Auch nach vier Tagen beim Fantasy Filmfest 2016 bleibt es vorerst bei einer recht mageren Ausbeute an wirklich guten Filmen. Vermutlich wirkt auch noch meine überwältigende Begeisterung für den Eröffnungsfilm Swiss Army Man nach, doch was bislang vor allem auffällt, ist das Fehlen von richtigen Überraschungen. Sicher, es gab schon gute Filme – über einen davon könnt Ihr unten lesen – doch bei allen Filmen, die mich bislang wirklich überzeugt haben, habe ich es im Vorfeld auch so erwartet. Während der eine oder andere Film enttäuscht hat, mangelt es noch an positiven Überraschungen. Mit mehr als 20 Filmen vor mir, wird das Festival dazu allerdings noch mehr als genug Gelegenheiten haben. Immerhin muss ich wohl auch dafür dankbar sein, dass es bislang keine komplette Nullnummern wie Revenge for Jolly! oder Some Kind of Hate aus den letzten Jahren zu sehen gab.

Von den drei Filmen am vierten Tag ist nur einer wirklich sehenswert gewesen. Von den beiden anderen war einer ein gut gemeinter Langweiler und der andere hat immerhin etwas gewagt, scheiterte jedoch an lauter Experimentierfreude.

Tag 4

Antibirth

Fantasy Filmfest 2016 Tag 4 AntibirthFür Armee-Veteranin Lou (Natasha Lyonne) ist das Leben nur noch eine Party. Alkohol, Kippen, Pillen und die stets präsente Bong bestimmen ihren Alltag in einem tristen Kaff in Michigan. Sie wohnt in einem abgeranzten Wohnwagen am Stadtrand und kommt mit ihrem Job als Motel-Putzfrau mit knapper Not über die Runden. Ihrer Umwelt begegnet sie mit einer Scheißegal-Attitüde und diese ändert sich auch nicht, als sie nach einer durchzechten Nacht bei sich die Anzeichen einer Schwangerschaft entdeckt. Drogen und Alkohol werden weiterhin fleißig konsumiert und auf einen Arztbesuch wird verzichtet (schließlich hat sie ja auch keine Versicherung). Aus Gleichgültigkeit wird jedoch schnell Selbstverleugnung, nachdem es Lou langsam dämmert, dass das, was in ihrem Bauch heranwächst, möglicherweise gar nicht menschlichen Ursprungs ist.

Mit seinem Spielfilm-Debüt Antibirth hat Experimentalregisseur Danny Perez einen wilden Genremix abgeliefert, der sich irgendwo zwischen der Surrealität eines bunteren David Lynchs, der Trash-Note von Gregg Araki und dem Body Horror von David Cronenberg bewegt. Erinnerungen werden insbesondere an Cronenbergs Die Brut wach und ähnlich wie schon der Cronenberg-Verschnitt Bite letztes Jahr, enthält auch Antibirth eine ordentliche Dosis ekliger Momente, wenn Lou eine überdimensionale Blase an ihrem Fuß aufschneidet, sich Hautfetzen vom Hals abzieht oder einen Zahn aus dem Mund zieht. Das Problem des Films besteht darin, dass er die zahlreichen Verweise auf seine Vorbilder recht ziellos einsetzt. Antibirth ist wie ein halluzinogener Drogentrip, jedoch kein besonders guter oder schlechter. Man erlebt weder ein wirklich unter die Haut gehendes Horrorszenario, noch die Ekstase von einem Rausch, sondern der Film dümpelt kryptisch durch einen dunstigen Plot-Nebel vor sich hin, wirft hier und da Fragen auf, greift einige Handlungsstränge auf und lässt sie wieder fallen, und kulminiert schließlich in einem brutalen Over-the-Top-Finale, bei dem sich zumindest die Makeup-Künstler ordentlich austoben durften. Letztlich ist der Film aber zu sehr damit beschäftigt, sich weder auf ein Genre noch auf eine Geschichte noch auf einen durchgehenden Stil festzulegen, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer wirklich zu fesseln.

Es wäre gelogen zu behaupten, dass der Film nicht auch seine Reize hätte. Diese gehen hauptsächlich von Natasha Lyonne aus. Die „Orange is the New Black“-Darstellerin, die man nur selten in Hauptrollen sieht, fasziniert ungemein als Lou, die ihrem selbstdestruktiven Lebensstil auf Teufel komm raus frönt. Der Charakter bemüht sich nie um die Sympathie der Zuschauer, durchlebt auch keine mirakulöse Wandlung während des Films, sondern lässt sich durch ihr verrücktes und eigentlich schon längst aufgegebenes Leben treiben. Es ist, wie einem Autounfall in Zeitlupe zuzusehen: schrecklich, aber kann die Augen nicht abwenden. Deutlich blasser erscheint neben ihr die für gewöhnlich zuverlässige Chloë Sevigny als Lous ambivalente Freundin Sadie. Meg Tilly – in ihrer ersten Filmrolle seit über 20 Jahren – ist als Kriegsveteranin und mögliches Opfer einer wirren Verschwörung eine warme Präsenz, die wie ein positiver Fremdkörper aus der toxischen Atmosphäre des Films herausragt. 2/5

Here Alone

Fantasy Filmfest 2016 Tag 4 Here AloneNach The Girl with all the Gifts am Vorabend gab es mit Here Alone gleich das nächste Zombiedrama beim Fantasy Filmfest. Das Subgenre ist schließlich, wie seine Monster, einfach nicht totzukriegen. Die Untoten stehen allerdings nicht im Vordergrund des Survival-Drama, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen und das Bedauern von Fehlern, die man nicht wiedergutmachen kann. Wir folgen Ann (Lucy Walters aus der Serie „Power“), die ihrem Alltag in einer Welt nach dem Untergang der Gesellschaft routiniert nachgeht. Sie lebt in einem Zelt im Wald und tagein tagaus schmiert sie sich Exkremente über den Körper, um ihren Geruch zu überdecken, und begibt sich auf die andere Seite des (endlosen?) Zauns, wo es vor den blutrünstigen Untoten nur so wimmelt, um nah gelegene Häuser nach Vorräten zu plündern. Wenn sie sich nicht gerade auf einen ihrer gefährlichen Ausflüge begibt, schwelgt sie in Erinnerungen an eine glücklichere Vergangenheit mit Mann (Shane West) und Baby. Nun ja, so glücklich diese eben zu Beginn des Ausbruchs der Zombieseuche sein kann. Die Routine wird durch die Ankunft des verletzten Chris (Adam David Thompson) und seiner Stieftochter (Gina Piersanti) unterbrochen. Ann pflegt Chris gesund und schöpft tatsächlich wieder so etwas wie einen Funken Freunde in ihrem monotonen Leben, doch die Vergangenheit lässt sie nicht los.

Zombies spielen in Here Alone eine nebensächliche Rolle, auch wenn die Seuche dennoch die Dramatik der ganzen Geschichte bestimmt. Vielmehr geht es hier um zwischenmenschliche Konflikte und schwierige Entscheidungen. Das mag an sich durchaus interessant klingen (als Abwechslung zum klassischen Zombie-Splatter ja auch ganz nett), doch in Wahrheit schleppt sich der Film nur vor sich hin und hat einfach nicht genug Geschichte, um seine gesamte Laufzeit auszufüllen. Flashbacks zu Anns Vergangenheit mit ihrer Familie machen gefühlt mindestens ein Drittel der gesamten Laufzeit aus, nur um letztlich zu dem Schluss zu kommen, den jeder Zuschauer schon lange im Voraus erahnt hat. Der Film nimmt sich unnötig viel Zeit, um eine sehr simple Pointe rüberzubringen, anstatt an den Charakteren in der Gegenwart zu arbeiten, die, bis auf Ann, blass und uninteressant bleiben. In seinem behäbigen Erzähltempo erinnert Here Alone an The Survivalist, der bei den Fantasy Filmfest White Nights lief, lässt jedoch dessen Intensität und interessante Charakterbögen vermissen. Lucy Waters‘ starke Performance kann auch nur begrenzt dafür entschädigen, dass der Film um sie herum langweilt und ins Leere verläuft. Als knackiger Kurzfilm hätte Here Alone vermutlich gut funktioniert, seine 90-minütige Laufzeit hat er aber nicht verdient. 2/5

Imperium

Fantasy Filmfest 2016 Tag 4 ImperiumKonventionell muss nicht zwingend ein negatives Qualitätsmerkmal sein. Imperium, das Langfilmdebüt des Regisseurs Daniel Ragussis, war mit Sicherheit der gewöhnlichste der drei Filme, die ich am Tag gesehen habe, doch er war auch mit Abstand der beste. Nach Swiss Army Man beweist Daniel Radcliffe hier wieder seine große Wandlungsfähigkeit. Vielleicht wird er den Ruf von Harry Potter nie ganz loswerden, dazu sind das Franchise und der Charakter einfach zu überlebensgroß und zu sehr ins kollektive kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Doch er zeigt immer wieder aufs Neue, wie sehr er sich schauspielerisch in den Jahren während und nach Potter weiterentwickelt hat und wird, wie seine Kollegin Emma Watson, noch eine lange und erfolgreiche Filmkarriere haben.

In Imperium spielt er den cleveren, jedoch unscheinbaren und von seinen Kollegen nicht besonders gemochten FBI-Agenten Nate Foster. Nate ist ein genialer Schreibtischhengst, doch sein neuer Auftrag verlangt mehr von ihm, als er sich vorstellen konnte. Für seine Chefin Angela (Toni Collette) soll er undercover unter Neonazis gehen. Sie vermutet nämlich, dass der nächste große Anschlag in den Vereinigten Staaten nicht von Islamisten, sondern von Rechtradikalen ausgehen wird. Also heißt es für Nate: Haare ab, Tattoo drauf, „Mein Kampf“ als Bettlektüre und neue Freunde suchen. Dabei stellt er fest, dass nie alle Rechtsextreme gleich sind oder gleiche Ideen verfolgen. Von den daueraggressiven, Hooligan-mäßigen Skinheads über die weitaus besser organisierten, militanten Aryan-Alliance-Mitglieder bis hin zu eigentlich sehr besonnen Familienmenschen, deren Ideologien unter einer harmlosen Oberfläche schlummern – Nate muss erfahren, dass nicht alle Neonazis einem klaren Stereotyp entsprechen und schon bald muss er hinterfragen, von wem denn nun die eigentliche Gefahr ausgeht, wenn überhaupt.

Imperium gewährt teilweise schockierende, wenn auch kurze Einblicke in eine Subkultur, die sogar manchen hiesigen Neonazis die Schamesröte in die Gesichter treiben würde. Eheschließungen vor brennenden Hakenkreuzen, Cupcakes mit Nazi-Symbolik – Imperium lässt faszinierend abscheuliche Bilder in diversen Montagen über die Zuschauer hereinprasseln. Nicht sehr subtil, aber dennoch äußerst effektiv. Sehr interessant ist der vom gefeierten Bühnenautor Tracy Letts gespielte Dallas Wolf, ein rechtsextremer Radiomoderator und Aufwiegler (Rush Limbaugh lässt grüßen). Eine noch größere Faszination übt „True Blood“-Star Sam Trammell als von den Rassentheorien geblendeter Familienvater, dessen unscheinbares Äußeres und intelligentes, ruhiges Auftreten auch Nate in seinem Glauben an den klassischen Rechtsradikalen erschüttern. Während die meisten Neonazis in dem Film Karikaturen sind (was nicht bedeutet, dass sie unrealistisch sind, wenn man sich so einige Meldungen zu dem Thema aus den USA durchliest), ist Trammells Charakter nuanciert und auf eine perfide Art sogar sympathisch.

Doch Imperium ist keine Milieustudie und möchte weder American History X noch Romper Stomper sein. Die Einblicke gehen selten in die Tiefe und im Kern bleibt der Film ein grundsolider, straffer Thriller. Man kann Radcliffe keinen harten Kerl abnehmen und zum Glück versucht er auch keiner zu sein, sondern zeigt stattdessen überzeugend, wie sein Charakter mit Köpfchen aus diversen brenzligen Situationen herauskommt, ohne dass die Gewalt je eskaliert, obwohl sie ständig in der Luft schwebt. Wie schnell sich Radcliffes Nate zwischen den diversen Gruppierungen bewegen kann und von allen Seiten akzeptiert wird, erscheint etwas zu vereinfacht und wäre in der Realität wohl eher das Ergebnis jahrelanger Undercover-Arbeit. Auch die Pointe, die der Film zum Schluss machen will, ist reichlich absehbar, was dem Film jedoch nie seine Spannung nimmt. 4/5

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Vier Tage und 12 Filme liegen jetzt hinter mir und viele mehr stehen bevor. Genug gechillt: nach zwei verhältnismäßig entspannten und qualitativ bunt durchmischten Tagen beim Fantasy Filmfest, gibt es in den nächsten zwei Tagen wieder die volle Ladung: zehn Filme. Den Anfang mache ich in der nächsten Ausgabe des Tagebuchs mit dem brisanten Thriller Kidnap Capital, einem wilden Geburtstagstrip in Happy Birthday, dem Heavy-Metal-trifft-auf-Satan-Horrorfilm The Devil’s Candy, dem schwarzweißen Arthouse-Beitrag The Eyes of My Mother und Follow, einer abgefuckten Version von Immer Ärger mit Bernie. Schaut wieder rein!

Bisherige Ausgaben:

Tag 1 (Swiss Army Man, Carnage Park)
Tag 2 (The Ones Below, Deep in the Wood, Abattoir, Yoga Hosers, Trash Fire)
Tag 3 (Psycho Raman, The Girl with all the Gifts)