Fast verheiratet (2012)

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ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

The Five-Year Engagement, USA 2012124 Min • Mit: Jason Segel, Emily Blunt, Rhys Ifans, Chris Pratt, Alison BrieRegie: Nicholas StollerFSK: Ab 12 JahrenKinostart: 12.07.2012Deutsche Website

Handlung

Tom (Jason Segel) und Violet (Emily Blunt) sind ein glückliches Paar. Er ist der Souschef in einem angesagten Restaurant in San Francisco mit guten Aussichten auf eine große Karriere, sie hat gerade in Psychologie promoviert. Tom besiegelt das Glück, indem er Violet am Silvesterabend, genau ein Jahr nachdem sich die beiden auf einer Kostümparty kennengelernt haben, einen Heiratsantrag macht. Obwohl nicht alles wie geplant über die Bühne läuft, nimmt Violet den Antrag überglücklich an. Die ersten Hochzeitsvorbereitungen laufen auf Hochtouren, beide scheinen am Höhepunkt ihrer Leben zu sein. Auf der schönen Verlobungsfeier kommen sich auch Toms bester Freund und Küchenkollege Alex (Chris Pratt) und Violets Schwester Suzie (Alison Brie) näher. Doch dann platzt der Traum. Violet bekommt ihre erhoffte Stelle in San Francisco nicht. Stattdessen erhält sie ein Angebot für eine auf zwei Jahre befristete Stelle an der University of Michigan. Aus Liebe zu Violet gibt Tom seine aussichtsreiche Stelle kurz vor der Beförderung zum Chefkoch auf und zieht mit ihr in den kalten Norden der USA. Die Hochzeit wird aufgeschoben – aber nur vorübergehend natürlich. In Michigan läuft für Violet alles hervorragend, doch Tom findet bloß eine unbefriedigende Anstellung in einem Sandwich-Laden. In der Zwischenzeit heiraten sogar Alex und Suzie und bekommen ein Kind, während die Hochzeit von Tom und Violet immer mehr in die Ferne rückt. Aus zwei Jahren werden fünf und während Violet in ihrer Arbeit immer weiter aufgeht, langweilt sich Tom in der Provinz. Die eins unsterblich ineinander Verliebten entfernen sich immer mehr voneinander…

Kritik

Nachdem Judd Apatow mit Jungfrau (40), männlich, sucht (OT: The 40-Year-Old Virgin) und Beim ersten Mal (OT: Knocked Up) zwei große Publikumshits in Folge hervorgebracht hat und mit Superbad einen dritten produziert hat, galt er in der Traumfabrik als der unbestrittene König der modernen Komödien. Er schaffte es in seinen Filmen vulgären Humor mit viel Herz zu verknüpfen und entwickelte liebenswerte und authentische Charaktere, die nicht bloße Gagmaschinen sind. Daraus ging eine ganz eigene Marke von Komödien hervor, die Apatow-Filme. Diese zeichneten sich durch sauwitzige und einfühlsame Drehbücher aus und eine Riege an Schauspielern, die in den meisten Apatow Filmen auftauchen. So gehören zum festen Judd Apatow-Team Paul Rudd, Seth Rogen, Jonah Hill, Jason Segel und Apatows Ehefrau Leslie Mann. Segel und Rogen sind sogar schon seit Apatow leider gescheiterten Fernsehserie Voll daneben, voll im Leben (OT: Freaks and Geeks) dabei. Diese Akteure spielen bei Apatow oft sehr ähnliche Charaktere, und zwar mit einer solchen Gelassenheit und Natürlichkeit, dass einen das Gefühl beschleicht, die Darstellung würde nicht sonderlich von den wahren Persönlichkeiten der Schauspieler abweichen.

Doch es gibt auch eine andere Gemeinsamkeit, die die von Apatow produzierten Filme miteinander teilen  – eine ungewöhnliche Lauflänge. Viele Komödien heutzutage verpacken ihre Story in 90-100 Minuten. Apatows Jungfrau (40), männlich, sucht ist der bislang kürzeste Film, bei dem Apatow Regie geführt hat und auch dieser ist in seiner Kinofassung 118 Minuten lang. Die beiden Nachfolger, Beim ersten Mal und Wie das Leben so spielt gehen über die zwei-Stunden-Marke hinaus. Dieses Symptom erstreckt sich aber auch auf Filme, die Apatow nur produziert hat, wie z. B. Brautalarm, Ananas Express, Superbad und Nie wieder Sex mit der Ex, Nicholas Stollers Regiedebüt. In den meisten Fällen konnte die ausgedehnte Filmdauer aber durch eine Fülle an guten Gags, gut geschriebenen Dialogen und interessanten Nebencharakteren ausgeglichen werden, doch ein bisschen Leerlauf ließ sich trotzdem nicht vermeiden. In Fast verheiratet, Apatows neuster Zusammenarbeit mit Nicholas Stoller nach den Hits Nie wieder Sex mit der Ex und Männertrip, wird dieser Umstand in die Höhe getrieben. Der Originaltitel, The Five-Year Long Engagement, ist hier Programm. Jedenfalls fühlt man nach einiger Zeit mit den Charakteren gut mit, denn nach anfangs guter Vorbereitung kommt die Sache einfach nie zum Abschluss. Bereits in den beiden anderen Stoller/Apatow Kollaborationen fand sich die gleiche Symptomatik wieder, doch die Drehbücher hatten einfach mehr Pepp, um dies halbwegs auszugleichen.

Einen großen Wurf konnten die Filmemacher hier mit der Besetzung landen. Jason Segel, ein alter Hase in Apatows Team und die immer reizende Emily Blunt haben eine natürliche Chemie miteinander, von der viele Filmpärchen nur träumen können. Segel spielt eine weitere Variation von dem Charakter, den er in jedem seiner Filme verkörpert. Er ist der liebe, nette, unkomplizierte Durchschnittskerl, der sich in einer unglücklichen Lage wiederfindet. Blunt, in diesem Film betont britisch, verfügt über eine natürliche Ausstrahlung, die man so nur von den wenigsten jungen Schauspielerinnen kennt. In fast jedem Film, in dem sie mitspielt, ist sie ein Highlight und nicht anders verhält es sich hier. Die beiden harmonieren unglaublich miteinander, sowohl in den witzigen als auch in den ruhigeren und einfühlsameren Momenten des Films. Das Drehbuch verleiht deren Beziehung einen Grad auf Authentizität und Ehrlichkeit, die sich so real anfühlen, dass sie manchmal fast weh tun. Hier werden dem Zuschauer weder die Höhen noch die Tiefen einer echten Beziehung ausgespart. Ambivalente Gefühle, Entfremdung, Enttäuschungen und Sehnsucht nach dem Partner – das alles findet Platz in diesem Film. So sagt Tom exemplarisch in einer Szene, dass er nach einem Streit alleine sein möchte. Als Violet aber den Raum verlassen will, korrigiert er sich – er möchte zwar gerne alleine sein, aber zusammen mit ihr.

Auch die Nebenrollen sind gut besetzt. Chris Pratt als Alex ist das vulgäre und unflätige Sprachrohr des Films. Alison Brie als Violets Schwester zeigt auch viel Potenzial. Bemerkenswert ist die Szene, in der die beiden Schwestern in Anwesenheit von Suzies Kind einen Streit führen, und zwar mit den Stimmen von Elmo und dem Krümelmonster (ist im Film witziger als es auf Papier klingt). Rhys Ifans, zuletzt gesehen als der Bösewicht im neuen Spider-Man Film, erscheint hier als Violets Chef Winton Childs und ein potenzieller Nebenbuhler für Tom. Auch sein Part ist nuancierter und subtiler als man es von diesem Charakter-Archetyp des romantischen Gegners erwarten würde. Winton ist nicht unsympathisch und ebenso menschlich gehalten wie alle anderen Charaktere. Die Besetzung runden Violets Arbeitskollegen ab, gespielt von den Comedians Randall Park, Kevin Hart und Mindy Kaling, die allesamt für diverse gute Lacher sorgen.

Diese Kombination aus gut entwickelten Beziehungen, soliden Charakteren und hervorragenden Schauspielern, die diese verkörpern, sorgt für eine höchst unterhaltsame erste Stunde. Doch irgendwann danach geht dem Film langsam aber sicher die Puste aus, und man fragt sich als Zuschauer, warum das Paar nicht einfach heiratet. Nur weil sie in Michigan „feststecken“ sollte das ja die beiden nicht davon abhalten, endlich die Verlobung einzulösen. Doch dann wäre der Film ja zu schnell rum und die übliche Apatow Laufzeit wäre nicht erreicht.  Stattdessen wird die Entfremdung von Violet und Tom in jedem Details gezeigt, inklusive einer seltsamen Plotentwicklung, bei der Tom sich einen Holzfäller-Bart wachsen lässt, Bienen züchtet und mit einer Armbrust auf die Jagd geht, um sich die Zeit zu vertreiben. Vielleicht als amüsant gedacht, sorgt das einfach nur für Fremdscham. Der Film gibt den Komödien-Aspekt falls vollständig auf und begibt sich auf die Spuren eines reinen Beziehungsdramas. Die wenigen witzigen Momente in der zweiten Filmhälfte wirken deshalb schon fast fehl am Platze. Bereits Stollers Vorgänger, Männertrip, hatte im letzten Akt gehörig Probleme, Drama mit Komödie gut zu balancieren. An dieser delikaten Gratwanderung scheitert Fast verheiratet völlig in der zweiten Filmhälfte. Parallel zu Toms Frust in dem Film, steigt auch der Frust des Zuschauers. Denn der in die Länge gezogene Film lässt einen schließlich das Interesse an den anfangs so gut konzipierten Charakteren verlieren. Alle Elemente für einen guten Film sind bei Fast verheiratet vorhanden: gute Schauspieler, eine gute Grundidee, gute Charaktere. Doch das alles bietet einfach nicht genug interessanten Stoff für mehr als zwei Stunden. Am Ende ist es schon beinahe egal, ob Violet und Tom es doch vor den Traualtar schaffen oder nicht.

Fast verheiratet ist schon das zweite Mal, dass Blunt und Segel ein romantisches Paar spielen. Davor haben die beiden im grausigen Gullivers Reisen zueinander gefunden. Nur zu schade, dass die beiden bislang keinen Film finden konnten, der deren Chemie gerecht werden konnte. An den US-Kinokassen fast Fast verheiratet enttäuscht und kam beim Publikum nicht besonders gut an. Dies wird hoffentlich ein Weckruf für Apatow und sein Team an Autoren und Regisseuren sein, sodass deren nächsten Filme nicht sich nicht auf Biegen und Brechen einer zweistündigen Laufzeit anzunähern versuchen. Eine solche Länge muss eine Komödie sich verdienen und das tut Fast verheiratet nicht. Schade.

Fazit

Fast verheiratet ist fast gut, aber auch nur fast. Für mehr als das hätten die Macher das ausschweifende Drehbuch gehörig straffen und ein besseres Gleichgewicht zwischen Komödie und Drama finden sollen.

Trailer