Merida – Legende der Highlands (2012)

0
Merida Legende der Highlands (2012) Filmkritik
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Brave, USA 201294 MinMit den Originalstimmen von: Kelly MacDonald, Emma Thompson, Billy Connolly, Craig Ferguson, Robbie Coltrane, Kevin McKidd, Julie WaltersRegie: Mark Andrews, Brenda ChapmanFSK: Ohne AltersbeschränkungKinostart: 02.08.2012Deutsche Website

Handlung

Merida (Kelly MacDonald) hat es nicht leicht. Sicher, als junge Prinzessin des schottischen Bärenkönigs Fergus (Billy Connolly), der diesen Namen durch den Kampf mit dem dämonische Bären Mor’du, bei dem er ein Bein verlor, erlangte, hat sie eine sehr hohe Stellung. Doch genau das macht ihr zu schaffen. Ihre herrische Mutter Elinor (Emma Thompson) kontrolliert nahezu jeden Aspekt ihres Alltags. Merida wird von ihr ständig ermahnt und belehrt. Natürlich meint es Elinor nur gut mit ihrer Tochter. Schließlich soll sie zu einer vorbildlichen Prinzessin heranwachsen. Und diese hebt ihre Stimme nicht, gluckst nicht und legt vor allem ihren Bogen nicht auf den Esstisch. Doch Merida hat wenig Interesse an den Pflichten einer Prinzessin. Am liebsten verbringt sie ihre Zeit damit, mit ihrem treuen Pferd Angus durch die weitläufigen schottischen Highlands zu reiten, auf Felsen zu klettern und nach Lust und Laune ihre Bogenscheißkünste zu üben. Geduldig erträgt sie aber die Belehrungen ihrer Mutter. Als diese jedoch drei Clan-Anführer einbestellt, damit diese ihre erstgeborenen Söhne für eine Vermählung mit Merida vorstellen, läuft das Fass über. Das letzte, was die aufmüpfige Prinzessin will, ist unter die Haube zu kommen. Doch ihre Mutter verweigert ihr da jegliches Mitspracherecht. Nachdem Merida bei einem Bogenschießwettbewerb die anderen Clans blamiert, was bei ihrer Mutter auf wenig Begeisterung stößt, büchst sie aus dem Königsschloss aus. Magischen Irrlichtern folgend, gelangt sie im dunklen Wald zur Hütte einer schusseligen Hexe (Julie Walters). Im Austausch gegen ein Medaillon verspricht die Hexe Merida einen Zauber in Form eines Küchleins, der die Einstellung ihrer Mutter nachhaltig ändern soll. Leider ändert der Zauber nicht die Einstellung, sondern die Mutter selbst. Sie verwandelt sich in einen Bären. Jetzt müssen Merida und ihre Mutter ihre Differenzen beiseite legen, denn sie haben nur noch zwei Tagen, um den Zauber rückgängig zu machen. Ansonsten bleibt Elinor nicht nur für immer in der Bärengestalt, sondern verliert auch jegliche Erinnerungen an ihr menschliches Leben.

Kritik

Drei Jahre sind schon vergangen seit das Animationsstudio Pixar mit Oben (OT: Up) einen originellen Stoff auf die Leinwand gebracht hat. Während Toy Story 3 ein auf künstlerischer Ebene gelungenes Projekt und ein würdiger Abschluss der Toy Story Reihe darstellte, war Cars 2 letztes Jahr Pixars erstes Projekt, bei dem offensichtlich rein finanzielle Interessen im Vordergrund standen. Dementsprechend waren auch die Reaktionen seitens der Zuschauer und der Kritiker, bei denen die meisten darin einig sind, dass Cars 2 zum Schwächsten gehört, was Pixar je produziert hat. Doch auch ein gutes Sequel wie Toy Story 3 repräsentiert nicht wirklich das, wofür viele Pixar lieben. Schließlich ist es das Studio, das über mehr als ein Jahrzehnt hinweg wegweisende Animationsfilme produziert hat und sich somit meilenweit vor jegliche Konkurrenz z. B. aus dem Hause DreamWorks gesetzt hat. Zwischen 1995 und 2009 hat Pixar zehn erfolgreiche computeranimierte Filme produziert, darunter Klassiker wie WALL-E, Die Unglaublichen und Findet Nemo und nur ein Sequel war darunter (Toy Story 2). Doch seit Toy Story 3 nimmt das Verhältnis von Sequels zu den originellen Stoffen bei Pixar rapide zu. Nächstes Jahr kommt bereits das Prequel zu Die Monster AG und eine Fortsetzung zu Findet Nemo wurde auch soeben angekündigt. So interessant das Wiedersehen mit den beliebten Helden auch sein mag, umso mehr freut es einen als Pixar-Fan, wenn Pixar doch einen komplett neuen Stoff wie Merida produziert. Pixar hat mit den originellen Stoffen immer die Grenzen der Animationsfilme getestet. In Ratatouille wurde eine Ratte zum Protagonisten, in WALL-E konnte der Hauptfigur kaum reden und die erste halbe Stunde war dialogfrei und in Oben widmeten sich die Filmemacher ernsten Themen wie zerstörte Träume, Fehlgeburten, verpasste Gelegenheiten und Tod. So konnte man im Vorfeld natürlich kaum abwarten, welche Richtung das neuste Werk aus Pixars Schmiede einschlagen wird.

Es gibt für die Pixar-Fans gute und schlechte Nachrichten zu vermelden. Die „schlechte“ ist, dass man hier nicht wirklich versucht hat, neue Pfade zu beschreiten. Merida ist fast so traditionell, wie es ein Märchen aus dem Hause Disney (zu dem Pixar ja gehört) nur sein kann. Der Streifen bringt Pixars Animation nicht voran, wie WALL-E oder Oben es taten, weder in storytechnischer noch in visueller Hinsicht. Die Zuschauer erwarten mittlerweile, dass Pixar mit jedem neuen Film die Messlatte höher legt und das tut Merida nicht, sondern begnügt sich damit, einfach ein richtig gutes Märchen zu sein. Und so kommen wir auch zu der guten Nachricht. Trotz fehlender Innovationen, ist Merida ein durchweg gelungenes Werk, welches Jung und Alt begeistern wird. Auch wenn es keine einzelnen Aspekte gibt, die mehr als andere herausragen, ist das Gesamtwerk einfach unglaublich stimmig und unterhaltsam, wobei auch, wie es bei Pixar üblich ist, mit Emotionen nicht gegeizt wird.

Obwohl Merida natürlich auf den ersten Blick wie das typischste Märchen schlechthin erscheint, hat Pixar doch die eine oder andere Neuerung hier reingebracht. So ist es der erste Pixar-Film mit einer weiblichen Protagonistin und auch der erste Film, der nicht in moderner Zeit spielt. Passend zum emanzipatorischen Tenor des Films, sollte es auch der erste Pixar-Film werden, bei dem die Frau die Regie übernahm. Doch Brenda Chapman, die Meridas Geschichte mitentwickelte, verließ das Projekt aufgrund kreativer Differenzen. Mit Mark Andrews wurde zum Glück ein mehr als würdiger Ersatz gefunden. Merida stellt aber auch die Verschmelzung zweier Animationsepochen dar. Hier geht Pixars unverwechselbarer Stil in den klassischen Disney Stoff über. So ist Merida ja auch der erste Beitrag von Pixar zur Prinzessinen-Reihe von Disney. Doch ist Merida keine typische Disney-Prinzessin. Aufmüpfig, mit einem Temperament so feurig wie ihre wilden roten Locken, interessiert sie sich für keinen Mann. Sie sehnt sich nicht nach einer großen Liebesgeschichte, sondern will ihre Unabhängigkeit und Freiheit. Die Romantiker dürften also enttäuscht sein. Auch am Ende steht kein Prinz an Meridas Seite. Merida ist die Geschichte von einer Mutter-Tochter Beziehung.

Interessanterweise ähnelt Merida – Legende der Highlands von allen Animationsfilmen der letzten Jahre am meisten nicht einem anderen Pixar Werk, sondern Drachenzähmen leicht gemacht (OT: How to Train Your Dragon) aus dem Hause DreamWorks. Auch dort geht es um eine Protagonisten, der nicht so ganz in seine Umgebung hineinpasst. Die Wikinger-Raufbolde sind nicht weit entfernt von den schottischen Clans und das Herzstück des Films ist auch eine Beziehung zwischen einem Elternteil und dem Kind, in dem Fall zwischen dem Sohn und seinem Vater, dem Anführer der Wikinger. Zum Glück handelt es sich bei Drachenzähmen leicht gemacht um DreamWorks‘ bestes Werk, welches es durchaus mit Pixars Arbeit aufnehmen kann. So gäbe es sicherlich schlimmere Filme, deren Ideen Merida übernehmen könnte.

Der Jahrhunderte-alte Konflikt zwischen der wohlgesinnten Mutter und der rebellischen Teenager-Tochter wird in Merida sehr gut dargestellt und verarbeitet. Die Charaktere von Merida und Elinor (in der Bärenform noch herausragender) sind sehr einprägsam und vielschichtig dargestellt. Die Stimmarbeit der Synchronsprecher im Original ist herausragend. Sollte sich die Gelegenheit bieten, sollte man den Film in seiner Originalfassung sehen, denn die sehr schottischen Akzente von Kelly Macdonald, Billy Connolly und Emma Thompson ergänzen den von seinem Setting sehr geprägten Film perfekt. Nora Tschirner als Merida in der deutschen Fassung macht auch wirklich gute (Stimm)Figur, doch natürlich geht dabei der schottische Aspekt, der hier wirklich einen Teil der Geschichte ausmacht, unwiderruflich verloren.

Mit Merida hat Pixar einen weiteren großartigen Charakter erschaffen. Das Bemerkenswerte an ihr ist, dass sie zwar mutig und temperamentvoll ist, zugleich aber auch nicht wirklich reif und weise. Ein Teenager eben. Das verleiht der Beziehung mit ihrer Mutter eine zusätzlich realistische Dimension, da Merida anfangs nur auf sich und ihr eigenes Wohl bedacht ist, und die Sichtweise der Mutter nicht einnehmen will. Aber auch Elinor versucht anfangs nicht ihre Tochter zu verstehen. Erst der Zauber bringt die beiden näher zusammen  und führt schließlich zu einigen rührenden und herzergreifenden Momenten, wie nur Pixar diese in seinen Animationsfilmen erschaffen kann. Doch auch der Humor kommt hier nicht zu kurz, vor allem dank Meridas kleinen Drillingsbrüdern Hubert, Harris und Hamish, die allerlei Unfug anstellen, sich aber auch durchaus als nützlich erweisen. Auch die illustren Clananführer sorgen für einige Lacher. Das Highlight stellt aber die verwandelte Elinor, die verzweifelt versucht auch in ihrer Bärenform die Anmut und das Benehmen einer Königin aufrecht zu erhalten.

Richtig überzeugend im Film sind die Bilder. Natürlich bieten sich die schottischen Highlands perfekt dafür an, atemberaubende Landschaften zu kreieren und diese kommen nicht zu kurz. Ob das 3D-Format wirklich notwendig war, kann bestritten werden, doch gibt es keine Zweifel darüber, dass die weitschweifenden Aufnahmen von den Highlands, durch die Merida auf ihrem Pferd reitet, einfach atemberaubend sind.  Komplementiert wird das von der schönen musikalischen Untermalung durch Patrick Doyle.

Letztendlich ist Merida aus künstlerischer Sicht vielleicht einer der schwächeren Pixar Filme (dieser Erwartung wird der oscarnominierte Kurzfilm La Luna, der vor dem Hauptfilm läuft, schon eher gerecht), doch ist es dank seiner großartigen Charaktere, seiner üppigen Animation und seinem aufrichtigen emotionalen Kern dennoch eins von Pixars besten Werken. Die Mutter-Tochter Geschichte wird bei den Eltern und Kindern im Publikum auf gute Resonanz stoßen. Diejenigen, denen dieser Aspekt nicht so wichtig ist, kommen immer noch in den Genuss eines visuell beeindruckenden und von erster bis zu letzter Minute unterhaltsamen Märchen. Erneut beweist das Animationsstudio, dass es allen anderen in Hollywood haushoch überlegen ist. Wenn es mit rechten Dingen zugeht, wird sich Merida neben Buzz Lightyear, WALL-E und Remy als einer von Pixars legendären Charakteren etablieren.

Fazit

Pixar hat es wieder geschafft! Merida – Legende der Highlands ist ein zauberhaftes und wunderschön animiertes Märchen mit viel Herz, Humor und einer starken Heldin.

Trailer

https://youtu.be/NJ4-7RXxGO0