Ob man Comicfan ist oder nicht, die bisherigen Filme und Serien des Marvel Cinematic Universe mag und mit Superhelden etwas anfangen kann – man kann schwer abstreiten, dass „Marvel’s Daredevil“ eine der besten, erzählerisch dichtesten und am besten inszenierten neuen Serien des letzten Jahres war. Die positive Resonanz war sowohl unter den Marvel-Fans überwältigend als auch unter vielen Zuschauer, die zuvor mit der effektegeladenen, bunten Welt der Marvel-Kinofilme nicht viel anfangen konnten. Denn „Daredevil“ blieb einerseits den Wurzeln der beliebten Figur sehr treu, hat aber auch die Superheldenelemente nie überbetont und war letzten Endes eine sehr atmosphärische Krimiserie mit faszinierenden Charakteren und grandiosen Actionsequenzen.

Für Netflix ein voller Erfolg, wurde natürlich schnell eine zweite Staffel in Auftrag gegeben, die schon morgen, am 18. März, weltweit veröffentlicht feiern werden wird. Die Vorfreude ist berechtigt, denn die ersten sieben Folgen der 13-teiligen Staffel setzen nahtlos an das Ende der ersten Season an und bringen die Serie sogar in noch dunklere Abgründe als die erste Staffel. Vincent D’Onofrios vielschichtiger Antagonist Wilson Fisk mag zwar nicht mehr dabei sein, doch zwei weitere bekannte Charaktere aus dem Comic-Kanon betreten die Bühne: der kompromisslose Punisher (Jon Bernthal) und die zwielichtige Elektra (Élodie Yung).  Letzte Woche hatte ich die einzigartige Gelegenheit, nach Paris zu reisen und dort die beiden Neuzugänge der Besetzung sowie den Hauptdarsteller Charlie Cox zum Start von Staffel 2 zu interviewen.

Den Anfang meiner Interviewreihe macht das Gespräch mit der bezaubernden Élodie Yung. Mit ihrer exotischen, sexy und leicht unnahbaren Ausstrahlung ist sie eine großartige Besetzung für Elektra gewesen. Ihre Anfänge hatte die französische Schauspielerin in einer Polizeiserie, der große Durchbruch kam aber als Hollywood rief. In David Finchers Remake Verblendung war sie in einer kurzen Rolle als Lisbeth Salanders Affäre Miriam Wu zu sehen, in G.I. Joe – Die Abrechnung stellte sie ihre Kampfkunst-Talente als Jinx eindrucksvoll unter Beweis. Elektra ist jedoch ihre bislang größte und interessanteste Filmrolle. In unserem Interview sprach sie über die Faszination mit der Figur, ihre Kampfkunst-Kenntnisse und die Wichtigkeit von interessanten Frauenrollen im Film und Fernsehen.

Filmfutter: Elektra ist der erste weibliche Badass-Charakter der Serie und sie ist nicht so nett und nahbar wie Claire oder Karen. Hattest Du ein Gefühl der Verantwortung, als du die Rolle gespielt hast?

Élodie Yung: Nun, es gibt natürlich eine Fangemeinde. Aber ich habe keine Last der Verantwortung auf mir gespürt. Ich war einfach nur begeistert, dass ich diese faszinierende Rolle bekommen habe. Elektra ist wirklich cool, aber Claire und Karen sind auf ihre Art auch sehr starke Frauen. Also hatte ich wirklich nicht die Verantwortung, die starke Frau der Serie zu sein. Es war ein Segen, diesen Part zu haben und ihn zu entdecken, als ich vorgesprochen habe und als wir gedreht haben. Ich denke, dass es wichtig ist, starke weibliche Figuren zu haben, aber diese Bezeichnung kann auch irreführend sein. Es geht nicht darum, obercoole, Badass-Frauen zu spielen. Was für mich wichtig ist, ist, dass der Charakter interessant ist und eine eigene Geschichte hat. Es ist wichtig, dass Frauen nicht nur als Freundinnen der männlichen Hauptcharaktere besetzt werden. Die Figur könnte sehr schwach sein, aber viele interessante Dimensionen haben. Ich will kein Vorbild sein, sondern nur simple Geschichten erzählen, die die Zuschauer berühren.

FF: Hast Du vor der Serie Comics gelesen oder Marvel-Filme gesehen?

EY: Ich bin nicht mit US-amerikanischen Comic aufgewachsen. Ich las Tim und Struppi, Asterix und Obelix und andere französische Comics, aber mit Marvel war ich überhaupt nicht vertraut. Ich habe auch nicht viele Superheldenfilme gesehen. Ich habe mir Iron Man angeschaut, weil ich Robert Downey Jr. toll finde. Es kann sein, dass ich einige andere gesehen habe, weil ich einige Schauspieler sehen wollte, aber generell war die Comicwelt nicht meine.

FF: Hast Du „Jessica Jones“ gesehen?

EY: Ja, und ich fand die Serie sehr gut. Die Geschichte ist sehr fesselnd und der Bösewicht ist fantastisch. Ich denke, dass Marvel richtig gut darin ist, mehrdimensionale Charaktere zu erschaffen. Die Nebencharaktere könnten ihre eigenen Serien haben, weil sie so viele Geschichten zu erzählen haben. In „Daredevil“ haben wir das. Karen hat ihre eigene Agenda. Sie ist nicht einfach nur eine Sekretärin, die von Matt Murdock verführt wird. Bei Foggy ist es genau so.

FF: Würde Elektra sich mit Jessica Jones verstehen?

EY: Wenn sie sie dazu ausnutzen könnte, etwas für sie zu tun, dann vermutlich ja. (lacht)

Elodie Yung Interview Daredevil 1

FF: Hast Du Jennifer Garners Performance als Elektra gesehen, bevor Du „Daredevil“ gedreht hast?

EY: Nein, ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Als ich am Remake von Verblendung gearbeitet habe, kannte ich den ersten schwedischen Film, den ich davor ganz normal im Kino sah. Als ich aber die Rolle von Miriam Wu bekam, die ursprünglich in der gesamten Trilogie auftreten sollte, wollte ich den zweiten und den dritten Film nicht sehen und ging stattdessen zurück zur Quelle, zu den Romanen. Ich denke, dass man seine eigene Version des Charakters erschaffen muss. Für Elektra habe ich die Comics gelesen, den Film nicht gesehen und das war’s auch schon.

FF: Stimmt es, dass Du beim Vorsprechen nicht einmal wusstest, um welche Rolle es ging?

EY: Ich hatte ehrlich keine Ahnung. Sie sagen einem nicht vorher, wofür man vorspricht. Wie gesagt, ich bin nicht mit den Comics aufgewachsen, ich habe nicht viele Marvel-Filme gesehen, also war ich im Prinzip ein unbeschriebenes Blatt. Es war sehr befreiend. Man fühlt sich nicht beurteilt. Man geht einfach in den Raum und drückt sich aus.

FF: Hast Du die Reaktionen der Fas auf deine Besetzung mitverfolgt und welche Reaktionen erwartest Du, nachdem sie die Serie sehen?

EY: Ich erwarte nichts im Leben. Alles ist eine Überraschung. Ich habe neuerdings einen Twitter-Account, aber damit muss ich erst einmal zurechtkommen. Ich bin optimistisch und liebe meinen Job. Hoffentlich werden sie Elektra so sehr mögen, wie ich es mochte, sie zu spielen.

FF: Was mochtest Du dabei am meisten?

EY: Ich konnte emotional ganz neue Seiten erforschen. Elektra hat so viele Facetten und sie ist so unvorhersehbar. Ihre Komplexität ist eine Goldgrube für eine Schauspielerin. Ich habe eine Zeitlang in ihr gelebt. Ich habe es geliebt, verschiedene Aspekte von ihr zu erforschen, sogar die wirklich dunklen… (flüstert) Ganz besonders die dunklen.

FF: Haben Aspekte Deiner eigenen Persönlichkeit die Darstellung der Figur beeinflusst?

EY: Wir wollten ihre Kälte erforschen. Ich bin nicht super kalt, auch wenn ich es sein kann. Im Gegensatz zu Elektra, würde ich immer sagen, was mir durch den Kopf geht. Elektra ist manipulativ. Ich denke nicht, dass meine Persönlichkeit sie groß beeinflusst hat. Elektra ist in der Lage zu lieben, meiner Meinung nach, und das bin ich auch, Deshalb habe ich die Beziehung zwischen Matt und ihr erforscht. Ich wollte nicht, dass sie die Böse ist oder die Badass-Heldin. Sie hat Fehler, Schwächen und Gefühle.

Auf Seite 2 geht das Gespräch weiter über Elektra Moral, den Unterschied des Charakters zum Punisher und die ihre spektakulären Actionszenen in der Serie.