Quelle: Screen Actors Guild

Die ersten wirklich relevanten und aussagekräftigen Prädiktoren der Oscars sind eingetroffen! Die US-Schauspielergewerkschaft Screen Actors Guild (SAG), die seit 1994 jährlich die besten Schauspieler und Ensembles im Film und Fernsehen prämiert, hat ihre Nominierungen bekanntgegeben. Im Gegensatz zu den Kritikerpreisen, die in den letzten Tagen verliehen wurden, haben die Screen Actors Guild Awards eine direkte Verknüpfung mit den Oscars, da es mit hoher Wahrscheinlichkeit Überschneidungen zwischen den SAG-Wählern und den Academy-Mitgliedern gibt. Schauspieler machen nämlich 22% der Mitglieder der Academy aus, die die Oscars verleiht. Allerdings variiert diese Überschneidung von Jahr zu Jahr, denn während die Academy knapp unter 6000 Mitgliedern zählt, sind es bei der Screen Actors Guild ganze 165,000. Von diesen werden jedes Jahr per Zufallsprinzip jeweils 2100 für die Bereiche Film und Fernsehen ausgelost, die über die Nominierungen abstimmen dürfen. In der Gewinnerrunde dürfen dann alle Mitglieder der SAG ihre Stimme abgeben. Aus Gründen der Übersichtlichkeit behandeln wir in diesem Artikel nur die Filmnominierungen und wenden uns den nominierten Serien später zu.

Doch obwohl die Überschneidung mit der Academy nicht immer gleich ist, ist die Vorhersagekraft der Screen Actors Guild Awards hinsichtlich der Oscars nicht von der Hand zu weisen. Sie sind vermutlich sogar der stärkste Oscar-Prädiktor überhaupt. Von den 20 nominierten Schauspielern und Schauspielerinnen im letzten Jahr erhielten 17 eine Oscarnominierung. Im Schnitt sind es 15 der 20 Nominierten jedes Jahr, die letztendlich auf eine Oscarnominierung erhalten. Zudem hat jeder Schauspieler, der bei der letzten SAG-Verleihung gewonnen hat, später auch den Oscar ergattert. Noch wichtiger ist eine SAG-Nominierung für einen späteren Oscarsieg. In 21 Jahren der Screen Actors Guild Awards kam es exakt zweimal vor, dass ein Schauspieler bzw. eine Schauspielerin hier nicht nominiert war, später aber den Oscar gewann (Marcia Gay Harden für Pollock und Christoph Waltz für Django Unchained).

Schaut Euch also die Nominierungen unten gut an, denn darunter verbergen sich höchstwahrscheinlich die Gewinner der nächsten Oscarverleihung. Unter den Nominierungen gehen für noch ausführlich auf diesjährige Überraschungen ein und was die Nominierungen für die jeweiligen Oscarkategorien bedeuten:

Bester Hauptdarsteller

Bryan Cranston (Trumbo)
Johnny Depp (Black Mass)
Leonardo DiCaprio (The Revenant – Der Rückkehrer)
Michael Fassbender (Steve Jobs)
Eddie Redmayne (The Danish Girl)

Beste Hauptdarstellerin

Cate Blanchett (Carol)
Brie Larson (Raum)
Helen Mirren (Frau in Gold)
Saoirse Ronan (Brooklyn)
Sarah Silverman (I Smile Back)

Bester Nebendarsteller

Christian Bale (The Big Short)
Idris Elba (Beasts of No Nation)
Mark Rylance (Bridge of Spies – Der Unterhändler)
Michael Shannon (99 Homes)
Jacob Tremblay (Raum)

Beste Nebendarstellerin

Rooney Mara (Carol)
Rachel McAdams (Spotlight)
Helen Mirren (Trumbo)
Alicia Vikander (The Danish Girl)
Kate Winslet (Steve Jobs)

Bestes Ensemble

Beasts of No Nation
The Big Short
Spotlight
Straight Outta Compton
Trumbo

Bestes Stunt-Team

Fast & Furious 7
Jurassic World
Mission: Impossible – Rogue Nation
Mad Max: Fury Road
Everest
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Das dürften vermutlich die überraschendsten SAG-Nominierungen der letzten zehn Jahre sein. Niemand, ja wirklich niemand, hat damit gerechnet, dass das Biopic Trumbo über den legendären Drehbuchautor Dalton Trumbo, dem in der McCarthy-Ära aufgrund seiner Verbindungen zur kommunistischen Partei Berufsverbot erteilt wurde, der meistnominierte Film der Screen Actors Guild Awards dieses Jahr werden würde. Natürlich behandelt der Film ein Thema, das gerade Hollywood sehr nahe steht, doch die Kritiken zum Film waren nicht überragend und schon bald nach seiner Premiere beim Toronto International Film Festival schien er vergessen zu sein. Dass Bryan Cranston noch im Spiel um den Oscar bleibt, ist nicht verwunderlich, dass der Film auch Nominierungen für Helen Mirren und das Ensemble ergattern würde, hingegen sehr. Helen Miren wurde dieses Jahr gleich dreifach nominiert (inkl. Ensemble-Nominierung für Trumbo) und bringt die Gesamtzahl ihrer SAG-Nominierungen auf 12.

Doch macht dieses Ergebnis Trumbo automatisch zu einem großen Oscarkandidaten? Keineswegs, denn man muss sich nur an das Beispiel von Der Butler vor zwei Jahren erinnern. Der Film erhielt ebenfalls drei Nominierungen, und zwar in den gleichen Kategorien wie Trumbo, wurde von den Oscars aber gänzlich ignoriert. Ein ähnliches Ergebnis vermute ich auch im Falle von Trumbo, dem bestenfalls eine Oscarnominierung als „Bester Hauptdarsteller“ winkt.

Sehr überraschend ist auch das starke Abschneiden des Netflix-Films Beasts of No Nation, insbesondere in der Kategorie „Bestes Ensemble“, wo er sich offenbar gegen Filme wie Carol, Steve Jobs und The Hateful Eight durchgesetzt hat. Für einen Film, dessen einziger bekannter Schauspieler Idris Elba ist, ist das eine bemerkenswerte Leistung und steigert sicherlich die Chancen des Films bei den Oscars.

Die größten Verlierer dieser Nominierungen sind Ridley Scotts Der Marsianer, bei dem zumindest eine Nominierung für Matt Damon eigentlich sicher schien, und Sylvester Stallone, dem eine Nominierung für seine Performance in Creed verwehrt wurde. Ohne diese sind seine Chancen auf den Oscarsieg plötzlich stark geschrumpft.

Bester Hauptdarsteller: Die Übereinstimmung der Nominierungen in dieser Kategorie zwischen den SAG Awards und den Oscars beträgt über 21 Jahre 83%. Das bedeutet, dass es in den meisten Jahren einen nominierten Schauspieler gibt, der es nicht schafft. Letztes Mal war es Jake Gyllenhaal für Nightcrawler, der bei den Oscars zugunsten von Bradley Cooper in American Sniper ausgelassen wurde. In den letzten 11 Jahren (!) hat der Gewinner in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ bei den Screen Actors Guild Awards immer auch bei den Oscars gewonnen. Nur viermal in 21 Jahren lag die SAG in dieser Kategorie daneben. Außerdem hat bei den Oscars noch nie jemand in dieser Kategorie gewonnen, ohne von der SAG vorher nominiert worden zu sein. DiCaprio, Fassbender und Redmayne sind relativ sicher, was die Oscarnominierungen angeht, aber entweder Cranston oder Depp wird es vermutlich nicht schaffen und durch Matt Damon (Der Marsianer) oder Ian McKellen (Mr. Holmes) ersetzt werden. Auf jeden Fall ist das Rennen um den Oscar jetzt zwischen Fassbender und DiCaprio, denn Redmayne wird wohl nicht zweimal in Folge ausgezeichnet werden.

Beste Hauptdarstellerin: Eine noch höhere Übereinstimmung mit den Oscarnominierungen gibt es in dieser Kategorie mit 85% über 21 Jahre. Das bedeutet, dass 89 Schauspielerinnen von insgesamt 105, die von der Schauspielergewerkschaft in dieser Kategorie nominiert wurden, auch eine Oscarnominierung erhalten haben. Doch natürlich ist auch das nicht absolut sicher. So wurde letztes Jahr Jennifer Aniston für Cake nominiert und im Jahr davor Emma Thompson für Saving Mr. Banks, bei der Oscarverleihung waren stattdessen Marion Cotillard (Zwei Tage, eine Nacht) und Amy Adams (American Hustle) nominiert. Nichtsdestotrotz ist es natürlich ein sehr gutes Zeichen und ein großer Schritt nach vorne im Oscar-Rennen, wenn man hier bereits auftaucht. In diesem Fall haben die SAG Awards Cate Blanchett (Carol), Saoirse Ronan (Brooklyn) und Brie Larson (Raum) bestätigt, die bisher auch die klaren Favoritinnen sind, doch die Nominierungen für Helen Mirren (Frau in Gold) und insbesondere für Sarah Silverman im winzigen Indie I Smile Back sind Riesenüberraschungen. Es gab bei der Screen Actors Guild in Vergangenheit jedoch schon einige Male vor, dass die Gewerkschaft Performances aus kleinen Filmen nominiert hat, die sonst keine Beachtung fanden, so wie Anistons Nom für Cake im Vorjahr. Auch die Golden Globes nominierten sie, allerdings nicht die Oscars. Ich vermute also, dass auch Silverman bei den Oscars nicht dabei sein wird. Was Helen Mirren angeht, wird es vermutlich eine knappe Sache. Jennifer Lawrence (Joy), Charlotte Rampling (45 Years), Charlize Theron (Mad Max: Fury Road) und Carey Mulligan (Sufragette) sind ebenfalls noch im Rennen. Ich glaube also, dass hier sogar nur drei der SAG-nominierten Frauen bei den Oscars auftauchen werden.

Bester Nebendarsteller: Die Übereinstimmung mit den Oscars beträgt hier 76% über die letzten 21 Jahre und das ist vermutlich auch die Kategorie mit den meisten Überraschungen dieses Jahr, denn weder Sylvester Stallone (Creed – Rocky’s Legacy) noch die Darsteller von Spotlight (Mark Ruffalo oder Michael Keaton) haben es hier geschafft, dafür aber Michael Shannon für 99 Homes und Christian Bale für The Big Short. Mit beiden hat eigentlich kaum jemand gerechnet. Idris Elba und Mark Rylance scheinen feste Kandidaten für die Oscars zu sein und auch bei Jacob Tremblay sieht es gut aus, wenn ihm sein Alter nicht einen Strich durch die Rechnung macht. Auch hier wird es vermutlich nur eine 3/5-Übereinstimmung mit den Oscars geben und zwei von Bale, Tremblay und Shannon könnten die Oscars verpassen. Ich rechne fest damit, dass Stallone und Keaton bei den Oscarnoms auftauchen werden. Allerdings sind die Siegchancen der beiden angesichts der bisherigen Statistik deutlich gesunken, was Mark Rylance und Idris Elba zu den Favoriten in der Kategorie macht.

Beste Nebendarstellerin: Mit 73% herrschte hier über die letzten 21 Jahre die geringste Übereinstimmung und ich bin sicher, dass auch dieses Jahr mindestens eine Nominierung anders ausfallen wird. Die wahrscheinlichste Kandidatin dafür ist Helen Mirren für Trumbo, die durch Jennifer Jason Leigh (The Hateful Eight) oder Kristen Stewart (Die Wolken von Sils Maria) ersetzt werden könnte.

Bestes Ensemble: Diese Kategorie ist in der Regel ein guter Prädiktor für die Kategorie „Bester Film“ bei den Oscars. Nur ein einziges Mal kam es bislang vor, dass ein Film bei den Oscars den Hauptpreis gewann, ohne dass sein Ensemble von der SAG zuvor nominiert worden war (Braveheart). Insgesamt wurden 67% der SAG-Ensemble-nominierten Filme auch als „Bester Film“ bei den Oscars nominiert. Letztes Jahr schaffte es jeder einzelne Film, doch dieses Jahr sind die Ensemble-Nominierungen ebenfalls sehr überraschend ausgefallen, denn weder Straight Outta Compton noch Trumbo hatte jemand wirklich auf den Schirm als „Bester Film“-Kandidat. Die Ensemble-Noms erinnern mich an 2007, als nur ein einziger für sein Ensemble von der SAG nominierter Film, später auch bei den Oscars als „Bester Film“ nominiert war – und auch gewann (No Country for Old Men).

Insgesamt gehe ich davon aus, dass es ein Jahr mit weniger Überschneidungen als sonst zwischen den Oscars und den SAG Awards geben wird, was die Nominierungen betrifft, doch das muss nicht auf die tatsächlichen Auszeichnungen zutreffen. Diese erfahren wir bei der Verleihung der Screen Actors Guild Awards 2015 am 30.01.2016.

Hier findet Ihr die Nominierungen der SAG für schauspielerische Leistungen in Serien und Filmen.