Quelle: The Hollywood Reporter

Kein Thema schlägt aktuell so große Wellen in Hollywood und spaltet die Traumfabrik aktuell so sehr, wie die #OscarsSoWhite-Kontroverse. Falls Ihr die Medienberichterstattung zu dem Thema in den letzten Tagen nicht mitverfolgt habt, hier ein kurzer Abriss:

Zum zweiten Mal in Folge waren alle 20 Nominees in den vier Schauspielkategorien weiß und gehörten keiner ethnischen Minderheit an. Dass struktureller Rassismus auch in Hollywood zum Alltag gehört. dürfte vermutlich niemanden überraschen, doch diesmal hatten einige Stars genug. Als erste rief die Schauspielerin Jada Pinkett-Smith zum Boykott der Oscarverleihung auf. Ihr Ehemann Will Smith und der mit einem Ehren-Oscar dieses Jahr ausgezeichnete Filmemacher Spike Lee schlossen sich ihr an und werden der Verleihung ebenfalls nicht beiwohnen. Auch wenn nicht viele auf den Boykott-Zug aufgesprungen sind, es hagelte dennoch negative Presse gegen die Academy. Dass eine Untersuchung der „Los Angeles Times“ vor drei Jahren zeigte, dass 94% der knapp 6000 Academy-Mitglieder weiß sind, 77% männlich und das Median-Alter der Mitglieder 62 Jahre beträgt, ist in diesem Zusammenhang natürlich gefundenes Fressen für die Kritik, denn eine so homogene Gruppe an Wählern kann wohl kaum repräsentativ sein.

Nicht alle schlugen sich jedoch auf die Seite der Boykott-Befürworter. Während der oscarnominierte Schauspieler Mark Ruffalo (Spotlight) den Protestierenden seine Unterstützung aussprach und selbst abgewogen hat, sich dem Boykott anzuschließen, entschied er sich doch, zur Verleihung zu gehen, um Unterstützung für seinen Film Spotlight und dessen wichtige Botschaft zu zeigen. Einen klar oppositionellen Standpunkt nahm die dieses Jahr ebenfalls nominierte Charlotte Rampling (45 Years) ein, die in einem Interview meinte, dass sie sich wiederum auch vorstellen kann, dass es Jahre gab, in denen afroamerikanische Schauspielerinnen und Schauspieler nur nominiert waren, weil man sich dazu „verpflichtet“ fühlte und die Nominierungen nicht unbedingt verdient waren. Zudem sagte sie, dass der Boykott rassistisch gegenüber weißen Schauspielern sei. Schauspielveteran Michael Caine äußerte sich etwas milder, ermahnte die afroamerikanischen Schauspieler jedoch zur Geduld – er musste schließlich auch lange auf seinen ersten Oscar warten.

Die Tatsache, dass eine ganze Industrie eine Reaktion seitens der Academy erwartete, ging an der Institution nicht vorbei und so dauerte es nicht lange, bis das Board of Governors, das Verwaltungsapparat der Academy, in einer Bekanntmachung eine radikale Abänderung der Wahlberechtigung bekanntgab. Bislang galt immer, dass die Mitgliedschaft in der Academy lebenslang sei und man in all dieser Zeit die Oscars wählen durfte, auch wenn man unter Umständen Jahrzehnte lang nicht mehr in der Filmindustrie gearbeitet hat. Damit ist jetzt Schluss. Neue Mitglieder der Academy erhalten ihr Wahlrecht zunächst einmal für zehn Jahre und nach dieser Periode wird geprüft, ob sie während der Zeit im Geschäft aktiv waren. In diesem Fall wird das Wahlrecht um zehn weitere Jahre verlängert. Nach insgesamt drei dieser 10-Jahres-Perioden erhalten die Mitglieder dann uneingeschränktes, lebenslanges Wahlrecht.

Die Regel wird jedoch auch mit sofortiger rückwirkend auf aktuelle Mitglieder angewandt werden. Wer von ihnen in den letzten zehn Jahren also nicht tätig war, wird ein Academy-Emeritus. Er genießt weiterhin alle Vorzüge der Academy, einschließlich kostenloser Screenings und Screener, verliert jedoch sein Wahlrecht. Es gibt jedoch eine Ausnahme: alle Mitglieder, die einen Oscar gewonnen haben oder für einen nominiert wurden, erhalten lebenslanges Wahlrecht. Alle Reformen betreffen jedoch nicht mehr die Abstimmung über die diesjährigen Gewinner.

Außerdem setzte sich die Academy zum Ziel, die Anzahl der Frauen und ethnischen Minderheiten unter den Mitgliedern bis 2020 zu verdoppeln.

Ob man der aktuellen Kontroverse zustimmt oder nicht, eine Reform bzw. eine Säuberung innerhalb der Academy war längst überfällig. Schließlich gibt es durchaus einige Academy-Mitglieder, die seit Jahrzehnten nicht mehr in der Filmbranche gearbeitet haben und überhaupt nicht mehr den Finger am Puls der Zeit haben und das wird leider häufig in den Nominierungen reflektiert.

Eine langfristige Lösung für die Nicht-Beachtung der Minderheiten ist diese Änderung allerdings nicht. Die Probleme liegen viel tiefer in der Industrie selbst verwurzelt. Es gab dieses Jahr keine afroamerikanischen Nominees, weil es schlicht nicht sehr viele gute Rollen für sie letztes Jahr gab. Der Kern des Problems  liegt also nicht in den Wählern der Academy, sonder in der gesamten Filmindustrie, in der schwarze Schauspieler meist nur an Prestigerollen kommen, wenn sie sich mit Sklaverei (12 Years a Slave), Unterdrückung (The Help, Selma) oder Armut (Precious) auseinandersetzen. Was man braucht, ist eine breitere, „farbenblinde“ Rollenauswahl. Natürlich leichter gesagt als getan…