Quelle: Academy of Motion Picture Arts and Sciences

Am 14. Januar wird die Academy of Motion Picture Arts and Sciences die Nominierungen für die 88. Oscarverleihung bekanntgeben. Bevor es so weit ist, können wir mithilfe der üblichen Oscar-Prädiktoren (der Industrie- und Kritikerpreise) lediglich rätseln und aufgrund der Trends aus den Vorjahren ableiten, welche Filme ins finale Rennen um den begehrtesten Filmpreis der Welt eingehen werden.

In einigen Kategorien bietet die Academy uns dazu eine direkte Hilfestellung und veröffentlicht schon im Vorfeld eine Auswahl an Finalisten, aus denen letztlich die finalen Nominierungen gewählt werden. Diese Kategorien sind „Bester Dokumentarfilm“, „Bester animierter Kurzfilm“, „Bester Dokumentar-Kurzfilm“, „Bestes Makeup“, „Beste visuelle Effekte“ und „Bester fremdsprachiger Film“.

In der letzteren, gemeinhin als „Auslands-Oscar“ bekannten Kategorie, wurden mehreren Hunderten Academy-Mitgliedern zwischen Oktober und Mitte Dezember alle 81 eingereichten Filme gezeigt, aus denen nun die Vorauswahl von neun Filmen erfolgte. Die gute Nachricht für Deutschland: Im Labyrinth des Schweigens hat diese erste Hürde gepackt und ist damit in die zweite Runde im Rennen um den Auslands-Oscar eingezogen. Letztes Jahr gelang dies Dominik Grafs Die geliebten Schwestern nicht. Sollte Im Labyrinth des Schweigens eine Nominierung erhalten, wäre es der erste nominierte Film für Deutschland seit Das weiße Band aus dem Jahre 2009. Seitdem haben es Pina und Zwei Leben zwar auch unter die finalen neun Filme geschafft, jedoch nicht unter die Nominees. Wenn Im Labyrinth des Schweigens eine Nominierung ergattert, wird es (einschließlich DDR und West-Deutschland) die 19. Nominierung für Deutschland in der Kategorie und die 10. seit der Wiedervereinigung. Nur Frankreich und Italien wurden häufiger nominiert. Sollte Frankreichs Mustang übrigens auch eine Nominierung erhalten, wird Frankreich seinen Vorsprung in der Anzahl der nominierten Filme in dieser Kategorie gegenüber Italien auf neun ausbauen. Mit 14 Gewinnern liegt Italien allerdings dennoch vorne in der Statistik.

Unten findet Ihr die Auflistung der neun Filme in der Vorauswahl:

Das brandneue Testament – Belgien
Der Schamane und die Schlange – Kolumbien
A War – Dänemark
Die Kinder des Fechters – Finnland
Mustang – Frankreich
Im Labyrinth des Schweigens – Deutschland
Son of Saul – Ungarn
Viva – Irland
Theeb – Jordanien
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Eine kleine Kuriosität fällt dabei auf – drei der neun Filme sind gar nicht in der Sprache der Länder gedreht worden, für die sie eingereicht wurden. Viva spielt auf Kuba und ist in spanischer Sprache, Mustang ist auf Türkisch und Die Kinder des Fechters auf Estnisch. Man darf aber auch nicht vergessen, dass der französischsprachige Beitrag Liebe den Oscar für Österreich gewonnen hat.

Die Kategorie beweist wieder einmal ihren Überraschungsfaktor. Einer der frühen Favoriten, The Assassin aus Taiwan, der in Cannes den Preis für „Beste Regie“ gewonnen hat, ist auf der Shortlist nicht zu finden. Ebenfalls überraschend ist die Abwesenheit von El Club aus Chile, der immerhin bei den Golden Globes eine Nominierung erhalten hat. Es fehlt außerdem Österreichs Einreichung Ich seh ich seh, der ebenfalls durchaus Chancen auf eine Nominierung zugerechnet wurden.

Der größte Favorit und unverändert die Nummer 1 im Rennen ist Ungarns Son of Saul. Das schonungslose Auschwitz-Drama wird seit seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes als klarer Favorit für den Oscar gehandelt, ein Status, den der Film keineswegs eingebüßt hat und aufgrund seiner Thematik und ungewöhnlichen Präsentation auch weiterhin sicher hat.

Auch bei Frankreichs Mustang sehen die Chancen auf eine Nominierung aufgrund der Thematik und sehr positiver Reaktionen recht gut. Bei den Golden Globes wurde der Film ebenfalls nominiert.

Belgiens Das brandneue Testament und Finnlands Die Kinder des Fechters können auch Golden-Globe-Nominierungen vorweisen, doch ich könnte mir vorstellen, dass die Oscars sich anderen Filmen eher zuwenden werden, wie Dänemarks Kriegsdrama A War und Irlands Viva. Noch nie wurde übrigens ein Film aus Kolumbien, Jordanien oder Irland in der Kategorie für einen Oscar nominiert und ich vermute, dass mindestens eins der drei Länder diesmal eine Nominierung verbuchen wird.

Was Deutschlands Beitrag angeht, befürchte ich, dass die Chancen nicht so gut stehen, weil eben schon ein anderes und gemeinhin als deutlich besser erachtetes Holocaust-Drama schon im Rennen ist. Bessere Chancen hätte Deutschland vermutlich mit Christian Petzolds Phoenix gehabt, der in den USA einen Nerv bei den Arthouse-Zuschauern getroffen zu haben scheint.

Im Januar werden wir dann erfahren, für welche fünf Filme die Academy-Wähler sich endgültig entscheiden.