"Hannibal" S03E02 "Primavera" Kritik

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Der Artikel enthält einige "Hannibal"-SPOILER zur besprochenen Folge!

War die Staffelpremiere der dritten Staffel "Hannibal" noch die leicht genießbare Vorspeise, serviert uns Bryan Fuller zusammen mit Regisseur Vincenzo Natali einen ersten Gang, der mal so richtig auf die Geschmacksnerven geht. Zwar bleibt das Tempo auf einem gewohnt eher langsamen Niveau, doch allein der Aufbau der Folge und der Figurenkonstellationen gestaltet sich serientypisch als wendungsreich und verdammt gut durchdacht. Im Gegensatz zur letzten Folge befinden wir uns in "Primavera" nicht mehr aus der Sichtweise von Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson) und Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) sondern kehren zu Will Graham (Hugh Dancy) zurück, der aus seinem Koma erwacht und die Geschehnisse des letzten Staffelfinales rekapituliert.

Dies tut er nicht allein, oder zumindest wird uns das vorher weiß gemacht, denn zur großen Überraschung der Zuschauer scheint auch Abigail Hobbs (Kacey Rohl) Hannibal überlebt zu haben und will zusammen mit Will nach dem mysteriösen Serienmörder suchen. Das Erstaunliche daran ist, dass Bryan Fuller uns inzwischen so weit am Haken hat, dass wir der Serie tatsächlich jedes Mal aus der Hand fressen, sei die Wendung auch noch so unglaubwürdig. Egal was uns aufgetischt wird, wir wissen nicht, ob es real ist, ob es sich in Wills Gedanken abspielt, was wir von der Handlung erwarten können und werden von "Hannibal" genauso an der Nase herumgeführt wie Will Graham von Dr. Lecter. Dass die Serie das erreicht hat, ist positiv beängstigend.

Abigail war eindeutig die "Toteste" von all denen, die am Ende der zweiten Staffel scheinbar ihr Leben ließen, trotzdem gefällt die Vorstellung, dass gerade sie überlebt hat. Zusammen mit Will bildet sich eine Art Team, so hat es den Anschein, dass nach Hannibal sucht, aber eigentlich selbst nicht weiß, warum, und was sie vorhaben, wenn sie ihn tatsächlich gefunden haben. Das Einzige, was Will einsieht ist, dass er für Hannibal eine Funktion hat, da er am Leben gelassen wurde. Es ist noch nicht vorbei, oder wie Abigail es schön formuliert:

You don’t have an ending. He didn’t give us one yet

Bezeichnend steht das "us", also "wir", für beide. Nicht nur Will Graham hat noch kein Ende gefunden, für Will hat auch Abigail noch kein Ende gefunden. Sie wird ihn wohl bis zu seinem Tod begleiten, und ihre Geschichte bekommt in dieser Folge zwar einen perfekten Abschluss, doch für Will ist nichts vergessen, nichts bloß Vergangenheit.

Hannibal Primavera Bild 1

Auf der Suche nach Hannibal Lecter kehrt Will in seinen Gedankenpalast zurück, ja jeder "Sherlock"-Fan wird schmunzeln, doch wird das hier keineswegs als langweiliger Abklatsch präsentiert. Er rekapituliert, einige bekannte Szenen aus der zweiten Staffel als dritter Beobachter und findet heraus, wo Hannibal auf ihn wartet. Ein Zeitsprung schickt uns 8 Monate in die Zukunft und wir sehen, wie Will sich in Florenz aufhält und wenig später den Mord an Anthony Dimmond (Tom Wisdom) mitbekommt. Hier lernt er auch den italienischen Inspektor Rinaldo Pazzi (Fortunato Cerlino) kennen, einen Mann, der schon seit 20 Jahren nach dem berüchtigten Kannibalen sucht, der in jungen Jahren auch Italien unsicher machte. Er freundet sich schnell mit Will an, beide besitzen ähnliche Ambitionen Hannibal zu finden, doch Pazzi scheint noch sehr unschuldig zu sein, und nicht zu wissen, zu was Hannibal wirklich fähig ist.

Zu diesem Zeitpunkt kommt die Frage auf, ob Will eigentlich weiß, was er will. Sucht er nach Rache, Antworten oder am Ende tatsächlich Vergebung? Der Hirsch, der am Ende der zweiten Staffel starb, symbolisierte auch das Ende der Beziehung zwischen Hannibal Lecter und Will Graham sowie Hannibals Ambitionen, Will zu seinem wahren "Freund" zu formen. Diese Folge beschert uns ein visuell mal wieder extrem verstörendes Bild in dem der Hirsch aus Hannibals gebrochenem Herz, das er in der Kirche aufgebaut hat, wieder zum Leben erweckt wird. Phänomenal.

Hannibal Primavera Kritik

Und dann der große Twist der Folge: Abigail Hobbs ist längst tot. Wurde dem Zuschauer mit Inspektor Pazzi ein neuer, ziemlich undurchsichtiger Charakter serviert, der viel mehr den Eindruck einer bloßen Einbildung machte, befindet sich die wahre Geistgestalt die ganze Folge lang schon direkt neben Will. Eigentlich lag diese Wendung direkt vor der Nase des aufmerksamen Zuschauers, trotzdem kommt sie überraschend aus dem Nichts und brilliert mit fabelhaftem Timing. Die folgenden Szenen liefern uns einen zermürbenden Abschied von Abigail Hobbs, deutlich überraschender als gedacht, da die meisten sicher sowieso schon mit ihr abgeschlossen hatten.

Die folgenden Bilder sind bahnbrechend. Optisch ist man von Hannibal viel gewohnt, sogar sehr viel, doch was hier passiert ist mal wieder fantastisch inszeniert worden und braucht sich vor nichts und niemandem zu verstecken. Kameraeinstellungen der toten Abigail gepaart mit denen des schwer verletzten Will vermischen sich zum Bild eines gebrochenen Mannes, der die Toten mit sich trägt, und der sie niemals loslassen wird, da er nicht fähig ist seine Schuld abzulegen.

A place was made for you, Abigail, in this world. It was the only place I could make for you.

Hannibal Primavera Kritik

"Primavera" gehört noch zu den ganz frühen und handlungstechnisch extrem langsamen Folgen der dritten Staffel, weiß aber trotzdem zu begeistern. Eine beeindruckende Regie, ein wunderbarer Twist, schöne Dialoge und ein offenes Ende, das den Trailern ihr Gewicht nimmt, machen so ziemlich alles richtig. Nun hat Will Graham Hannibal Lecter gefunden und die Spannung darüber, was als Nächstes passieren wird, könnte kaum größer sein. Diese Folge setzte wieder einen starken Fokus auf die Vergangenheit und darum Hannibal als göttliches / teuflisches Ebenbild darzustellen und verliert sich vielleicht in ihrer Eleganz und ihrem Stil etwas, anstatt sich mit der Weiterführung der Handlung zu befassen, doch schadet ihr das kein bisschen. Was wird nun als Nächstes passieren, nachdem unsere beiden Lieblingscharaktere wieder aufeinandergetroffen sind und Will zu Hannibal genau das sagt, was dieser hören wollte? Lassen wir es einfach mal im Raum stehen:

Hannibal, I forgive you.