Utopia HBO David Fincher

Quelle: The Guardian

Wenn in einer Kino-News-Meldund der Name "David Fincher" fällt, horchen alle Cineasten weltweit auf. Mit Filmen wie Sieben, Fight Club, The Social Network und Der seltsame Fall des Benjamin Button hat Fincher über die letzten 20 Jahre Kinogänger und Filmkritiker weltweit begeistert und sich über jeden Zweifel hinaus den Status als einer der größten Regie-Visionäre unserer Zeit erarbeitet. Nachdem Fincher lange Zeit als ein grandioser, aber unterschätzter Filmemacher galt (Fight Club erhielt trotz seiner großen Fangemeinde nur eine Oscarnominierung und war in finanzieller Hinsicht ein Flop), hat er es mit seinen letzten drei Filmen (Benjamin Button, The Social Network, Verblendung) endlich geschafft, unter die absolute Elite auszusteigen. Jeder der drei spielte mehr als $220 Mio weltweit ein. Insgesamt 26 Oscarnominierungen ernteten die Filme und haben sieben Trophäen gewonnen. Fincher selbst ging leider immer leer aus. Ab heute erobert seine neue Bestsellerverfilmung Gone Girl die US-amerikanischen Kinos (und seit gestern schon die deutschen) und bereits jetzt zeichnet sich ab, das es sich wieder um einen wahrscheinlichen Oscarkandidaten handelt.

Doch auch im Serienbereich hat David Fincher bereits seinen Fingerabdruck hinterlassen. Für den Video-On-Demand-Anbieter Netflix produziert er $100 Mio teure Politserie "House of Cards", die nächstes Jahr in die dritte Runde gehen wird. Für die Regie der ersten Serienfolge erhielt Fincher den begehrten Emmy.

Was steht für den genialen Filmemacher also demnächst an? Ein Kinofilm ist es nicht. Aus dem Steve-Jobs-Biopic ist er ausgestiegen und auch seine lange geplante Adaption von Jules Vernes "20,000 Meilen unter dem Meer" kam nicht zustande. Stattdessen nimmt sich Fincher einer TV-Serie an und was für einer!

Bereits im Februar haben wir berichtet, dass David Fincher gemeinsam mit der "Gone Girl"-Autorin Gillian Flynn die bahnbrechende britische Thrillerserie "Utopia" für den US-Sender HBO adaptieren wird. Nach "House of Cards" dreht Fincher also wieder ein Remake einer britischen Serie an. Die Vorlage ist allerdings deutlich moderner. Erst diesen Sommer lief in Großbritannien die zweite Season von "Utopia", weitere Staffeln sind geplant. "Utopia" handelt von vier Comic-Fans, die in Besitz eines seltenen Graphic Novels gelangen, "The Utopia Experiments". Daraufhin werden sie von den gnadenlosen Killern einer Geheimorganisation gejagt, deren Plan es vorsieht, die Welt zu verändern. Wie es bei den britischen Serien üblich ist, sind die Seasons kurz, sodass es bislang nur 12 Folgen der Serie gibt. Diese verschlinge ich aktuell geradezu, denn "Utopia" ist eine Serie, wie man sie zumindest in stilistischer Hinsicht noch nie gesehen hat. Die farbliche Ausgestaltung und die musikalische Untermalung der Serie lassen die Serie extrem herausstechen. Es ist schwer zu glauben, dass man das in der heutigen TV-Landschaft noch sagen kann, doch "Utopia" ist wirklich einzigartig. Um einen Eindruck von der Serie zu bekommen, empfehle ich, sich die Eröffnungsszene der ersten Folge anzuschauen, die den Ton für die gesamte Serie perfekt trifft:

Unter normalen Umständen würde ich also sagen, dass ein Remake von "Utopia" einfach keine gute Idee ist, denn was soll man da eigentlich noch verbessern? Doch es sind keine normalen Umstände, denn David Fincher ist involviert, der auch einen besseren Verblendung-Film hinbekommen hat als die Schweden. In einem Interview mit der britischen Zeitung "The Guardian" wurde jetzt außerdem enthüllt, dass Fincher tatsächlich vorhat, jede einzelne Folge der ersten "Utopia"-Stafel selbst zu inszenieren. Das lässt meine Begeisterung natürlich ins Unermessliche schellen. Bei "House of Cards" drehte Fincher beispielsweise nur die ersten zwei Folgen. Es ist selten, dass alle Episoden einer Serienstaffel von derselben Person inszeniert werden, insbesondere wenn es ein Regisseur vom Rang eines David Fincher ist. Allerdings hat Steven Soderbergh es letztens mit seiner historischen Krankenhausserie "The Knick" vorgemacht, bei der er ebenfalls jede einzelne der zehn Folgen in Szene setzte. Auch bei der ersten Season von "True Detective" saß Cary Joji Fukunaga bei jeder Folge auf dem Regiestuhl. Das Ergebnis: ein unglaubliches Gefühl der Kohärenz. Die Staffel fühlt sich an wie aus einem Guss. Ob Gillian Flynn auch jede Folge selbst schreiben wird, ist noch unklar.

Da haben wir es also: David Fincher + Gillian Flynn + HBO. Das ist genug, um mich für ein Remake zu begeistern, dass genau genommen keine wirkliche Daseinsberechtigung hat. Der Dreh von "Utopia" wird David Fincher das gesamte nächste Jahr beschäftigen und die Serie wird vermutlich Ende 2015 oder gar erst 2016 auf HBO Premiere feiern.