Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch – Tag 3

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Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch Tag 3

Liebe Filmfutter-LeserInnen,

Voller Elan und in Hoffnung auf die ersten Höhepunkte des Festivals, ging es für mich weiter am dritten Tag des FFF 2015. Die äußerst bequemen Sessel des Residenz-Kinos weiß ich gerade angesichts des dauerhaften Filmkonsums momentan sehr zu schätzen, allerdings stellen sie auch eine besondere Herausforderung an die gezeigten Filme, denn wenn es über längere Zeit langsam und ruhig wird, liegt das Sandmännchen schon auf der Lauer, insbesondere da ein regulärer Schlafrhythmus während des Filmfests sowieso eher nachrangig ist.

ANEZIGE

Zum Glück kam am dritten Tag nie Langeweile auf. Auch wenn ich weiterhin auf die großen Knaller wie It Follows, District 9 oder So finster die Nacht aus vergangenen Jahren warte, ging es an Tag 3 stetig bergauf und Totalausfälle wie The Pack vom Vortag blieben mir glücklicherweise erspart. Stattdessen gab es einen fesselnden, wenn auch nicht makellosen Gangsterstreifen von der britischen Insel, einen gerne in die Irre führenden Paranoia-Thriller, ein bildgewaltiges, düsteres Märchen und einen Beziehungsfilm, wie man ihn so garantiert noch nie gesehen hat. Los geht’s mit dem Kurzkritiken zu Hyena, The Invitation, Nina Forever und Das Märchen der Märchen:

TAG 3

Hyena

Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch HyenaWenn Drive-Regisseur Nicolas Winding Refn in einem Film die Zukunft des Gangsterkinos sieht, dann macht das neugierig. Wird Hyena solchem Lob wirklich gerecht? Vielleicht nicht, doch es ist ein verdammt sehenswertes, kompromissloses Stück des berüchtigten britischen Krimigenres, das zuweilen aufgrund seiner brutalen Realität hart anzusehen ist. Der Schauplatz ist London, jedoch ist das weit fernab der touristischen Stadt, die viele aus Filmen oder von Postkarten kennen. Anstelle des Big Ben und des Piccadilly Circus, landen wir in dreckigen Straßen und Hinterhöfen der britischen Hauptstadt, in schmuddeligen Discos und Stripclubs. Das ist der Lebensraum von Michael (Peter Ferdinando). Michael ist ein Polizist, er und seine Einheit räumen den Dreck der Stadt auf und sind dabei außerordentlich effizient, was Verhaftungsquoten angeht. Doch sie haben längst die Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch vergessen. Oder vielleicht kannten sie diese Grenze auch nie. Das erfahren wir nicht, denn der Film setzt sich nicht ausführlich mit der Vergangenheit auseinander, sondern mit dem Hier und Jetzt. Korruption, Koksexzesse (nicht unähnlich dem Eröffnungsfilm Kill Your Friends) und rücksichtslose Gewalt stehen für Michael und seine Kumpel an der Tagesordnung, doch weil sie die Uniformen tragen und Ergebnisse liefern, werden auch die Methoden nicht hinterfragt. Bis die Abteilung für innere Angelegenheiten auf den Plan tritt und Michael und seine Leute für alles zur Rechenschaft ziehen will – koste es, was es wolle. Als ob er damit noch nicht genug Probleme am Hals hat, übernimmt eine albanische Gang, angeführt von zwei Brüdern, von denen einer aussieht wie ein dickerer Colin Farrell, die Herrschaft über die Unterwelt seines Viertels und dabei lassen sie nicht Worte, sondern Macheten sprechen. Das fragile Gleichgewicht gerät außer Kontrolle und angesichts der Brutalität der Albaner gegenüber einer jungen, versklavten Frau, erwacht auch bei Michael das Beschützerinstinkt. Kann er sie, und vor allem seine Seele retten oder ist es für beide zu spät?

Als ich eingangs den Film als "kompromisslos" bezeichnet habe, war das nicht bloß dahingesagt. Hyena ist nicht für Zartbesaitete und sicherlich auch nicht für den Massengeschmack. Wir sehen hier hässliche Menschen in hässlichen Situationen, die hässliche Dinge tun, und gerade wenn man einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen glaubt, wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Wer den typischen schwarzen Humor der Brit-Crime-Filme erwartet, wird enttäuscht. Hier ist alles todernst, bis auf einige fast schon surreale Momente der zugedröhnten Ausgelassenheit von Michaels Kollegen. Ansonsten bleibt der Ton sehr schwermütig, böse und bis an die Schmerzensgrenze deprimierend. Identifikationsfiguren bietet der Film keine und es ist auch nach Michaels Gewissensfindung nicht einfach, mit ihm zu sympathisieren. Doch Peter Ferdinandos vielschichtiges Spiel eines Mannes, der versucht Gutes zu tun, aber vielleicht gar nicht mehr weiß, wie es geht, macht "Bad Lieutenant" Michael zu einer faszinierenden Figur, während Elisa Lasowski Ariana, das gepeinigte Opfer der Albaner, mit großer Verletzlichkeit und tief sitzender Trauer spielt. Es ist jedoch Gerard Johnsons Regie, die eine besondere Erwähnung verdient. Von der ersten neonbeleuchteten, nahezu wortlosen Szene im Film wird klar, dass Johnson eine besondere Vision für seinen Film hatte und es ist nicht schwer zu erkennen, wieso ausgerechnet Refn großen Gefallen daran fand. Es ist schwer, sich nicht in den blutigen Strudel des Films ziehen zu lassen, wenn man sich erst einmal darauf einlässt, doch gerade beim Filmende werden sich die Geister sehr scheiden. Manch einer wird es mutig nennen, doch viel häufiger wird man eher Adjektive wie "frustrierend" und "unbefriedigend" damit in Zusammenhang bringen. Tatsächlich hinterlässt das Finale einen bitteren Nachgeschmack bei dem ansonsten sehr fesselnden Film, doch irgendwie passt es auch zum Vorangegangenen. Hyena will sich in keine Nische und keine Schublade zwängen lassen, auch wenn es bedeutet, bei vielen Zuschauern anzuecken. 4/5

 

The Inivitation

Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch The InvitationKaryn Kusama, Regisseurin der sträflich unterschätzten Horrorkomödie Jennifer’s Body, ist zurück mit einem neuen Film. Kusamas drei bisherige Regiearbeiten (Girlfight, Aeon Flux, Jennifer’s Body) könnten kaum unterschiedlicher sein und auch The Invitation ist in keinster Weise mit einem der drei zu vergleichen. Diesmal fehlt sogar Kusamas bisheriges Markenzeichen, eine starke, emanzipierte Frauenfigur im Mittelpunkt der Geschichte. Stattdessen präsentiert uns The Invitation seines Sohns in die Brüche ging. Will und seine neue Freundin Kira (Emayatzy Corinealdi) werden von Wills Ex-Frau Eden (Tammy Blanchard) und ihrem neuen Ehemann David (Michiel Huisman) zu einer Dinnerparty mit alten Freunden eingeladen. Schon die Anreise zum schicken Anwesen auf den Hollywood Hills verläuft nicht ganz unproblematisch. Will fährt einen Kojoten an und muss das schwerverletzte Tier töten. Auch die Reunion mit Eden, die zuvor zwei Jahre lang gänzlich vom Radar verschwunden war, ist ein wenig merkwürdig. Was ist diese seltsame Bewegung "The Invitation", der Eden und David sich angeschlossen haben? Wer sind die beiden anwesenden Fremden Sadie (Lindsay Burdge) und Pruitt (John Carroll Lynch)? Was hat es damit auf sich, dass alle Türen verschlossen sind?

The Invitation ist sicherlich einer der Filme, die davon profitieren, wenn man nicht viel über sie im Vorfeld weiß. Doch auch wenn man anfangs glaubt, genau zu wissen, wohin die Reise führt, führt Kusama uns gekonnt in die Irre. Will ahnt nichts Gutes hinter der hippiehaften Fassade seiner Ex und deren Mann, doch ist es lediglich die Paranoia eines traumatisierten Mannes, der sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert sieht? Mehrmals glaubt man die Antwort zu kennen, doch wie auch beim Protagonisten, kommen auch beim Zuschauer Zweifel auf. Gehören das Paar und deren seltsame Gäste einer Sekte an? "Das ist Los Angeles, hier ist das nichts Außergewöhnliches," meint eine gemeinsame Freundin und lässt so auch ein wenig satirische Kritik an der Stadt der Engel einfließen, wo es zwischen Kabbala und Scientology wirklich nicht an fragwürdigen Glaubensrichtungen mangelt. Auf der Suche nach Erlösung und Erleuchtung öffnen sich die Reichen und die Schönen, zu denen Eden und David zweifelsohne gehören, auch den ungewöhnlichsten Religionen und Bewegungen. Augenscheinlich geht es ihnen damit auch viel besser als dem immer noch stark leidenden Will. Oder ist auch das nur eine Illusion?

Doppelbödig, gelegentlich schwarzhumorig (bis einem das Lachen im Halse stecken bleibt) und besonders von Marshall-Green überzeugend gespielt, The Invitation ist ein kleines, feines Stück Paranoia-Kino, das den Zuschauer auf dem Trab hält, auch wenn eigentlich sehr wenig passiert und der Film über seine gesamte Laufzeit ein dialoglastiges Kammerspiel ist. Ein wenig geht dem Streifen zwischendurch die Puste aus, besonders wenn er mal wieder in gewohnten Bahnen verläuft. Gerade wenn die Auflösung des Ganzen gegen Ende offenbart wird, verliert The Invitation seinen Reiz und kann dann wieder erst mit der unheimlichen finalen Kameraeinstellung punkten. Der Weg ist hier das Ziel und es lohnt sich, diesen zu gehen. 3,5/5

Nina Forever

Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch Nina ForeverWenn man an bescheuerte deutsche Titel denkt, mit denen so manch ein Film in vergangenen Jahren abgestraft wurde (5 Zimmer Küche Sarg?!), kann ich mir vorstellen, dass Nina Forever hierzulande Meine Freundin, die Leiche meiner Ex und ich heißen wird. Das bringt den Inhalt des vielleicht bizarrsten Films des diesjährigen Fantasy Filmfests auf den Punkt. Nina Forever, von den Erstlingsfilmemachern Ben und Chris Blaine, handelt von Holly (gespielt vom britischen Mila-Kunis-Lookalike Abigail Hardingham), einer jungen Frau, die zwischen ihrer Ausbildung zur Sanitäterin und ihrem Mindestlohn-Job im Supermarkt leicht verloren durchs Leben driftet und die von ihrem Ex-Freund mit der Begründung abserviert wird, sie sei zu nett und durchschnittlich. Eine neue Chance auf Liebesglück erhofft sie sich mit Rob (Cian Barry), ihrem stets deprimierten Arbeitskollegen. Für seine Gemütslage gibt es auch einen guten Grund – Robs Freundin Nina (Fiona O’Shaughnessy), die er mit einem "Nina Forever"-Tattoo auf seinem Rücken verewigt hat, starb vor einiger Zeit bei einem Motorradunfall. Holly lässt sich jedoch nicht entmutigen, dringt zum traurigen jungen Mann tatsächlich vor und für sehr kurze Zeit scheint das gemeinsame neue Glück perfekt – bis beim ersten Versuch eines Geschlechtsakts plötzlich die blutüberströmte, tote, aber dennoch um keinen bissigen Spruch verlegene Nina im gemeinsamen Bett auftaucht. An diesem Punkt muss man sich vom Gedanken verabschieden, irgendetwas vom Gesehenen einem Realitätscheck zu unterziehen, denn anstelle der Panik, die man normalerweise erwarten würde, wenn eine Untote neben einem im Bett auftauchen würde, wird Ninas Rückkehr ziemlich schnell als eine durchaus überwindbare Unannehmlichkeit akzeptiert. Anstatt schreiend davonzurennen und die nächsten fünf Jahre beim Psychiater zu verbringen, ist Holly fest entschlossen, die Beziehung mit Rob nicht aufzugeben. Wenn sie es schafft, dass er über Nina hinwegkommt, wird diese irgendwann aufhören, bei jedem Sex der beiden aufzutauchen, oder?

Nina Forever lässt sich keinem Genre zuordnen und hat gleichzeitig Elemente aus vielen – ein wenig Horror hier, ein bisschen Verlustdrama da, einige sehr britische Humorspitzen, ohne dass es je wirklich eine Komödie ist, und sogar eine Prise Erotik fehlt beim schrägsten Ménage-à-trois der letzten Jahre nicht. Letztlich ist Nina Forever natürlich auf einer metaphorischen Ebene zu sehen und setzt sich mit der Verarbeitung von Verlust auseinander (wie auch viele andere Filme in diesem FFF-Jahrgang), aber auch damit, wie unsere Verflossenen spätere Beziehungen noch belasten oder gar zugrunde richten können, wenn man nie einen Abschluss finden konnte. Die Umsetzung dieser altbekannten Grundgedanken ist erfrischend anders und insbesondere die über große Strecken des Films nackt agierenden Hardingham und "Utopia"-Darstellerin O’Shaughnessy spielen ihre Rollen bravourös. Doch das Konzept alleine reicht viel eher für einen Kurzfilm aus denn für eine fast 100-minütige Laufzeit und so schleichen sich spätestens bei der dritten Sexszene, in der Nina aus einer Blutlache wieder einmal auftaucht, Redundanzen ein, die der Film bis zum Schluss nicht loswerden kann. Nina Forever ist ein lobenswerter Versuch, alte Themen mit einer neuen Herangehensweise aufzugreifen und ein Film, der sich die Bezeichnung "mal was Anderes" redlich verdient hat, doch vielleicht bietet die Idee einfach nicht genug Potenzial und Geschichte für einen Langfilm.  2,5/5

Das Märchen der Märchen

Fantasy Filmfest 2015 Tagebuch Das Märchen der MärchenMit den neuen Disney-Märchenblockbustern à la Cinderella, Maleficent oder Alice im Wunderland hat Matteo Garrones Das Märchen der Märchen wenig gemeinsam und doch ist es ein Märchen in seiner reinsten Essenz. Denn genau genommen waren Märchen aus alten Tagen alles andere als jugendfrei und harmlos. In Charles Perraults "Rotkäppchen" gab es keinen Jäger und kein fröhliches Ende für das Mädchen, in der Original-Erzählung von "Dornröschen" wird sie schlafend vom Prinzen vergewaltigt und auch die kleine Meerjungfrau geht leidend zugrunde, ohne jemals das Herz des Prinzen für sich gewonnen zu haben. Genug mit dem Hollywood-Zuckerguss, muss sich Matteo Garrone gedacht haben, dessen Das Märchen der Märchen dieses Jahr auch ins Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes aufgenommen wurde. Auf die alten Märchen, die zwar auch eine Moral-Botschaft hatten, aber in ihrer Art der Vermittlung deutlich skrupelloser waren, wollte sich Gomorrha-Regisseur Garrone rückbesinnen. Hier gibt es keine gutmütigen Könige, heldenhafte Prinzen oder eine gute Fee. Stattdessen haben wir eine besitzergreifende Königin (Salma Hayek), die um jeden Preis ein Kind will, auch wenn ihr Gatte dabei sein Leben lässt, einen lüsternen König (Vincent Cassel), der sich in die Stimme einer Greisin verliebt, ohne ihr Aussehen zu kennen, und einen weiteren Nichtsnutz-König (Toby Jones), der einen Riesenfloh mehr liebt als seine eigene Tochter, die er nach einem leichtfertigen Spiel einem brutalen Oger in die Ehe übergeben muss. Ja, die Märchen-Monarchie kommt hier nicht sehr gut weg.

Erzählt werden die drei Märchen in nur sehr lose miteinander verknüpften Geschichten und gerade der Zusammenschnitt der Erzählung macht es dem Zuschauer zuweilen nicht gerade einfach, der Geschichte zu folgen. Man vermag (möglicherweise aufgrund der Erzählweise) auch nicht wirklich in das Schicksal seiner Protagonisten zu investieren und mit ihnen mitzufiebern. Stattdessen übt der Film mit seiner bildgewaltigen, größtenteils handgemachten Optik, die den CGI-Kulissen der US-amerikanischen Märchenfilm-Pendants allemal vorzuziehen ist, seinen engagierten Darstellern und mit Alexandre Desplats magischer Musik eine unwiderstehliche Faszination auf den Zuschauer aus. Wie es für die Charaktere dabei ausgeht, bleibt fast schon zweitrangig. Die Umsetzung ist hier der Schlüssel und mit dieser hat Garrone mit seinem ersten englischsprachigen Film einen wichtigen Beitrag zum europäischen Kino geleistet, wie man ihn lange nicht mehr gesehen hat. 4/5

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In der vierten Ausgabe des Fantasy Filmfest Tagebuchs 2015 erwarten Euch vier Kritiken, darunter zum im Vorfeld sehr gefeierten französischen Gangsterfilm The Connection mit einer absoluten Starbesetzung und zum "Fresh Blood"-Favorit Turbo Kid, der auf jeden Fall ein Anwärter auf den größten Crowd Pleaser des Festivals sein sollte. Schaut vorbei.

Bisherige Ausgaben:

Tag 1

Tag 2