"Offenheit ist auf Dauer anstrengend" – Florian David Fitz im Interview

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Florian David Fitz Interview

Obwohl Florian David Fitz bereits seit Anfang des letzten Jahrzehnts im Film- und Fernsehgeschäft tätig ist, gelang ihm der große Durchbruch, der ihn einer breiten Öffentlichkeit vorstellte und ihn zugleich zu einem Frauenschwarm machte mit der Ärzte-Soap "Doctor’s Diary" und kurz darauf mit dem Überraschungshit Vincent will Meer, zu dem Fitz auch das Drehbuch verfasst hat. Rollen in Kinoerfolgen wie Jesus liebt mich (ebenfalls Autor), Männerherzen … und die ganz ganz große Liebe und Die Vermessung der Welt folgten. Mit Da geht noch was! ist seine dritte Drehbucharbeit in den deutschen Kinos erolgreich angelaufen. Wir haben den Star zu seinem neuen Film interviewt und er hat uns von seiner Sicht auf Familie, Freiheit und Nostalgie erzählt.

Filmfutter: Als wir uns das letzte Mal gesprochen haben, sagtest du Bewusstsein über die eigenen Wurzeln sei dir wichtig, du bräuchtest aber auch Abstand. Wäre eine Situation wie die von Conrad im Film also ein Albtraum für dich?

Florian David Fitz: Erst mal schon. Ich glaube, auch für Eltern ist so eine Situation nicht besonders toll. Im Falle des Filmes ist es spannend, weil Conrad zu seiner Familie einen krankhaften Abstand hält. Zwischen ihm und seinem Vater herrscht schon seit Jahren eine Sprechpause. Insofern ist die Situation, die sich ergibt, hier entsprechend spannend. Das ist mit mir und meinen Eltern ja nicht zu vergleichen. Wir halten immer Kontakt und mögen uns auch sehr. Deswegen muss man aber nicht bei ihnen in der Bettritze schlafen.

FF: Gibt es eine Situation die es für dich rechtfertigen würde, den Kontakt zur Familie vollständig abzubrechen?

FDF: Natürlich gibt die. Das sind zwar sehr traurige und meist sehr ungesunde Situationen, aber keiner kann sich das so richtig aussuchen. Ich habe in meinem eigenen Bekanntenkreis Kinder gesehen, die ihre Eltern furchtbar behandeln. Anders herum existiert das natürlich genauso. Bevor man einen Dachschaden davon trägt, oder dauerhaft leidet, ist es ganz klar besser, getrennte Wege zu gehen. Generell glaube ich zwar, dass Blut tatsächlich dicker ist, als Wasser, aber das muss nicht unbedingt heißen, dass das so auch gut ist.

FF: Wie alt warst du, als du von Zuhause ausgezogen bist?

FDF: Ich war 19. Ich bin damals nach Boston geflogen, um dort zur Schule zu gehen. Das erste, was ich nach Auszug getan habe, war es also, meine Koffer im Studentenwohnheim auszupacken. Meine Eltern und auch ich hatten gedacht, dass vielleicht Heimweh aufkommen würde, weil ich sehr heimatsverbunden bin. Das klappte aber alles super.

FF: Du hast am Skript zu Da geht noch was! mitgearbeitet. Welche Ideen sind im Speziellen eingeflossen?

FDF: Ich glaube, es wäre zu kompliziert, das an dieser Stelle wirklich aufzuschlüsseln. Es hatte etwas mit der Dramaturgie zu tun. Ich fand die Grundideen in dem Buch toll, aber da ging es fast ein bisschen mehr um die Trennung der Eltern. Conrad hat all das eher als Beobachter erlebt. Nachdem der Entschluss stand, dass Conrad die Hauptfigur sein soll, brauchte er ein eigenes Problem, sodass der Vater-Sohn-Konflikt in den Vordergrund trat.

FF: Dieser Konflikt wird schließlich angegangen und die beiden lernen voneinander. Was ist die große Herausforderung daran?

FDF: Es braucht Offenheit, die uns allen schwer fällt, weil sie auf Dauer anstrengend ist. Ich glaube nicht, dass ein Mensch in ununterbrochener Offenheit durch die Welt rennen kann, ohne dabei zu ermüden. Der Körper versucht, Energie zu sparen, wo es gerade geht. Das ist menschlich und auch in Ordnung, aber ich halte es für wichtig, sich die Relevanz von Offenheit regelmäßig bewusst zu machen. Im Film entscheiden sich nun weder Conrad noch sein Vater aus eigenen Stücken zu der Offenheit, die sie voneinander lernen lässt. Ausgelöst durch eine Wahl von Mutter Helene werden die beiden in diese Situation hinein gezwungen. Natürlich spitzt ein Film diese Unfreiwilligkeit zu, weil die Geschichte von einem, der freiwillig zu lernen beginnt, wahrscheinlich langweilig wäre. Grundsätzlich denke ich aber, dass wir auch im realen Leben oft unfreiwillig in Situationen landen, aus denen wir schließlich lernen.

FF: Einige Kritiker haben angemerkt, Konflikte und deren Lösungen seien im realen Leben etwas komplexer, als vom Film dargestellt. Wie würdest du das zurückweisen?

FDF: Lösungen sind immer relativ simpel. Die Herausforderung ist es, sie umzusetzen. Da gibt es kein größeres Geheimnis. Im Laufe der Filmhandlung werden alle Beteiligten ja nur dazu gezwungen, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen. Niemand behauptet, dass danach alles gut ist. Einige ihrer Probleme können wahrscheinlich gar nicht gelöst werden, aber der Film stellt in den Raum, dass die Auseinandersetzung allein schon eine deutliche Verbesserung ist, die einen belohnen kann. Die Betonung liegt auf „kann“ – es muss nicht so sein. Ich persönlich finde es schön, am Filmende einen positiven Ausblick zu geben. Wer sich Da geht noch was! ansieht, wird ja nicht mit einer Komplettlösung aller Konflikte entlassen, aber doch mit dem positiven Gefühl, dass zumindest ein Bewusstsein für die Probleme da ist.

FF: Conrad ist ein Aktionsmensch, der sehr hektisch und eilig vorgeht. Woran liegt das?

FDF: Conrads Vater Carl kommt aus dem Gewerkschaftslager und hat dementsprechend starke, soziale Werte. Ich glaube Conrad ist zu stolz, um sich von seinem Vater irgendetwas geben zu lassen. Er möchte alles selbst schaffen und eine Welt aufbauen, die er für richtig hält. Er will die ideale Frau, das ideale Haus – alles muss stimmen. Er bemerkt erst im Rückblick, dass er womöglich etwas aufzubauen versucht, das vielleicht gar nicht lebbar oder lebenswert ist. An dieser Stelle kommt ihm der Gedanke, dass sein Leben vielleicht viel schöner war, als noch weniger los war. Während wir versuchen, die Dinge zu vermeiden, die wir als Fehler unserer Eltern empfunden haben, schlittern wir schnell in das andere Extrem und machen den gegenteiligen Fehler. Ich glaube, entkommen kann man diesem Rad kaum. Es ist gerade deswegen wichtig, sich Lockerheit und Humor zu bewahren.

FF: Conrad ist an einem irrealen Lebensimage stagniert. Kennst du das?

FDF: Ja. Wenn man hart arbeitet, wie Conrad es tut, dann ist man ununterbrochen in Bewegung und wer ununterbrochen in Bewegung ist, verpasst leicht den Moment, in dem der Gedanke hinter der Bewegung stagniert. Ich glaube, das nennt man Hamsterrad. Auch ich kenne das, aber im Moment habe ich das Gefühl, dass sich durchaus etwas bewegt. Man verändert sich – ob nun bewusst oder unbewusst.

FF: Studien zufolge empfinden immer mehr Menschen die Welt und das Leben als irreal. Woran liegt das?

FDF: Durch unsere Zeitumstände – ob nun positive oder negative – fehlt uns der direkte Kontakt mit den Dingen. Wir gehen beispielsweise nicht mehr auf den Acker, um unsere eigenen Karotten anzupflanzen. Das Bedürfnis nach einem solchen Kontakt ist aber noch immer da, was sich an Urban Gardening und vergleichbaren Trends zeigt. Zu sehen, dass Dinge passieren, weil man selbst etwas dazu tut, kann einem Menschen fehlen, gerade weil es eine solche direkte Feedback-Schleife immer weniger gibt. Dazu kommt, dass wir in unserer Zeit mit der digitalen Welt eine Ebene dazugewonnen haben, die tatsächlich nur noch in der Vorstellungswelt stattfindet, statt in der Realität.

FF: Wie gehst du mit der "digitalen Ebene" um? Lehnst du soziale Netzwerke beispielsweise ab?

FDF: Nein. Auch soziale Netzwerke haben tolle Seiten. Es hängt immer davon ab, wie man mit den Dingen umgeht. Wenn ich in einer kleinen Freundesgruppe twittere, dann würde ich, egal wo ich bin, wissen, was meine Freunde gerade machen. Man hat ein Gespür für einander und hält Kontakt. Das kann ich mir gut vorstellen, aber ich versuche in meinem Leben, gegen Zerstreuung anzugehen. Dadurch, dass ich schon beruflich sehr viel in Bewegung bin, bemühe ich mich, wo es nur geht, um Konzentration. Ich versuche, bei einer Sache zu bleiben. Mit allem, das ich zusätzlich in mein Leben integriere, wird das konzentrierte Leben schwerer.

FF: Ist das "immer mehr Dinge" ein Konsumgesellschaftsproblem?

FDF: Ich würde wahrscheinlich noch etwas weiter gehen und es den Fluch der Möglichkeiten nennen. Wir wünschen uns alle Freiheit, und bis zu einem gewissen Grad macht Freiheit glücklich, aber wie alles hat auch Freiheit eine Kehrseite. Ich glaube, dieser Gedanke ist den Leuten relativ neu. Für gewöhnlich wird Freiheit als grundpositives und erstrebenswertes Gut visualisiert, weil die Menschen in der Vergangenheit nicht frei entscheiden konnten, was sie tun wollen und sich nach der gegenwärtigen Vielfalt an Möglichkeiten gesehnt haben. Eine extreme Wahlfreiheit wird aber genauso schnell zur Qual, weil man sich ständig entscheiden muss und dabei schnell das Gefühl hat, sich womöglich falsch oder zumindest nicht optimal entschieden zu haben.

FF: Ähnlich verbreitet wie der Zweifel an der Entscheidung ist die rosarote Brille des Rückblicks. Hast du selbst eine Tendenz zur Nostalgie?

FDF: Ich glaube es ist eine grundsätzliche Tendenz des Menschen, nostalgisch zurück zu blicken. Ich habe gerade "Die Kunst ein kreatives Leben zu führen" von Frank Berzbach gelesen. Das ist eine Sammlung von Schriften, die sich mit all diesen Dingen auseinandersetzen. Ein sehr spannender Aspekt darin war der Hinweis, so gut wie alle spirituellen Lehren wüssten, dass man sich nie wirklich problemlos durch den Alltag bewegt. Vielleicht bleiben einige Probleme oder man empfindet wieder etwas Neues als Problem. Wenn man Tagebuch führt, dann lässt sich das sogar bewusst verfolgen. Eigentlich kann man sinnvollerweise also nur entscheiden, sich nicht mehr um das "Was?", sondern um das "Wie?" zu kümmern. Wie gehe ich mit Problemen um? Akzeptiere ich diese Kette? Wenn ich das nämlich nicht tue, sondern darauf warte, bis sie endet, dann wird mich das immer wieder unglücklich machen.

FF: Wie schwer oder leicht ist es dir gefallen, dieses Wissen umzusetzen?

FDF: Für mich war das in den letzten Jahren durchaus herausfordernd, weil es mir neu war, aber langsam habe ich das Gefühl, dort anzukommen. Ich dachte oft, dass Leute vielleicht von mir erwarten würden, ich müsste die großen Kinosachen machen. Ich selbst hatte auf der anderen Seite genauso den Wunsch, an Projekten zu arbeiten, die etwas ungewöhnlicher sind und die Intelligenz nicht beleidigen. Diese beiden Pole zu vereinen, ist mir schwer gefallen, aber ich habe angefangen mich zu fragen, was eigentlich schief gehen kann. Wenn ich etwas riskiere und Filme mache, die auf die Schnauze fallen können, dann würde im schlimmsten aller Fälle vielleicht niemand mehr einen Film mit mir machen wollen, aber ist das für mich der Super-GAU? Das Leben würde auch dann weitergehen. Ich werde nicht auf meinem Sterbebett liegen und sagen: Verdammt, hätte ich das doch nicht riskiert! Ich habe für diesen Fall auch keinen Plan B, weil Vorausdenken nicht besonders gesund ist. Wobei in dem Buch, das ich angesprochen habe auch eine sehr nützliche Zen-Weisheit enthalten ist, die aussagt, der Blick auf die Dinge vom Tod aus kann sie in Relation und Perspektive setzen.

FF: Ist der Verstand, der uns aus dem Moment heraus in Vergangenheit und Zukunft zieht, das große Dilemma des Menschen?

FDF: Ja, absolut. Der menschliche Verstand hat mit Sicherheit auch seine guten Seiten, aber ich glaube, dass es mit dem Verstand so ähnlich ist, wie mit der Freiheit. Es ist ein Geschenk, aber auf der anderen Seite wirft es uns aus der Gegenwart und dem Gefüge der Natur heraus, was Probleme entstehen lässt. Die positiven und negativen Seiten des Verstands ausbalancieren zu wollen, verpflichtet zu Selbstdisziplin.

FF: Auch der Verlust der Identität spielt für den Film eine Rolle. Kannst du es nachvollziehen, wenn man als Schauspieler über das Gefühl klagt, in jeder Rolle ein Stück Seele zu lassen?

FDF: Wenn man "ein Stück Seele" verlieren mit "immer weniger werden" gleichsetzt, dann kann ich es nichtnachvollziehen. Das wäre ja, als würde meine Liebe weniger werden, wenn ich sie hergebe. Noch eher als weniger, wird man mehr. Man versetzt sich als Schauspieler in die unterschiedlichsten Situationen und im Idealfall nimmt man seine Seele dabei mit. Ich empfinde das als sehr spannend, weil man erkennt, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten es gibt. Man wird durchaus zögerlicher zu sagen: "Ich bin so!", und wenn man Leute Dinge sagen hört wie: "Das würde ich nie machen!", dann beginnt man darüber zu lachen, weil man erkennt, dass die Umstände eine größere Rolle spielen, als man zunächst vielleicht annehmen will. Das hat aber nichts damit zu tun, dass man weniger wird, eher im Gegenteil.

FF: Viele Leute würde es interessant finden, dich in einem Film deine eigene Person spielen zu sehen. Würdest du das wollen?

FDF: Nein, das wäre für mich ja überhaupt nicht spannend. Ich will mich ja in andere Menschen und Situationen versetzen. Davon abgesehen wäre ein Film über meine Situation auch kein besonders interessanter Film. Vielleicht würden einige tatsächlich vom Gegenteil ausgehen, aber ich kenne mein Leben besser (lacht).

von Sima Moussavian

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Da geht noch was! läuft seit dem 12.09.2013 in den deutschen Kinos. Für ein Interview mit der Darstellerin Leslie Malton, hier klicken.