Quelle: American Society of Cinematographers

Die Zeit der Kritikerpreise ist größtenteils vorüber, jetzt sind die Industrieverbände dran, deren Auszeichnungen tatsächlich relevant sind für die Oscars, denn es gibt eine klare Schnittmenge zwischen der Wählern der verschiedenen Verbände (beispielsweise des Cutterverbands oder des Verbands der Kostümdesigner) und den Wählern der Oscars, die sich aus Vertretern aller möglichen Zweige der Filmindustrie zusammensetzen.

Ein bedeutender Verband, der seit 1986 seine Auszeichnungen verleiht, ist die American Society of Cinematographers (ASC), also der US-Verband der Kameraleute, der etwa 450 Mitglieder zählt und jährlich die besten Leistungen in Sachen Kameraarbeit prämiert. Wer es hier reinschafft, hat auch sehr gute Chancen, auf der Liste der Oscarnominierungen in der gleichen Kategorie zu landen. In den letzten zehn Jahren wurden von den 50 Filmen, die bei den Oscars für ihre Kamera nominiert worden waren, nur acht zuvor nicht von der ASC ebenfalls nominiert. Letztes Jahr war es Ida. Der polnische Film nahm bei den Oscars den Platz ein, der bei den Nominierungen der ASC noch Imitation Game gehörte. Die übrigen vier Filme – Birdman, Unbroken, Mr. Turner und Grand Budapest Hotel – wurden sowohl bei den Oscars als auch von den Mitgliedern der ASC nominiert. Wer hier also eine Nominierung verpasst, könnte es bei den Oscars zwar immer noch schaffen, wird es aber nicht so einfach haben.

Deutlich geringer ist die Übereinstimmung der Gewinner. Nur in 12 von 29 Jahren einigten sich die Oscars und die ASC auf einen Gewinner in der Kategorie „Beste Kameraarbeit“. In den letzten beiden Jahren war es der Fall, als Emmanuel Lubezki für Gravity und Birdman die Preise einheimste.

Insgesamt hat Lubezki vier ASC-Auszeichnungen gewonnen (die beiden weiteren gab es für Children of Men und The Tree of Life). Das gelang vor ihm lediglich dem mittlerweile verstorbenen Conrad L. Hall. Dieses Jahr hat Lubezki mit The Revenant sehr gute Chancen auf die rekordträchtige fünfte Auszeichnung und seine dritte in Folge bei der ASC – etwas, was zuvor ebenfalls niemandem gelungen war. Es hat sogar noch niemand, außer Lubezki, den Preis zweimal in Folge gewonnen. Doch auch Roger Deakins darf man nicht unterschätzen, der für Sicario immerhin seine 13. Nominierung erhielt (ein Rekord!) und zum dritten Mal in Folge gegen Lubezki antritt. Deakins hat in Vergangemnheit schon dreimal gewonnen (für Die Verurteilten, The Man Who Wasn’t There und Skyfall). Drei weitere Filme runden den Wettbewerb ab. Hier ist die komplette Liste der diesjährigen Nominees:

Roger Deakins (Sicario)
Janusz Kamiński (Bridge of Spies – Der Unterhändler)
Edward Lachman (Carol)
Emmanuel Lubezki (The Revenant – Der Rückkehrer)
John Seale (Mad Max: Fury Road)

Im Gegensatz zum letzten Jahr, als zwei der nominierten Kameraleute erstmals um einen ASC Award im Rennen waren, wurden alle diesjährigen Kandidaten zuvor schon nominiert. Gewonnen haben allerdings nur Lubezki, Deakins und John Seale (für Der englische Patient). Janusz Kamiński wurde für seine Filme mit Steven Spielberg in Vergangenheit schon fünfmal nominiert, ging aber stets leer aus. Edward Lachmans einzige weitere Nominierung erfolgte ebenfalls für einen Film von Todd Haynes, Dem Himmel so fern.

Sehr große Überraschungen gab es dieses Jahr nicht, höchstens, dass Robert Richardson für seine Arbeit mit der 65mm-Kamera an Quentin Tarantinos The Hateful 8 nicht berücksichtigt wurde, obwohl die ASC ihn in Vergangenheit schon zehnmal nominiert hat (zuletzt für Hugo Cabret und Inglourious Basterds). Wenn jemand bei den Oscars einen der fünf ASC-Nominees ersetzen wird, dann wird es Richardson sein, denn schließlich gewann er in Vergangenheit schon drei Oscars (für Hugo Cabret, Aviator und JFK – Tatort Dallas), jedoch keine ASC Awards, was darauf hindeutet könnte, dass die Academy seine Arbeit mehr zu schätzen weiß als der Verband der Kameraleute.

Es wäre jedoch keineswegs überraschend, wenn die fünf oscarnominierten Kameraleute identisch mit denen der ASC wären. Ganz sicher dabei dürften Lubezki und Seale sein, die anderen drei sind etwas anfälliger. Die große Frage bleibt, ob Lubezki tatsächlich zum dritten Mal hier und bei den Oscars gewinnen kann. So unglaublich es erscheint, für seine beeindruckende Arbeit an The Revenant – Der Rückkehrer ist er wieder der Favorit im Rennen und zementiert endgültig seinen Platz als einer der größten Kameramänner aller Zeiten. Ob er bei den ASC Awards zum fünften Mal ausgezeichnet werden wird, erfahren wir am 15. Februar.