Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (2013)

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Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (2014) Filmkritik
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann, S 2013 • 114 Min • Regie: Felix Herngren • Mit: Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, David Wiberg, Mia Skäringer, Alan Ford • FSK: ab 12 Jahren • Kinostart: 20.03.2014Deutsche Website

„Solche Fälle lösen sich meist sehr schnell in Wohlgefallen auf.“, kommentiert ein Polizeibeamter den titelgebenden Vorfall. Da irrt der Inspektor bedauerlicherweise – am bedauerlichsten für das Publikum, das Felix Herngrens Verfilmung des schwedischen Bestsellers im Kino ansehen muss.

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (2013) Filmbild 1Noch weit verknöcherter als Hauptcharakter Allan Karlsson (Robert Gustafsson), der zur Feier seines 100. Geburtstags in Pantoffeln und Schlafanzug aus dem Pflegeheim ausbüxt, ist der Altherrenhumor, dem Regisseur und Drehbuchautor Herngren frönt. Das Niveau der Witze, die einen befremdet über das Verständnis der Urheber von Komik grübeln lassen, setzt tief an und fällt ins Unterirdische. Alte Menschen machen die Ulks und sind zugleich deren Zielscheibe. Senioren sind doch ein wandelnder Witz, oder? Sie sitzen gelangweilt im Heim rum, wo sie von feisten Schwestern genervt werden. Sie kraxeln mühselig aus einem fast ebenerdigen Raum, um im Bademantel zur nächstbesten Haltestelle zu wandern. Sie brauchen länger, um klare Ansagen zu erfassen und befolgen sie, wenn sie endlich kapiert haben, so penibel, dass es auch wieder falsch ist. Irre komisch. Wenn jetzt noch einer miesepetrig guckt: es gibt noch eine Biker-Gang, ein uraltes Kondom und einen Elefanten. Das ganze Drumherum löst sich entgegen polizeilicher Prognose keineswegs „sehr schnell“ auf und auch nicht „in Wohlgefallen“. Den empfinden bestenfalls Allan und sein vom Bahndienst pensionierter Kumpan Julius (Iwar Wiklander), wenn sie die Welt rabiat von Schädlingen reinigen.

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (2013) Filmbild 2Dies sind aus erzählerischer Perspektive alle, die der kleinbürgerlichen Selbstgenügsamkeit und dem skrupellosen Opportunismus der ergrauten Helden in die Quere kommen. Das erste diverser Todesopfer ist ein knuffiger Fuchs, den Allan für den Tod seines geliebten Katers Molotow verantwortlich sieht. Der Fuchs hat sich mit dem Falschen angelegt! Allan ist niemand, der einen Haustiernamen zufällig auswählt, er hegt eine Passion für Explosiva, die er reichlich daheim hat. Im Gegensatz zu den übrigen Altersheiminsassen, die mit ihren Prothesen nicht mal die zum Geburtstag bestellte Marzipantorte kauen können, hat der greise Sprengstoffexperte noch Biss, jawoll! Er jagt den Räuber in die Luft, samt Hühnerstall. Kollateralschaden ist nichts, das dem von Kind auf emotional verkümmerten Protagonisten Kopfzerbrechen bereitet. „Nur eines weiß man ganz sicher.“, zitiert er seine früh verstorbene Mutter, „Das es ist, wie es ist und kommt, wie es kommt.“ In diesem phlegmatischen Fatalismus liegt der Vorbildcharakter des beschränkten Titelhelden, findet Herngren, der meint: „Allan Karlsson tut das, was viele von uns westlichen Menschen tun sollten.“

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (2013) Filmbild 3Aus Zerstörungslust in den Krieg ziehen und General Franco (Koldo Losado) das Leben retten? Mit Josef Stalin (Algirdas Romualdas) im Wodkarausch tanzen, obwohl Männer laut des verstaubten Filmduktus niemals tanzen sollten? Für die Präsidenten Harry S. Truman (Kerry Shale), Nixon und Reagan (Keith Chanter) und obendrein die Sowjets als Doppelspion arbeiten? Atombomben-Erfinder Robert Oppenheimer (Philip Rosch) unter die Arme greifen? Ja, genau, wie es der stets auf den eigenen Vorteil bedachte Allan tut. Und „sich nicht um die Zukunft sorgen, seinem Bauchgefühl vertrauen und sich keine Sorgen über die Probleme von gestern machen.“ GULAG-Gefangener, Genosse, Faschist und Tattergreis mit geklautem Geldkoffer: das alles sind austauschbare Stationen einer fiktiven Biografie, die in Buchform wenige Monate nach Erscheinen die Spiegel-Bestenliste anführte. Wetten, Autor Jonas Jonasson wiederholt mit seinem jüngsten Werk den Erfolg seines Debütromans? Der Titel „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ verspricht es jedenfalls.

Fazit

Für das Kinopublikum gibt es bis zur nächsten Bestsellerverfilmung noch ein romantisches Happy End zwischen einem ewigen Studenten (David Wiberg) und der Elefantenbesitzerin Gunilla (Mia Skäringer). Allan darf nur zuschauen und anfangen, aus dem Off nochmal seine Lebenstirade zu erzählen. Auf der Leinwand rollt da gnädigerweise der Abspann.

Trailer