.2014Deutsche Website

„Das Weltwirtschaftssystem kann nicht verhindern, dass Menschen Menschen lieben und Kinder haben wollen.“, sagt Werner Boote in seinem zweiten Dokumentarfilm. Er soll „das Märchen von der Überbevölkerung“ beenden – und es augenscheinlich ersetzen durch das des drohenden Geburtenrückgangs, der dem österreichischen Filmemacher schwant.

Population Boom (2013) Filmbild 2Die Überbevölkerungstheorie unterstützt vor der Kamera bloß ein chinesischer Regierungsbeamter. Kritisches Nachhaken liegt Boote wenig, Selbstinszenierung dafür umso mehr. Man darf zusehen, wie er in belebten Metropolen mit aufgeschlagener Zeitung auf der Fahrbahn steht und in Mumbai an Mukesh Ambanis Wolkenkratzer-Residenz hinaufblickt. Der indische Milliardär sagt im TV-Interview, sein Unternehmen unterstütze Paare, die ihre Geburten kontrollieren. Geburtenkontrolle ist ein unangenehmes Wort, das beim Zuschauer Bilder von Zwangssterilisation und vernichtenden Geldbußen wecken soll. Im Gespräch mit dem Regisseur befürwortete der Exekutivdirektor des UN Population Fund dabei etwas anderes: Familienplanung. In Mexiko sank dank verbesserten Zugangs zu Bildung und Verhütungsmitteln die Nachwuchsrate von sechs Kindern pro Frau auf statistisch optimale 2,1. Der Anwalt Enrique Mendoza Morales indes sieht die Entwicklung als üble Kampagne der USA im Kampf gegen den Kommunismus. Eine Zwei-Kinder-Quote hält die Bevölkerung stabil. Aber wenn das Altersverhältnis mal kippt, wer soll dann die Senioren versorgen? In Österreich sei das ein Riesenproblem, meint Boote und erwähnt nebenbei, dass er seinen reproduktiven Beitrag zur Alterssicherheit geleistet hat.

Population Boom (2013) Filmbild 1Für ihn habe festgestanden, „dass der Film die viel verbreitete Lust an der apokalyptischen Vision eines übervölkerten Planeten nicht bedienen würde.“ Stattdessen bedient er die Lust an der apokalyptischen Vision eines kinderlosen Planeten. In China herrscht schon jetzt Frauenmangel, weswegen ein chinesischer Kritiker der Ein-Kind-Politik einen Kriminalitätsanstieg prognostiziert: „Männer sind aggressiver.“ Der chinesische Bräutigam, dessen Zukünftige Boote Komplimente macht, hat also Glück gehabt, eine abbekommen zu haben. Dass die Ursache die unterprivilegierte Stellung von Mädchen in Chinas Gesellschaft ist, wird ausgeblendet. Ebenso konkrete Rechnungen oder Graphiken über Bevölkerungsdichte. Sie ist das wahre Problem, da immer mehr arme Menschen auf immer engerem Raum zusammengepfercht leben, während die Reichen ganze Landstriche besitzen. „Money buys space.“, erklärt der kenianische Autor Ndirangu Mwaura und die indische Aktivistin Farida Akther legt dar, dass nicht die Entwicklungsländer, sondern die Weltwirtschaftsmächte die Ressourcen ausschöpfen. Doch Boote dienen solch substanzielle Argumente gegen Überbevölkerungs-Paranoia allzu oft als Stichwort für Albernheiten.

Population Boom (2013) Filmbild 3Mit ihnen drängt der Regisseur sich selbst vor die Thematik, die er sich durchaus fragwürdig kommentiert. Er kritisiert etwa, dass neben AIDS-Medikamenten Verhütungsmittel nach Afrika geschickt wurden. Obwohl Kondome bekanntlich schützen – nicht nur vorm Kinderkriegen. Menschen, für die Fortpflanzung nicht ganz oben auf der To-Do-Liste steht, (Menschen ohne Kinderwunsch kennt die Filmwelt nicht) erscheinen als Opfer staatlicher Zwänge, ideologischer Manipulation oder der Konsumgesellschaft. Wenn sich eine werdende Mutter in einer kenianischen Geburtsstation auf ihr Baby freut, warum dann nicht mehr westliche Frauen? Auf die implizite Frage gibt die Reportage keine Antwort, wohl da sie dem dramaturgischen Konsens zuwiderliefe. Eine schlüssige Erklärungsmöglichkeit bietet dafür Mwaura: Wer gebildet und sozial gesichert ist, bekommt statistisch weniger Kinder. Entgegen des sprichwörtlichen „Kinderreichtums“ ist der eigentliche Luxus, keine ungewollten Kinder haben zu müssen. Vielerorts haben Frauen inzwischen mehr Lebensoptionen als Vollzeitmutter und Männer lösen sich von traditionalistischen Erwartungshaltungen wie den Erhalt des Familiennamens.

Fazit

Verbesserte medizinische Versorgung und ökonomische Unabhängigkeit befreit viele westliche Eltern von der Problematik, die eine Mehrfachmutter in Mumbais Slums artikuliert: dass man aufgrund der hohen Kindersterblichkeit besser Nachkommen auf Vorrat hat. Diese Kalkulation ist nicht weniger zynisch als die im Film erwähnte Aufforderung an indische Frauen, sich sterilisieren zu lassen, um Haushaltsartikel zu gewinnen. Boote indes fährt der Kontroverse auf einem übervollen Zug davon und wirkt in der Masse fast euphorisch. Soviel Spaß macht das Bad in der Menge – aus der Touristenperspektive, zumindest.

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