"Drecksau"-Regisseur Jon S. Baird im Interview: "Es ist eine tragische Liebesgeschichte"

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Jon S. Baird Interview

Neben dem Hauptdarsteller des Films, James McAvoy, hatte ich während des Hamburger Filmfests auch die Gelegenheit, mit dem Regisseur von Drecksau, Jon S. Baird, ein Interview zu führen. Vor fünf Jahren feierte er mit dem Hooligan-Drama Cass sein beeindruckendes Regiedebüt, doch spätestens nach Drecksau sollte der Rest der Welt auf ihn aufmerksam werden. Wenn alles gut läuft, sollte Drecksau seiner Karriere den Durchbruch verschaffen, der Danny Boyle dank Trainspotting seinerzeit gelang. In unserem Interview erzählt der gebürtige Schotte von den Herausforderungen bei der Adaption eines Irvine-Welsh-Romans, einer potenziellen Fortsetzung und der Rolle, die Hamburg im Film zukommt.

(hier kann man das Interview auch in englischer Sprache nachlesen)

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Filmfutter: Bei Drecksau, warst Du der Produzent, der Regisseur und der Drehbuchautor. Warum war Dir dieser Film so wichtig?

Jon S. Baird: Es war das erste Buch von Irvine Welsh, das ich gelesen habe. Mittlerweile habe ich alle seine Romane gelesen, aber „Drecksau“ bleibt mein Favorit. Ich habe dieses Buch wirklich in mein Herz geschlossen. Ich denke die Tatsache, dass andere versucht haben, diesen Roman zu verfilmen und aus diversen Gründen scheiterten, machte es zu einer Herausforderung. Die Frage war: „Kann ich das schaffen?“ Ich liebe den Charakter. Er ist so verabscheuungswürdig und so komplex. Das waren die Hauptgründe, warum ich diesen Film unbedingt machen wollte.

FF: Hast Du bereits Feedback von Irvine (Welsh) zur Verfilmung?

JSB: Ja, Irvine wurde über die Jahre ein sehr enger Freund. Ich kenne ihn jetzt seit fünf Jahren. Ihm die erste Drehbuchfassung zu schicken, war nervenaufreibend. Er lebt in Chicago und ich in London. Ich schickte sie ihm über Nacht und aufgrund der Zeitdifferenz musste ich bis zum nächsten Morgen auf die Reaktion warten. Ich war sehr nervös. Ich erhielt eine E-Mail von ihm, die lautete: „Ich liebe es. Ändere kein Wort.“ Diese  E-Mail habe ich immer noch. Diese Art von Unterstützung von Anfang an zu haben war großartig. Er kam auch zum Set und wir drehten eine Gastrolle mit ihm, die leider nicht in der fertigen Filmfassung endete. Wir mussten sie rausschneiden. Als er den fertigen Film gesehen hat, war er damit sehr zufrieden, insbesondere mit der Performance von James (McAvoy). Er hat zu anderen Leuten gesagt, dass die Performance von James als Bruce Robertson dem Charakter aus dem Roman näher kommt als jeder andere Charakter von ihm, der je für eine Filmversion adaptiert wurde. Irvine hat uns sehr unterstützt und hat auch viel Pressearbeit für uns gemacht.

FF: War er auch in den kreativen Prozess involviert?

JSB: Eigentlich war er das gar nicht. Er hat das zuvor bei einer anderen Adaption von seinem Werk gemacht, bei The Acid House, und er war mit dem Drehbuch nicht ganz zufrieden, das er geschrieben hat. Es ähnelte zu sehr der Vorlage. Also sagte er zu mir: „Du wirst es selbst machen müssen.” Er kam aber zu vielen Treffen mit den Geldgebern – nicht um wirklich über die Finanzen zu diskutieren, sondern eher um zu zeigen, dass er als Autor diesen Film unterstützt.

FF: Ich habe gelesen, dass Irvine Welsh versprochen hat, sich zu Ehren des Films tätowieren zu lassen, falls der Film je produziert werden sollte und angeblich hat er es durchgezogen. Stimmt das?

JSB: Jep. An dem Tag, an dem ich das Tattoo zum ersten Mal gesehen habe, hat Irvine auch zum ersten Mal den Film gesehen. Wir waren in London und Harvey Weinstein war im gleichen Hotel, in dem auch wir saßen. Er ging an uns vorbei und Irvine, der ein paar Drinks intus hatte, rief: „Harvey, Harvey, was hältst du davon?“ und Harvey ging einfach weiter (lacht). Aber ja, es ist eine wahre Geschichte. Er hat sich tätowieren lassen, sobald der Film im Kasten war. Ich habe nie geglaubt, dass er es durchziehen würde, aber er tat es.

FF: Würdest Du sagen, dass Hamburg eine wichtige Rolle im Film spielt? Eigentlich sind es ja nur wenige Szenen, aber hierzulande wird das stark beworben.

JSB: Es ist ein sehr wichtiger Teil des Films, den es ist eine Art Bindeglied, an dem die beiden Teile des Films aufeinandertreffen. Die großen lustigen Momente enden und die Dunkelheit gewinnt an Überhand. Bruce Robertson halluziniert mehr und begreift langsam, was er anderen Menschen antut. Wenn er aus Hamburg zurückkehrt, fängt er langsam an, die Kontrolle zu verliere. Obwohl es im Film also „nur“ eine Monate ist,  ist dieser Teil für den Verlauf der Geschichte entscheidend. Es ist auch sehr wichtig im Roman, wobei es dort Amsterdam ist anstelle von Hamburg.

Jon S. Baird Interview Filth

FF: Wie kamst Du dann auf Hamburg als Location?

JSB: Es gab eigentlich zwei Gründe. Wir hatten einen deutschen Koproduzenten und wir wussten, dass wir im Rotlichtviertel drehen wollten. In Europa hat man da hauptsächlich zwei Möglichkeiten – Amsterdam und die Reeperbahn in Hamburg. Wir hatten den Eindruck, dass Amsterdam bereits zu häufig für so etwas eingesetzt wurde. Da wir zudem auch Förderung aus Deutschland erhielten, macht es nur Sinn, in Deutschland zu drehen.

FF: Hattet Ihr eine gute Zeit hier?

JSB: Wir hatten eine tolle Zeit. Wir verbrachten fünf Tage in Hamburg; obwohl nur zwei Tage lang gedreht wurde. Trudie Styler war eine Produzentin des Films und sie ist mit Sting, dem Sänger, verheiratet. An einem unserer freien Tage gab er ein Konzert in Berlin und die ganze Crew wurde in einem Bus dahingefahren, sodass wir das Konzert sehen konnten. Am nächsten Tag kam er zu uns ans Set und wir drehten einen Gastauftritt von ihm. Auch dieser fiel leider der Schere zum Opfer.

FF: Habt James McAvoy und Du die Gelegenheit gehabt, privat auf der Reeperbahn was trinken zu gehen?

JSB: Nein, wir haben es nicht geschafft, privat hinzugehen, aber wir waren dort auf der Suche nach guten Locations. Ich bin mir nicht einmal sehr sicher, wo die Reeperbahn genau anfängt, kann also sogar sein, dass ich dort privat war, aber jedenfalls nicht bewusst.

FF: Irvine Welshs Prosa ist sehr speziell und nicht zwangsläufig gut für ein Drehbuch geeignet. Was war die größte Herausforderung für dich bei der Adaption des Materials?

JSB: Auf jeden Fall. Die größte Herausforderung war es, einen zusammenhängenden Erzählstrang zu finden. Irvine gibt einem tolle Charaktere und tolle Dialoge, aber er gibt einem nicht immer eine klare Geschichte. Bei Drecksau war es die Frage, was die Geschichte antreibt. Im Roman zerfällt Bruce weniger geistig, sondern vor allem körperlich. Das war für den Film aber nicht stark genug, er musste mehr emotional zerfallen. Im Buch ist das auch der Fall, aber wir fügten das Element der geistigen Störung hinzu, um es mehr auf den Punkt zu bringen.

FF: Denkst Du, Bruce Robertson sollte eher gehasst oder bemitleidet werden?

JSB: Ich denke beides, je nachdem in welcher Szene des Films. Ich denke, was wichtig ist, ist zu sehen, dass der Witz letztlich auf seine Kosten geht. Obwohl, vermutlich geht der Witz am Ende sogar auf Kosten der Zuschauer. Es kommt auf den Blickwinkel an. Manche hassen Bruce und andere lieben ihn sehr. Ich denke das spricht Bände von James McAvoys Performance. Man kann dem Charakter auf jeden Fall mehr folgen als im Roman. Ernsthaft, wenn man ihn im Film schon hasst, muss man erst den Roman lesen. Im Film ist er letztlich ein Charakter, zu dem man eine Hassliebe empfindet.

FF: Im Roman wird als ein erzählerisches Mittel ein intelligenter Bandwurm benutzt. Im Film wird diese Funktion Job Broadbents Charakter, Dr. Rossi, gegeben. Kam Dir die Idee, den Bandwurm durch den Psychiater zu ersetzen, schnell?

JSB: Die Szenen von Doctor Rossi waren eigentlich die ersten, die ich geschrieben habe. Als ich die Geldgeber für den Film gesucht habe, habe ich einige Probeszenen geschrieben. Ich habe drei Szenen mit Dr. Rossi geschrieben und anfangs stand der Bandwurm mehr im Vordergrund. Als das ganze Drehbuch dann aber langsam fertig wurde, wurde der Bandwurm weniger wichtig. Er wurde mit dem Charakter von Dr. Rossi verschmolzen.

Jon S. Baird Interview zu "Drecksau" 1

FF: Welche emotionale Reaktion lost Drecksau bei seinen Zuschauern aus?

JSB: Der Film hat bei so vielen Vorführungen bereits so viele verschiedene Reaktionen hervorgerufen. Was mich besonders freut, sind die positiven Reaktionen von weiblichen Zuschaueren. In Großbritannien waren deren Reaktionen sehr stark und ich denke der Grund dafür ist, dass sie sehen, dass Drecksau eine tragische Liebesgeschichte in seinen Kern ist. Sie sehen Bruce als einen sehr fehlerbehafteten, tragischen Charakter, der langsam zusammenbricht. Die Frauen gehen am Ende des Films häufig mit dem Gefühl raus, dass obwohl der Charakter schlimme Dinge tut, sie ihm trotzdem gerne helfen und ihn retten würden. Männer verstehen diesen Aspekt manchmal nicht. Hauptsächlich will ich aber, dass die Zuschauer irgendeine Reaktion auf den Film haben – egal, ob es Hass oder Liebe ist. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man aus dem Film geht und denkt: „Ja, es war okay“. Mir ist es viel lieber, wenn man den Film hasst als dass man ihm gleichgültig gegenüber steht.

FF: Es ist definitive nicht die Art Film, die einen kalt last.

JSB: Ja, das ist sehr nett von dir zu sagen und hoffentlich stimmt das bei allen anderen auch. Wenn man einen Film macht, investiert man so viel darin, emotional und, wie bei diesem Film, auch finanziell. Dann denkt man: „Was für einen Sinn hat es, einen Film zu machen, wenn die Zuschauer darauf nicht reagieren? Man verschwendet doch nur die Zeit von allein, einschließlich der eigenen.“

FF: Was war deine erste Reaktion, als du den Roman gelesen hast?

JSB: Staunen. Ich konnte nicht glauben, was der Charakter tat und womit er davonkam. Ich war völlig baff. Als ich das erste Mal das Plakat zum Roman sah, mit dem Schweinskopf und der Polizeimütze, war ich einfach verblüfft. Das ist genau die Wirkung, die ich mir vom Film erhoffe. Das Buch ist eigentlich viel düsterer als der Film. Im Film haben wir mehr Humor und er hat auch einen emotionalen Kern, ein Herz. Der Roman hat das nicht.

FF: Hast du Angst, dass manche Zuschauer den Film einfach nicht verstehen werden? Dass sie ihn nur sehen, weil sie die anderen Filme von James McAvoy mögen oder ihn einfach süß finden?

JSB: Natürlich wird das vorkommen, aber das kommt bei allen Filmen vor. Andererseits wird es auch Leute geben, die ohne Erwartungen sich den Film ansehen werden und ihn am Ende mögen werden. Es wird auch Fans von Irvine Welsh geben, die den Film verstehen werden und andere, die sagen werden, dass die Vorlage besser sei.

FF: Wie war die Arbeit mit James? Im echten Leben ist er sehr liebenswert, aber sein Charakter ist es eindeutig nicht.

JSB: James ist sehr intelligent, sehr intensiv und kantig. Er ist immens professionell, wahrscheinlich der professionellste Schauspieler, mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Er weiß sehr viel über die Filmindustrie und die technischen Aspekte des Filmemachens. Ich denke, er würde eines Tages einen fantastischen Regisseur abgeben. Ich würde sehr gerne mit ihm wieder zusammenarbeiten.

FF: Er ist nicht die offensichtliche Besetzung für die Rolle. Wie kam Dir die Idee, ihm den Part zu geben?

JSB: Das stimmt. Er hat mehr zwielichtige Rollen in letzter Zeit gespielt, wie beispielsweise in Trance, aber wir besetzten ihn noch bevor Trance in die Kinos kam. Die einzige etwas düstere Rolle, die er zuvor gespielt hat, ist die in Der letzte König von Schottland. James‘ Agentin las das Drehbuch, kontaktierte uns und schlug vor, dass wir uns mit ihm treffen. Also trafen wir ihn. Als er durch die Tür ging und anfing über sich selbst, seine Erfahrungen und sein Verständnis des Charakters zu reden, wussten wir sofort, dass wir den Richtigen gefunden haben. Wir trafen ihn um 10 Uhr morgens und um 2 Uhr nachmittags hatte er die Rolle.

Jon S. Baird Interview zu "Drecksau" 4

FF: Man kann durchaus behaupten, dass Trainspotting die bislang beste Adaption eines Romans von Irvine Welsh war. Hast du den Schatten von Trainspotting über Dir gefühlt, als du Drecksau gedreht hast?

JSB: Niemals. Ich denke, wenn ich ein Remake oder ein Sequel zu Trainspotting gedreht hätte, hätte ich viel mehr Druck gespürt. Aber „Drecksau“ ist ein völlig anderes Buch und es war so schwer diesen Film auf die Beine zu stellen, dass als ich angefangen habe ihn zu drehen, ich einfach nu froh war, es tun zu können. Ich hatte nicht die Zeit über andere Filme machzudenken, ich war auf Drecksau fokussiert.

FF: Irvine Welsh hat eine Fortsetzung zu „Drecksau” geschrieben, „Crime”. Wärst Du daran interessiert, auch diese zu verfilmen?

JSB: Ja, das wäre ich. Ich habe mir Irvine darüber geredet und er meinte, dass ich die Rechte haben kann, wenn ich will.

FF: Hoffentlich wird das aber nicht so lange dauern, wie die geplante Fortsetzung zu Trainspotting. Nach 17 Jahren wird immer noch darüber geredet, aber nichts passiert.

JSB: Ja, ich weiß nicht genau, was damit los ist. „Crime“ spielt in Miami und es ist anderen Romanen von Irvine ziemlich unähnlich, denn es gibt eine klare Geschichte. Es geht um diesen Kerl, der auf ein junges Mädchen aufpassen muss und sie vor der Prostitution schützen muss. Es ist eher en kommerzieller Thriller. Ich habe Irvine vor einigen Monaten in Miami besucht und wir haben uns einige Locations von „Cruime“ angeschaut. Ich denke es ist durchaus eine Möglichkeit für mich, aber vielleicht erst in einigen Jahren. Das wird definitiv nicht das nächste Filmprojekt sein.

FF: Fünf Jahre vergingen zwischen Cass, Deinem Regiedebüt, und Drecksau. Steht Dein nächster Film schon fest?

JSB: In der Zeit zwischen den beiden Filmen habe ich einige Drehbücher geschrieben. Eins davon ist jetzt bei Studiocanal und ScottFree, Ridley Scotts Produktionsfirma. Momentan schreibe ich ein anderes Drehbuch um für ein Studio in Los Angeles. Es basiert auf einer wahren Geschichte, aber ich kann nicht verraten, was es ist. Außerdem habe ich die Rechte an einem komödiantischen Buch erworben, das kürzlich publiziert wurde. Allerdings kann ich auch hier nicht verraten, um welches es sich handelt. Also, ja, an diesen beiden schreibe ich derzeit.

FF: Welche Filme mochtest Du selbst in letzter Zeit?

JSB: Kürzlich….von den Oscarfilmen vom letzten Jahr mochte ich Silver Linings sehr. Wie ich schon oben gesagt habe, das war einer dieser Filme, in die ich ohne jegliche Erwartungen reinging und dann sehr mochte. Die Schauspieler waren fantastisch. Es gab viele tolle Filme letztes Jahr. Auch Argo mochte ich sehr. Ich tendiere aber dazu, mehr ältere Filme zu schauen, wie zum Beispiel die von Stanley Kubrick, Sidney Lumet und Woody Allen.

FF: Hast Du irgendwelche von deren Filmen als Referenz für Drecksau benutzt?

JSB: Ja, Uhrwerk Orange war ein großer Einfluss, in vielerlei Hinsicht.

FF: Bevor die Produktion von Drecksau begonnen hat, erwähnte Irvine Welsh Alan Cumming als Besetzungsmitglied. Ich glaube es war in der Rolle von Toal (Anm. der Red: im Film gespielt von Jim Sessions). Was ist daraus geworden?

JSB: Ich glaube es war ein terminlicher Konflikt. Wir sollten im September drehen, aber dann wurde der Drehstart in den Januar verschoben und er war nicht länger verfügbar.

FF: Denkst Du schon an bestimmte Schauspieler für Dein kommendes Projekt?

JSB: Ja, es gibt einen…aber ich kann nicht sagen, wer es ist. Ihr werden es als erste erfahren! (lacht)

FF: Ich hoffe nur, dass es keine fünf Jahre dauern wird bis zum nächsten Film.

JSB: Das hoffe ich auch! Die Dreharbeiten fangen hoffentlich im Frühling an.

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Hier könnt Ihr unser Interview mit James McAvoy nachlesen.

Drecksau (unsere Kritik) kommt am 17.10.2013 in die deutschen Kinos und ist wirklich ein Film, den man nicht verpassen sollte – vorausgesetzt, man verträgt seinen pechschwarzen Humor!