Quelle: New York Film Critics Circle

Vergangene Woche hat der New York Film Critics Circle (NYFCC), der vielleicht angesehenste und bekannteste Filmkritikerverband der USA, als erste große Kritikerorganisation seine Preise verliehen und gemeinsam mit den kurz davor vergebenen Preisen des National Board of Review die Oscar-Saison 2015/2016 eingeläutet. Die seit 1935 verliehenen Preise des NYFCC gehören zu den ältesten Auszeichnungen, die eine US-amerikanische Filmkritikergruppe jährlich vergibt und dabei stehen die Stimmen des NYFCC nicht selten im Einklang mit den Oscarnominierungen (wenn auch deutlich seltener mit den tatsächlichen Siegern). Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen den Kritikerpreisen und den Oscars gibt, da keinerlei Schnittmenge zwischen den Wählern existiert. Nichtsdestotrotz beeinflussen die Kritikerpreise die allgemeine Wahrnehmung des Oscar-Rennens und geben einen Überblick darüber, was in einem Jahr besonders beliebt ist.

Während das National Board of Review den Cannes-Beitrag und heißen Oscarkandidaten Carol seltsamerweise komplett unter den Tisch fallen ließ, machte der NYFCC das wieder wett und verlieh dem Drama von Todd Haynes gleich vier Preise. So viele hat beim NYFCC kein Film seit No Country for Old Men vor acht Jahren gewonnen und zeugt definitiv von der Beliebtheit des Films. Wie schon letztes Jahr mit Boyhood entschieden sich die New Yorker Filmkritiker dieses Mal wieder für den absoluten Kritikerliebling beim Hauptpreis. Der Film gewann zudem Auszeichnungen für sein Drehbuch, seine Regie und seine Kamera. Verwunderlich ist jedoch, dass keine der beiden Darstellerinnen Erwähnung fand, doch vielleicht wollten die Wähler auch nicht, dass fast alle Preise an einen Film gehen.

Sehr interessant ist die Auszeichnung von Kristen Stewart als „Beste Nebendarstellerin“ für Die Wolken von Sils Maria. In der Kategorie gewann sie dieses Jahr bereits den Cesar, den französischen „Oscar“. Der Verleih macht keine Oscarkampagne für den Film, doch die Performance von Stewart scheint sehr gut anzukommen und sie könnte tatsächlich eine Überraschungsnom für den Film erhalten. Die Statistik spricht für sie. Die letzten neun Gewinnerinnen in dieser Kategorie bei den NYFCC Awards wurden auch bei den Oscars nominiert, vier von ihnen gewannen sogar.

Ebenfalls sehr überraschend ist die Auszeichnung von Michael Keaton für Spotlight als „Bester Hauptdarsteller“. Nicht nur, weil er sich gegen Leonardo DiCaprio in The Revenant und gegen Michael Fassbender in Steve Jobs durchsetzte, sondern auch weil die Performance im Oscar-Rennen gemeinhin als Nebenrolle gilt, wo er bei den Oscars vermutlich auch nominiert werden wird.

Unten findet Ihr die komplette Liste der diesjährigen Gewinner. Die Gewinner aus dem Vorjahr sind hier nachzulesen.

Bester Film

Carol

Beste Regie

Todd Haynes (Carol)

Bester Hauptdarsteller

Michael Keaton (Spotlight)

Beste Hauptdarstellerin

Saoirse Ronan (Brooklyn)

Bester Nebendarsteller

Mark Rylance (Bridge of Spies – Der Unterhändler)

Beste Nebendarstellerin

Kristen Stewart (Die Wolken von Sils Maria)

Bestes Drehbuch

Phyllis Nagy (Carol)

Beste Kamera

Edward Lachman (Carol)

Bester Animationsfilm

Alles steht Kopf

Bester Dokumentarfilm

In Jackson Heights

Bester ausländischer Film

Timbuktu

Bester Debüt-Film

Son of Saul

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Wenn Carol nicht sowieso schon ein sehr starker Oscarkandidat wäre, wäre dies ein starkes Zeichen für den Film. Von den letzten 20 Gewinnern der NYFCC Awards in der Kategorie „Bester Film“ wurden 15 auch bei den Oscars nominiert. Nur vier davon haben auch gewonnen. Die Quote ist noch besser bei „Bester Hauptdarsteller“ mit 17 oscarnominierten Performances von den letzten 20 NYFCC-Gewinnern. Davon erhielten dann sieben die goldene Statue. Bei „Beste Hauptdarstellerin“ waren es 15 entsprechende Oscarnominierungen in den letzten 20 Jahren, jedoch dürfte Saoirse Ronan dieses Jahr absolut sicher sein, was die Oscars angeht. Das trifft auch auf Mark Rylance in Bridge of Spies zu.

Insgesamt haben uns die Preise der New Yorker Kritiker wenig Neues verraten, sondern einige der bisherigen Favoriten lediglich bestätigt.