Liebe Filmfutter-Fans,

gestern fiel der Startschuss für die allerersten Fantasy Filmfest White Nights in drei Städten und wie schon beim langen Sommer-Festival und der Frühjahres-Nights-Ausgabe werde ich auch vom neuen Ableger des Fantasy Filmfests in unserer gewohnten Tagebuchform berichten. Neun Filme in zwei Tagen (den japanischen Tag werde ich am zweiten Tag leider auslassen müssen) bilden ein straffes Programm, doch eintönig soll es nicht werden, denn die diesjährige Auswahl repräsentiert unterschiedlichste Genres und Stile.

Der erste Tag lässt sich leider nur als durchwachsen bezeichnen. Die Qualität der gezeigten Filme nahm einen U-förmigen Verlauf, wobei der letzte Film auf jeden Fall auch der beste war. Auch wenn es vermutlich reiner Zufall ist, für gewöhnlich war es in Vergangenheit der zweite Tag der Fantasy Filmfest Nights, an dem die größten Highlights dargeboten wurden (ich denke an The Guest und Dead Snow 2 von den letzten beiden Nights)

TAG 1

Road Games

Fantasy Filmfest White Nights Road Games ReviewDenkt man an Reisen per Anhalter und Horrorthriller, weckt das natürlich bei den meisten Genrefans Erinnerungen an Rutger Hauers Hitcher, den Highwaykiller. Ein ähnliches Szenario erwartet man auch bei Abner Pastolls Road Games, wenn man bereits in einer der ersten Einstellungen ein Straßenschild sieht, das die vorbeifahrenden Autos davor warnt, Anhalter mitzunehmen und später auch noch die Geschichte von einem Serienmörder erzählt wird, der in der Gegend sein Unwesen treibt und am Straßenrand verstümmelte Leichen zurücklässt. Doch Road Games nimmt schnell einen ganz anderen, wenn auch dennoch nicht äußerst überraschenden Verlauf. Der Brite Jack (Andrew Simpson) ist nach einer unschönen Trennung von seiner Freundin und dem Verlust seines Gepäcks in der französischen Pampa gestrandet und versucht per Anhalter nach Calais zur Fähre und dann in die Heimat zu gelangen. Aufgrund des vorhin erwähnten Serienkillers sind die Einheimischen jedoch nicht geneigt, jemanden mitzunehmen. Mehr Glück hat er, nachdem er die hübsche Véronique (Joséphine de La Baume) trifft, die selbst nach einem Streit mit dem Fahrer ihre Mitfahrgelegenheit verloren hat. Beide werden vom sympathischen, wenn auch etwas eigenwilligen Grizard (Frédéric Pierrot) mitgenommen, der ihnen auch Unterschlupf in seinem Landhaus gewährt. Doch warum benimmt sich Grizards amerikanische Ehefrau (Barbara Crampton) so seltsam und ist Véroniques Unbehagen gegenüber ihren Gastgebern gerechtfertigt?

Road Games ist ein Thriller, der es klar darauf anlegt, die Zuschauer bis zum Schluss rätseln zu lassen, was denn genau vor sich geht. Das Problem bei solchen Filmen ist allerdings häufig, dass im Vorfeld (unter anderem durch den Text im Programmheft) davon geschwärmt wird, wie überraschend und wendungsreich der Film sei, sodass man als mit allen Wassern gewaschener Filmfan bereits relativ früh alle möglichen Ausgänge in Betracht zieht und eine davon sich zwangsläufig als richtig erweist. Der Überraschungsfaktor ist deutlich gemildert, auch wenn die Geschichte trotzdem recht clever gesponnen ist. Einen besonderen Reiz zieht der Film aus der Tatsache, dass der Protagonist kaum Französisch spricht und es deshalb auch zu zahlreichen Missverständnissen kommt, die direkte Auswirkungen auf die Handlung des Films haben. Allerdings scheinen Jacks Sprachkenntnisse sehr stark während des Films zu variieren. Ein noch größeres Problem ist, dass Jack als Protagonist einfach durchweg unsympathisch bleibt, was vermutlich mehr am Drehbuch, denn an Simpsons Schauspiel liegt. Deutlich besser schneidet Joséphine de La Baume ab, die die Rolle auch recht offenherzig angeht (wir sind schließlich in einem französischen Film!) und ihr mehrere Facetten abgewinnen kann. Re-Animator-Star Barbara Crampton schraubt das Hysterie-Level leider etwas zu hoch in ihren Szenen.

Road Games nimmt sich Zeit, um in Fahrt zu kommen. Die ersten zwei Drittel des Films werden damit verbracht, die Charaktere einzuführen, die Chemie zwischen den Hauptdarstellern zu etablieren (was leider nie wirklich klappt) und jede Menge falscher Fährten zu legen, die dann im letzten Akt nacheinander dekonstruiert werden. Wenn es im Film endlich brenzlig wird, wird das Gaspedal (wortwörtlich) durchgedrückt, doch leider ist es dann weder innovativ noch spannend genug, um den äußerst langsamen Aufbau zu rechtfertigen. 2,5/5

Lavalantula

Fantasy Filmfest White Nights Lavalantula ReviewDinocrocs, Sharknados, Megapythons, Sharktopusse und Piranhacondas bekommen Gesellschaft. Lavalantula ist die neuste Kopfgeburt des SyFy-Channels, mit der der Sender auf der Erfolgswelle der eigenen Sharknado-Reihe reitet. Die Zutaten sind die gleichen: einige abgehalfterte Altstars in den Hauptrollen, C-Promi-Cameos und eine Naturkatastrophe, die mörderische Tiere entfesselt – in diesem Fall eine Vulkaneruption in Los Angeles, die riesige Feuer-spukende Lavaspinnen zutage fördert. Falls das jemandem nach dem Lesen des Filmtitels noch nicht klar war. Als Spinnenjäger betätigt sich hier Steve Guttenberg, der den ehemaligen Actionstar Colton West spielt, dessen glanzvolle Tage bereits 1-2 Jahrzehnte zurückliegen. Wenn die Lavalantulas jedoch seine Heimatstadt überrennen, muss er den Actionhelden in sich wieder finden und seine Familie retten.

Ein Nachteil, den Lavalantula heute hatte, war, bereits um 16 Uhr gezeigt zu werden, sodass einem das Gemüt noch nicht wirklich nach Bier stand. Denn von reichlichem Bierkonsum hätte diese routinierte Übung in Absurdität vermutlich profitiert. Lavalantula bietet letztlich das, was man von dem Film erwartet, jedoch meist leider nach dem Minimalprinzip. Letztlich bleibt der Film hinter seinem großen Vorbild, der Sharknado-Reihe, zurück. Der Reiz des ersten Sharknado-Films war es, dass er sich trotz seiner grotesken Idee trotzdem bis zu einem gewissen Grad noch irgendwie ernst genommen hat, was das Ganze noch lustiger gemacht hat. Der Film wurde als üblicher 08/15 SyFy-Tierhorrortrash gedreht, ohne dass die Macher ahnen konnten, welcher Hype sich um ihn später aufbauen würde. Bei den beiden Fortsetzungen versuchte man dann wiederum, durch zahllose Celebrity-Gastauftritte und unglaublich in die Höhe getriebene Absurdität der Szenarien (siehe Hai-Angriff auf das Flugzeug in Sharknado 2) sich immer weiter zu übertreffen – bislang überwiegend mit Erfolg.

Lavalantula fällt leider irgendwo zwischen die beiden Varianten. Zu keiner Sekunde nimmt sich der Film ernst, sondern versucht lediglich, Sharknados selbstironischen, Slapstick-Humor zu wiederholen (es gibt sogar ein Sharknado-Crossover!), ohne jedoch wirklich über die Stränge zu schlagen. Am Ende bleibt lediglich eine recht zahme und nur in sehr wenigen Momenten über dem Trash-Durchschnitt sich erhebende Horrorkomödie. Das liegt nicht an den Hauptdarstellern Guttenberg und Nia Peeples, die in ihren Rollen sichtlich Spaß haben und sich ins Zeug legen. Doch der Großteil des Films fällt in seinen Ambitionen recht flach. Ein Beispiel sind die Spinneneffekte, die eine Stufe über den Neunziger-CGI-Haien von Sharknado sind. Dabei sehen sie dennoch eher schlecht denn recht animiert aus, aber eben nicht schlecht genug, dass das alleine schon eine Humorquelle darstellt. In puncto Spinnenfilme hat Regisseur Mike Mendez mit Big Ass Spider! schon Besseres geliefert. Zu erwähnen bleibt noch, dass Lavalantula als Police-Academy-Reunion dient. Neben Guttenberg geben sich hier auch Leslie Easterbrook, Michael Winslow und Marion Ramsey die Ehre und es gibt auch einige Anspielungen auf die Comedyfilme. Das ist vielleicht der größte Verdienst von Lavalantula – man bekommt wieder Lust, sich einen der ersten Police-Academy-Filme anzuschauen. 2/5

Evolution

Fantasy Filmfest White Nights Evolution ReviewEin Film muss dem Zuschauer nicht alles vorkauen, um gut zu sein. Ein Film muss auch nicht auf Anhieb verständlich sein oder gar auf einer inhaltlichen Ebene bis zum letzten Punkt (oder überhaupt) erklärbar sein. Ein guter Film darf gerne viel Interpretationsraum lassen oder lediglich auf einer metaphorischen Ebene „Sinn“ ergeben. Deshalb funktionieren auch Filme wie Under the Skin, Eraserhead, Enemy oder Audition so gut, obwohl (oder gerade weil) sie es dem Zuschauer nicht einfach machen. Wichtig ist, dass der Film beim Zuschauer genug Interesse erweckt, unter die Oberfläche schauen zu wollen und über mögliche Interpretationen nachdenken zu wollen. Genau an diesem Punkt scheitert Lucile Hadžihalilovićs zweiter Spielfilm Evolution, der wieder einmal zeigt, dass wunderschöne Ästhetik und symbolträchtige Bilder nicht den Mangel an kohärenter Erzählung kaschieren können.

Evolution spielt auf einer Insel, in einer Siedlung, die ausschließlich von jungen blassen Frauen und ihren jungen Söhnen bevölkert ist. Wenn Nicolas (Max Brebant) beim Tauchen eine Leiche auf dem Meeresgrund entdeckt und darauf einen knallroten Seestern, wird er zunächst als Lügner bezeichnet. Doch seine Entdeckung setzt irgendetwas in Gang – in ihm und in der Gemeinde. Was ist diese tintenartige Medizin, die die Jungen stets zu sich nehmen müssen, woraus besteht der grünliche Brei, mit dem sie gefüttert werden und welche kranken Experimente werden an ihnen schließlich in einem verfallen aussehenden Krankenhaus durchgeführt?

Auf manche dieser Fragen, gibt es (halbe) Antworten, manche kann man sich denken und die restlichen bleiben irrelevant. Lucile Hadžihalilović ist nicht die erste Filmemacherin, die Body Horror als Mittel zum Zweck nutzt, um sich mit realen Themen auseinanderzusetzen – in diesem Fall u. a. Pubertät, Geschlechterrollen Schwangerschaft und vermutlich noch andere Sachen, über die nachzudenken der im Schneckentempo erzählte Film mir schlicht nicht genug Motivation gegeben hat. Keine der angeschnittenen Themen ist neu und einige starke Bilder führen leider nicht zu interessanten Aussagen. Der 81 Minuten lange Film, der sich doppelt so lang anfühlt, versucht die Banalität seiner dünnen Erzählung durch teils schöne, teils groteske Bilder zu überdecken und das misslingt. Ähnlich empfunden habe ich auch den angeblichen Mindfuck-Film vom Sommer, Observance. Offenbar ist es kein gutes Zeichen bei einem FFF-Film, wenn man irgendwann zu Beginn schäumende Meereswellen sieht, die an Felsen aufschlagen. Wie Observance wird auch Evolution sicherlich einige leidenschaftliche Fans finden, die voller Elan über die Bedeutung der zahlreichen kleinen und großen symbolträchtigen Momente diskutieren werden. Ich schau mir stattdessen lieber noch einmal Under the Skin an. 1/5

Auf Seite 2 erwarten Euch Kurzkritiken zur bildstarken türkischen Horrorüberraschung Baskin und dem gelungenen Episodenfilm Southbound.