National Board of Review 2016 Gewinner

Links: Arrival © 2016 Sony Pictures Germany
Mitte: Silence © Paramount PicturesRechts: Manchester by the Sea © 2016 Amazon Studios

Quelle: National Board of Review

Die Oscar-Saison 2016/2017 hat offiziell begonnen und zu den ersten nennenswerten Preisen, die in ihrem Rahmen verliehen wurden, gehören, wie jedes Jahr, die Auszeichnungen der National Board of Review. Die 1909 gegründete New Yorker Organisation von Filmemachern und Filmwissenschaftlern verleiht bereits seit 1928 Auszeichnungen für die besten Filme des zurückliegenden Jahres. Diese gehören zu den prestigeträchtigsten Kritikerpreisen in den USA und sind damit auch die ersten Oscar-Prädiktoren der Saison, insofern, als dass sie aufzeigen, über welche Filme viel geredet wird und was generell als "preisträchtig" wahrgenommen wird.

Dieses Jahr ging der Preis für den "Besten Film" an einen der bestrezensierten Filme des Jahres, Kenneth Lonergans Manchester by the Sea, der schon seit geraumer Zeit als einer der größten Oscarkandidaten des Jahres gilt. Darüber hinaus gewann Manchester by the Sea auch Preise für sein Drehbuch und seinen Darsteller Lucas Hedges. Der zweite große Gewinner der diesjährigen NBR-Auszeichnungen war der ebenfalls extrem gut rezensierte Film Moonlight, der sowohl unter die Top-11-Filme 2016 gewählt wurde als auch Auszeichnungen für seinen Regisseur Barry Jenkins und seine Nebendarstellerin Naomie Harris erhielt. Von beiden Filmen werden wir im Laufe der Oscar-Saison noch viel hören und lesen.

Unten findet Ihr die komplette Auflistung der diesjährigen Sieger. Danach gehe ich etwas ausführlicher auf die größten Überraschungen und Auslassungen ein sowie darauf, was diese Preise im Hinblick auf die größeren Auszeichnungen überhaupt bedeuten.

Bester Film

Manchester by the Sea

Top 10 Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

Arrival
Hacksaw Ridge
Hail, Caesar!
Hell or High Water
Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen
La La Land
Moonlight
Patriots Day
Silence
Sully

Beste Regie

Barry Jenkins (Moonlight)

Bester Hauptdarsteller

Casey Affleck (Manchester by the Sea)

Beste Hauptdarstellerin

Amy Adams (Arrival)

Bester Nebendarsteller

Jeff Bridges (Hell or High Water)

Beste Nebendarstellerin

Naomie Harris (Moonlight)

Bestes Ensemble

Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

Bestes Originaldrehbuch

Kenneth Lonergan (Manchester by the Sea)

Bestes adaptiertes Drehbuch

Jay Cocks und Martin Scorsese (Silence)

Bester Animationsfilm

Kubo – Der tapfere Samurai

Bester Dokumentarfilm

O.J.: Made in America

Bester fremdsprachiger Film

The Salesman

Top 5 Dokumentarfilme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

De Palma
The Eagle Huntress
Gleason
Life, Animated
Miss Sharon Jones!

Top 5 fremdsprachige Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

Elle
Die Taschendiebin
Julieta
Unter dem Sand – Das Versprechen der Freiheit
Neruda

NBR Freedom of Expression Award

Cameraperson

Beste Durchbruchs-Performance

Lucas Hedges (Manchester by the Sea)
Royalty Hightower (The Fits)

Bestes Regiedebüt

Trey Edward Shults (Krisha)

Spotlight Award

Die kreative Zusammenarbeit von Peter Berg und Mark Wahlberg in Deepwater Horizon und Patriots Day

Top 10 Independent-Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

20th Century Women
Captain Fantastic
Creative Control
Eye in the Sky
The Fits
Green Room
Hello, My Name is Doris
Krisha
Morris from America
Sing Street
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Wie jedes Jahr, muss ich an dieser Stelle wieder in Erinnerung rufen, das die Preise der National Board of Review, genau so wie alle anderen Kritikerpreise, keinen direkten Einfluss auf oder Zusammenhang mit den Oscars haben, denn die Oscars werden von Industrieleuten (also Schauspielern, Produzenten, Drehbuchautoren, Regisseuren usw.) gewählt, sodass es auch immer wieder große Diskrepanzen zwischen den Kritikerlieblingen und den Oscargewinnern gibt. So haben The Social Network, Boyhood und Brokeback Mountain in ihren jeweiligen Jahren fast alle Kritikerpreise abgeräumt, doch bei den Oscars wurden letztlich The King’s Speech, Birdman und L.A. Crash ausgezeichnet. Sogar die prestigeträchtigen Golden Globes sind nichts anderes als Kritikerpreise, denn sie werden von der Hollywood Foreign Press Association verliehen. Direkte Oscar-Prädiktoren sind hingegen die Preise diverser Gewerkschaften und Industrieverbände, wie der Screen Actors Guild, der Directors Guild of America und der Producers Guild of America sowie die "britischen Oscars" von der BAFTA. Diese Preise stellten in Vergangenheit häufig die "Wende" während einer Oscar-Saison dar und machten klar, dass The Social Network und Boyhood doch nicht die großen Oscarfavoriten sind, für die man sie zuvor hielt.

Doch weshalb halten wir uns dann überhaupt mit der National Board of Review auf? Die "Trefferquote" dieser Kritikerpreise ist, zumindest hinsichtlich der späteren Nominierungen, recht hoch. Diese Preise sowie die anderen großen Kritikerpreise bringen bestimmte Filme ins Gespräch und veranlassen auch einige Academy-Mitglieder, die später für die Oscars stimmen, dazu, auf einige Filme und Performances aufmerksam werden. Sie bauen den Oscar-Hype auf und sind deshalb ein wichtiger Bestandsteil der Oscar-Saison. So war es die National Board of Review, die mit der Auszeichnung von Mad Max: Fury Road letztes Jahr überraschte und den Grundstein für den späteren Oscarerfolg des Films legte. Auch brachte die National Board of Review in Vergangenheit spätere Oscaranwärter wie American Sniper und Letters from Iwo Jima erstmals ins Gespräch. Seit 2000 wurden nur zwei (Quills, A Most Violent Year) der 16 "Bester Film"-Gewinner der NBR später nicht bei den Oscars in der Kategorie nominiert. Auf der anderen Seite stimmte der Sieger der NBR Awards seit 2000 auch nur zweimal mit dem Oscargewinner in der "Bester Film"-Kategorie überein (No Country for Old Men, Slumdog Millionär). Zu weiteren NBR-Gewinnern der letzten Jahre gehören Hugo Cabret, Zero Dark Thirty und Her.

Bemerkenswert ist auch, dass seit 1990 der letztendliche große Oscargewinner es bis auf zwei Ausnahmen (A Beautiful Mind und Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs) jedes Jahr zumindest unter die Top 11 des Jahres der National Board of Review geschafft hat. Das bedeutet, dass sich unser Oscargewinner 2017 mit höchster Wahrscheinlichkeit unten den 11 oben genannten Filmen befindet. Letztes Jahr schafften es fünf der acht später oscarnominierten Filme bereits auf NBRs Liste. Brooklyn, The Revenant und The Big Short kamen später bei den Oscars hinzu. Im Vorjahr waren es vier der acht Oscar-Nominees (Selma, Die Entdeckung der Unendlichkeit, Whiplash und Grand Budapest Hotel fehlten). Insofern kann man davon ausgehen, dass auch dieses Jahr vermutlich mindestens die Hälfte der später oscarnominierten Filme unter den NBR-Preisträgern zu finden ist.

Die größten Überraschungen über den Top-11-Filmen sind Hail, Caesar! von den Coen-Brüdern und Patriots Day vom Peter Berg. Bei beiden halte ich es für recht unwahrscheinlich, dass sie während der Oscar-Saison noch eine größere Rolle spielen werden. Hingegen ist es überraschend, dass Denzel Washingtons Regiearbeit Fences und Pablo Larraíns Jackie mit Natalie Portman nirgendwo zu finden sind. Gerade Fences gilt als ein potenziell großer Oscarkanaidat, der Viola Davis ihren ersten und Denzel Washington seinen dritten Oscar einbringen könnte. Weitere Filme, die von der NBR nicht genannt wurden, später aber dennoch im Oscar-Rennen auftauchen könnten, sind Jeff Nichols' Loving und Ben Afflecks vierte Regiearbeit Live by Night.

Unter den Schauspielern ist die größte Überraschung vermutlich die (verdiente!) Auszeichnung von Amy Adams für Arrival. Alle vier hier prämierten Schauspieler haben gute Chancen auf eine Oscarnominierung. Seit 2000 wurden nur fünf Gewinner in der "Bester Hauptdarsteller"-Kategorie später nicht für einen Oscar nominiert, bei "Beste Hauptdarstellerin" sind es sogar nur drei gewesen. Letztes Jahr wurden alle vier hier ausgezeichneten Schauspieler (Matt Damon, Brie Larson, Sylvester Stallone, Jennifer Jason Leigh) später auch bei den Oscars nominiert.

Mich persönlich freut auch die Erwähnung des spannenden und harten Thrillers Green Room unter den besten Independent-Filmen, auch wenn diese im Rahmen der Oscar-Saison leider keine Bedeutung hat.

In den kommenden Tagen und Wochen werden uns weitere Auszeichnungen ein besseres Bild von der diesjährigen Oscar-Saison verschaffen und ich werde Euch natürlich mit Updates und Analysen bis zu der Oscarverleihung begleiten. Hier findet Ihr die NBR-Gewinner von 2015, 2014, 2013 und 2012.

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