Wie bereits angekündigt gab es an meinem 2. Tag auf dem Filmfest Hamburg 2016 mehr zu sehen, als die im Ankunftsstress mitgenommenen Elle und Per Song. Während ich im nächtlichen Hamburg vor der Tastatur sitze, an meinem Wasser nippe und textlich zerstörte Träume, politische Debatten, naturalistische Selbstfindungsreisen und ein finsteres Kapitel in der Geschichte von Colorado reflektiere, befinde ich mich zeitlich schon in Tag 3 des Festivals. Nebenbei fühle ich mich wie in einer ganz bestimmten Folge von „Breaking Bad“ – eine Fliege nervt mich. Doch zurück zu den Filmen:

Tag 2

Diamant Noir

Filmfest Hamburg 2016 Tagebuch Tag 2 Diamant NoirAugen und Hände stehen im Fokus von Arthur Hararis Rache-Drama. Sie sind die wichtigsten Werkzeuge eines Diamantenschleifers. Die Diamantenschleifer wiederum die wichtigsten der Diamantenhändler. Diamanten – um den Namen dieses besonderen und besonders wertvollen Edelsteins noch einmal wirken zu lassen – sind das Geschäft von Piers (Buillaume Verdier) Familie, mit der er wenig zu tun hat. Auch von seinem Vater scheint er sich distanziert zu haben, der vor Jahren seine Hand im Familienbetrieb als Diamantenschleifer verlor. Die Nachricht über seinen Tod löst bei Pier, der inzwischen als Einbrecher unterwegs ist, lang zurückgehaltene Emotionen aus. Während Pier stark vermutet, dass die Verstümmelung seines Vaters damals kein Unfall war und er Onkel Joseph (Hans-Peter Cloos) und Cousin Gabi (August Diehl) als Schuldige anvisiert, deutet der Film mit dem Finger auf den wahren Täter: den Kapitalismus.

Diamant Noir ist in seinen besten Momenten aufgeladen mit kitzelnder Spannung, in seinen Heist-Planungen clever mit spielerischen POV-Aufnahmen aufgezogen und im Finale überaus konsequent, versinkt aber oft im erzählerischen Treibsand aus Exposition, fehlendem Gefühl für Schwerpunktsetzung innerhalb der Handlung und klischeebehafteten Charakteren. Die selbstzerstörerische Natur seiner Figuren setzt glücklicherweise mehrere Male Adrenalinspritzen, wenn der Puls des Films schon fast nicht mehr zu spüren ist. August Diehls Performance schwankt zwischen gebrochenem manisch Depressiven und überzogen dämonischem Kapitalistenschwein, Buillaume Verdier steuert seinen Hauptcharakter zunehmend in ausweglose Panik. Am Ende ist der wertvolle Stein mehr wert als Menschenleben und sein mordender Beschützer der falsche Held. 2,5/5

The Sociologist And The Bear Cub

Filmfest Hamburg 2016 Tagebuch Tag 2 The Sociologist and the Bear CubWie gestern in Per Song verschmolzen auch im heutigen 70-Minüter Fiktion und Realität. Unter dem Zeichen des rechtlichen Diskurses über die homosexuelle Ehe in Frankreich begleitet der junge Dokumentarfilmer Mathias Théry die polarisierende Debatte und verbindet dabei dokumentarische Aufarbeitung mit humoristischem Puppentheater. Seine Mutter, die Soziologin Irene Théry, wurde für in ein Expertenteam geholt, das die Regierung aus verschiedenen Standpunkten in der kontroversen Frage beraten soll. Die Telefonate mit ihr, Ausschnitte aus Reden und Interviews visualisiert Mathias Théry mit Kuscheltieren, kreativen Spielereien und einem mit dieser stilistischen Entscheidung einhergehenden Meta-Kommentar.

The Sociologist And The Bear Cub funktioniert dabei als unterhaltsamer und aufklärender Lehrfilm. Mal verbindet Théry die Geschehnisse mit persönlichen Anekdoten, mal bettet er es in satirische Seitenhiebe, im Endeffekt wird jedoch nur ein nüchterner, faktenbezogener Diskurs leicht bekömmlich gemacht. In seinem Film wolle er auch mit möglichst wenigen Fachbegriffen um sich werfen, erzählt Mathias seiner Mutter zu Beginn des Films sogar. Am Ende ist der Sieg da, die Botschaft herausgetragen, man fragt sich, in welchem Jahrhundert Deutschland eigentlich hängengeblieben ist und die Demonstrationen der Hass und Einschränkung Propagierenden wirken wie ein Kasperletheater. 3/5

The Ornithologist

Filmfest Hamburg 2016 Tagebuch Tag 2 The OrnithologistDer Score kündigt unheilvolles an, als der Ornithologe Fernando (Paul Hamy) in seinem Kanu einen Fluss hinunterfährt. Doch nicht die Natur ist es, die sein Opfer gierig in die Arme schließt, es sind die Menschen, die als Fremdkörper in die Natur eindringen. Sie bringen ihre erfundenen Religionen und Götter mit, während sie die wahre Religion, die Natur, buchstäblich mit Füßen zertreten. Regisseur João Pedro Rodrigues ist selbst Ornithologe und verarbeitet mit The Ornithologist seine Selbstfindung und Besinnung zur Natur.

Die Natur ist rau, hart und brutal. Die Wellen tosen, die Orchideen leuchten gefährlich und auffällig rot in der grünen Waldkulisse, doch es sind die Menschen, die Fernando fesseln und kastrieren wollen, während der Jesus der Natur im splitternackten Adamskostüm Nahrung und Zärtlichkeit zu geben hat. Auch die hölzernen Dialoge und Paul Hamys monotones Schauspiel können The Ornithologist nicht um seine Atmosphäre bringen. Nur manchmal droht sie, in sich selbst zusammenzufallen, wenn Rodrigues seinen impressionistischen Bildern durch unnötige Zusätze noch mehr Mystik aufzudrängen. 3,5/5

Dark Night

Filmfest Hamburg 2016 Tagebuch Tag 2 Dark Night„I could have called it Elephant 3“, sagte Regisseur Tim Sutton im anschließenden Q&A an seine Aufarbeitung des Amoklaufs in Colorado 2012, bei dem der 24-jährige James Holmes eine Vorstellung von The Dark Knight Rises stürmte und 12 Menschen erschoss. Den Amoklauf erleben wir nie mit. Wie in Gus van Sants Elephant folgen wir mehreren Personen durch ihren Alltag. Die Bilder suggerieren eine Routine, über der jedoch ein merkbar schwerer Schleier der Vorahnung hängt. Aus gewöhnlichen Situationen gestaltet Sutton eine Atmosphäre der dauerhaften Unsicherheit, die die wie ein Nachtalb im Schlaf auf den Brustkorb drückt. Nur flößt dieser dem Kinozuschauer keine grausamen Träume ein, sondern die erschreckend authentische Realität.

Unterdrückte Panik brodelt in jedem einzelnen Charakter. Einer von ihnen wird am Abend Amok laufen, alle sind sie Menschen und alle scheinen sie jeden Augenblick explodieren zu können. Beklemmender Soundtrack, brutale Geräuschkulisse und verstörendes Unwohlsein in jeder Einstellung ergeben eine lähmende Symbiose. Wo Gus van Sants Film über den Columbine-Amoklauf durch Stereotypen ein Kommentar auf die kollektive Suche nach Antworten bildete, ergibt sich aus den amerikanischen Archetypen in Dark Night ein zeitgenössisches Gesellschaftsporträt aus Abgründen. „It’s observational not judgemental.“ 4/5


An Tag 3 wird es voraussichtlich wieder ein Film weniger sein, denn auch ein kurzer Lav-Diaz-Film geht eben mal knappe 4 Stunden. Der Kaffee wird gegen die Müdigkeit antreten und der eiserne Wille gegen die Blase.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1 (Elle, Per Song)