Mommy, CA 2014 • 138 Min. • Regie: Xavier Dolan • Mit: Antoine-Oliver Pilon, Anne Dorval, Suzanne Clément, Patrick Huard • FSK: ab 12 Jahren • Kinostart: 13.11.2014 • Heimkinostart: 7.05.2015 • Deutsche Website

„Never change a winning team“ – so heißt wohl eine altbekannte Fußballerweisheit. Ob Xavier Dolan dies im Kopf hatte, als er die beiden weiblichen Rollen seines wunderbaren „Mommy“ besetzt hat, ist zwar nicht bekannt, aber die Wirkung sitzt passgenau. Die superbe Anne Dorval spielte schon die Mutter-Rolle in Dolans Erstlingswerk „I Killed My Mother“ und Suzanne Clément durfte bereits in Dolans Transgender-Drama „Laurence Anyways“ ihr fabelhaftes Können unter Beweis stellen. Der dritte im Bunde überzeugt vortrefflich durch seine kühne, wilde Darstellung eines verhaltensauffälligen und emotional angeknacksten jungen Mannes namens Steve (Antoine Oliver Pilon). Aus diesen drei schauspielerischen Naturgewalten formt Dolan mit seinem innovativen, cineastischen Esprit eine Einheit, die wie eine Abrissbirne die Mauern der Belanglosigkeit niederreißt. Zugegeben, manch einem Zuschauer könnte die Story etwas zu dünn erscheinen, dass eine Mutter einfach mit ihrem Sohn klarkommen will. Wieder andere finden vielleicht die rauschartigen Bilder in Slow-Motion mit unterlegten poppigen Soundtracks zu verspielt für ein Sozialdrama. Die Sachlage ist jedoch eine andere: im coolen 1:1 Polaroid-Format gedreht, ist „Mommy“ ein persönlicher, zuweilen anmutiger und doch wieder furioser Höhenrausch.

Mommy (2014) Filmbild 1Kanada 2015: Eine Gesetzesänderung macht es möglich, elterliches Sorgerecht an den Staat abzutreten. Diane (Anne Dorval) will davon nichts wissen. Die Single-Mom ist mit ihrem Sohn Steve (Antoine-Oliver Pilon) überfordert, weil dieser an ADHS leidet und zu spontanen Gewaltausbrüchen neigt. Der ruhelos wirkende Sohn wird sogar gegenüber seiner Mutter gewalttätig, wenn irgendetwas ihn reizt. Diane versucht aufgewühlt, der Lage Herr zu werden und hofft auf die Mithilfe der Nachbarin Kyla (Suzanne Clément). Die krankgeschriebene Lehrerin bildet nun das dritte Stück in dem ungewöhnlichen Beziehungsdreieck dieser drei unterschiedlichen Charaktere. Jeder hat sein schweres Paket Probleme zu tragen und zu bewältigen. Vielleicht bekommt Diane endlich die Wertschätzung und Unterstützung, die ihr bisher von staatlicher und eigentlich jeglicher anderen Seite versagt blieb.

Mommy (2014) Filmbild 2„Mommy“ ist niemals moralisierendes, aufdringliches oder dokumentarisches Kino zum Zwecke der Aufklärung, wie es denn unten im sozialen Sediment so aussieht. Weit weg von einer Milieustudie, offenbart sich viel mehr eine brachiale Charakterexploration. Wie sollen Menschen einander helfen, wenn sie mit sich selbst nicht im Reinen sind? Wie soll man jemandem am Abgrund die Hand reichen, wenn man sie eigentlich selbst zum Hochklettern benötigt? Nun, diese Fragen stellen sich zwar, doch Dolan gewährt seinen Figuren so viel Freiraum, dass solche Fragen allerhöchstens ganz unprätentiös in den Köpfen der Zuschauer selbst entstehen, ebenso wie die Antworten darauf. Fließband-Passepartout gab und wird es bei Dolan (höchstwahrscheinlich) nicht geben. Solche Balanceakte stemmt der junge Regisseur aus dem Jahrgang 1989 wie ein versierter Hochseilkünstler. Wird eben noch mit schnellen Schnitten, Slow-Motion, übersättigten Farben und modernen Popsongs ein waschechtes Musikvideo präsentiert, kippt die freudige und ausgelassene Stimmung daheim wieder. Treffen die temperamentvolle Diane und der unbändige Steve unschön aufeinander, verfinstert sich die Szenerie blitzschnell. Dies gelingt ohne plastische Chirurgie beim Drehbuch; ein Beweis für gekonntes Autorenkino. Es ist sprachlich mal abscheulich, dann wieder wonnevoll. Antizipierendes Schauen ist genau so wenig möglich, wie das vorhersehbare Verhalten der Protagonisten. Dreckig und ungestüm wie die verrohte Sprache im Gegenpol zu beschwichtigenden Zuneigungsbekundungen und (teilweise falsch adressierter) süßer Zärtlichkeit.

Mommy (2014) Filmbild 3Mit „Mommy“ ist es wie mit einem Strauß Blumen. Oftmals sagt die Geste mehr als 1000 Worte. Xavier Dolan braucht sich zwar keineswegs hinter seinen Dialogen zu verstecken, doch sagen seine Bildkompositionen manchmal mehr als das gesprochene Wort, denn er versteht es, wann lediglich gezeigt werden muss. „Gezeigt“ meint allerdings auch nicht „entblößt“. Missratene therapeutische Lehrstunden gibt es für das Publikum nicht. Diese gibt es in einzelnen Szenen für das fragile Dreigestirn um Kyla, Diane und Steve. Beispielhaft ist der Moment, bei welchem Steve versucht, Kyla auf respektlose und herablassende Art und Weise anzubaggern. Sie reagiert daraufhin mit unverhohlener, ehrlicher Aggression. Eine menschliche und nachvollziehbare Reaktion, während der Pädagoge in einem das Näschen kraus zieht. Dennoch ist es gerecht: Ein Dämpfer für den Wuschelkopf, der hin- und hergerissen ist, zwischen bedürftiger Zuneigung, Jähzorn und sich als Spielball seiner und der Launen anderer präsentiert. Die Gefühlswelten der Figuren sind darüber hinaus noch komplexer als gesagt oder gezeigt wird. Der Film fordert ein Fine-Tuning der Sinne, wenn es darum geht, auch ganz flüchtige Nuancen zu deuten. Fährt Steve mit seinem Longboard und alles abschirmenden Kopfhörern durch die Straßen, fällt auf, dass sein hektischer Flow nicht zum Mid-Tempo-Takt des Filmsoundtracks passt. Somit ist auch das Augenscheinliche vielleicht nur ein Bollwerk aus Selbstschutzmechanismen und Bewältigungsstrategien. Die Trennschärfe zwischen Gegensätzlichkeit ist allemal ein Hauch, doch dieser brennt umso intensiver im Gesicht, wenn man sich diesem Film offenbart.

Blu-ray-Extras

Das Highlight des Bonusmaterials bietet ein üppiges Interview-Angebot. Vier davon entfallen auf das Wunderkind Dolan und jeweils eins auf Suzanne Clément und Antoine-Olivier Pilon. Zu sehen gibt es außerdem einige unveröffentlichte Szenen und den Mitschnitt der Preisverleihung bei den Filmfestspielen von Cannes 2014, wo Mommy den Preis der Jury gewann. Letzteres Featurette ist besonders sehenswert, da Dolans Dankesrede beim Erhalt der Auszeichnung aufrichtig rührend ist.

 


Informationen zur Veröffentlichung

Seit dem 7. Mai 2015 ist Mommy im Verleih von Weltkino in deutscher und französischer Sprachfassung (mit wahlweise deutschen Untertiteln) auf DVD, Blu-ray und über Video-on-Demand erhältlich

Neben dem Hauptfilm liegen der DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung folgende Extras vor:

Mommy (2014) DVD Cover• Interviews mit Xavier Dolan, Antoine Olivier Pilon, Suzanne Clément
• Unveöffentlichte Szenen
• Mitschnitt der Cannes-Preisverleihung
• Trailer

 

 

 

 

DVD-Cover © Weltkino Filmverleih


Trailer