Quelle: National Board of Review

Die Oscar-Saison 2015 läuft sich langsam warm. Nach der Bekanntgabe der Nominierungen für die 31. Independent Spirit Awards haben wir auch schon die ersten Sieger der Oscar-Saison und damit die allerersten potenziellen Prädiktoren der Oscars. Die National Board of Review, eine New Yorker Organisation von Filmemachern und Filmwissenschaftlern, die seit 1928 (und damit länger als die Oscars) jährlich Auszeichnungen an Filme aus dem zurückliegenden Jahr vergibt, hat ihre Favoriten von 2015 bekanntgegeben und diese sind diesmal durchaus überraschend, aber auch zufriedenstellend ausgefallen.

Mad Max: Fury Road ist der überraschende Sieger in der Kategorie „Bester Film“. Es ist das erste Mal überhaupt, in über 80 Jahren der NBR-Geschichte, dass ein Action-Sommerblockbuster den Hauptpreis gewinnen konnte. Auch sonst zeigte die ansonsten meist kleineren und anspruchsvolleren Filmen zugeneigte Organisation diesmal für Liebe für große Produktionen. Ridley Scotts Der Marsianer gewann Auszeichnungen gleich in drei Kategorien – „Beste Regie“, „Bester Hauptdarsteller“ und „Bestes adaptiertes Drehbuch“. Auch Quentin Tarantinos The Hateful Eight konnte punkten. Der Western fand sich unter den 11 besten Filmen von 2015 wieder und gewann zudem in den Kategorien „Bestes Originaldrehbuch“ und „Beste Nebendarstellerin“ (Jennifer Jason Leigh). Sylvester Stallone holte für seine Darbietung in Creed – Rocky’s Legacy seine erste, aber sicherlich nicht letzte Auszeichnung der Oscar-Saison.

Doch was bedeuten diese Preise im Hinblick auf die Oscars? Einen direkten Zusammenhang gibt es nicht, weil die Wähler der NBR nicht die gleichen sind wie bei den Oscars. Nichtsdestotrotz haben sich die Auszeichnungen der National Board of Review über die Jahren als ein solider, wenn auch nicht überragender Prädiktor für die Oscars erwiesen (mehr für die Nominierungen, denn für die tatschlichen Sieger). Die größte Leistung der National Board of Review liegt meist darin, dass sie Filme ins Gespräch bringt, die viele im Hinblick auf die Oscars nicht auf dem Radar hatten, so wie American Sniper letztes Jahr oder Letters from Iwo Jima und Her in den Jahren davor.

Allerdings liegt die National Board of Review gelegentlich auch daneben, so wie letztes Jahr, als A Most Violent Year zum „Besten Film“ gekürt wurde und zwei weitere Auszeichnungen erhielt, von den Oscars aber gänzlich übergangen wurde. Nur vier der NBR-Top-11-Filme von 2014 wurden später auch für die Oscars nominiert, während Whiplash, Die Entdeckung der Unendlichkeit, Selma und Grand Budapest Hotel von der National Board of Review nicht berücksichtigt wurden. Man kann also davon ausgehen, dass auch diese Jahr nicht alle der genannten Filme und Schauspieler auf der Nominiertenliste der Oscars nächstes Jahr stehen werden, doch die Auszeichnungen geben uns einen ganz guten Eindruck davon, was hoch im Kurs steht:

Bester Film

Mad Max: Fury Road

Top 10 Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

Bridge of Spies
Creed – Rocky’s Legacy
The Hateful Eight
Alles steht Kopf
Spotlight
Der Marsianer
Raum
Sicario
Straight Outta Compton

Beste Regie

Ridley Scott (Der Marsianer)

Bester Hauptdarsteller

Matt Damon (Der Marsianer)

Beste Hauptdarstellerin

Brie Larson (Raum)

Bester Nebendarsteller

Sylvester Stallone (Creed – Rocky’s Legacy)

Beste Nebendarstellerin

Jennifer Jason Leigh (The Hateful Eight)

Bestes Ensemble

The Big Short

Bestes Originaldrehbuch

Quentin Tarantino (The Hateful Eight)

Bestes adaptiertes Drehbuch

Drew Goddard (Der Marsianer)

Bester Animationsfilm

Alles steht Kopf

Bester Dokumentarfilm

Amy

Bester fremdsprachiger Film

Son of Saul

Top 5 Dokumentarfilme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

Best of Enemies
The Black Panthers: Vanguard of the Revolution
The Diplomat
Listen to Me Marlon
The Look of Silence

Top 5 fremdsprachige Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

Ich seh, ich seh
Mediterranea
Phoenix
The Second Mother
The Tribe

NBR Freedom of Expression Award

Beasts of No Nation
Mustang

Beste Durchbruchs-Performance

Abraham Attah (Beasts of No Nation)
Jacob Tremblay (Raum)

Bestes Regiedebüt

Jonas Carpignano (Mediterranea)

William K. Everson Award für Filmgeschichte

Cecilia De Mille Presley

Spotlight Award

Sicario, für herausragende kollaborative Vision

Top 10 Independent-Filme des Jahres (alphabetische Reihenfolge)

’71
45 Years
Cop Car
Ex Machina
Grandma
It Follows
James White
Dirty Trip
Welcome to Me
Gefühlt Mitte Zwanzig

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Die vermutlich größte Überraschung ist das Fehlen von Todd Haynes‘ Carol auf der Liste der National Board of Review. Kaum ein Film hat dieses Jahr bessere Kritiken erhalten und auch ohne die NBR-Nennung bleibt Carol einer der großen Oscarfavoriten. Ähnlich überraschend ist die Abwesenheit von Brooklyn und Steve Jobs. Dass Alejandro González Iñárritus The Revenant – Der Rückkehrer und David O. Russells Joy fehlen, könnte noch dadurch erklärt werden, dass durch den späten Start der Filme möglicherweise nicht genug Wähler sie rechtzeitig gesehen haben.

Die größten Nutznießer der Auszeichnungen sind vermutlich Der Marsianer und The Hateful Eight, die sich langsam in die obere Liga des Oscar-Rennens vorarbeiten. Was der National Board of Review Award für Mad Max: Fury Road bedeutet, wird sich noch zeigen. Einerseits wäre es ungewöhnlich, wenn die NBR zum zweiten Mal in Folge einen Film prämiert, der später nicht als „Bester Film“ bei den Oscars nominiert wird (das gab es zuletzt in den Siebzigern), andererseits kann ich mir bei all dem Lob immer noch nicht vorstellen, dass die Academy Mad Max nominieren wird. Sollten allerdings auch die Golden Globes den Film unterstützen, könnte sich das Blatt wirklich wenden.

Sehr erfreulich finde ich die Erwähnung von Sicario und hoffe weiterhin, dass der Film während der Oscar-Saison nicht untergeht.