Der Diktator (2012)

0
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

The Dictator, USA 201283 MinMit: Sacha Baron Cohen, Anna Faris, Ben Kingsley, John C. Reilly, Megan FoxRegie: Larry CharlesFSK: Ab 12 JahrenDeutsche Website

Handlung

Man nehme die Exzentrik von Muammar al-Gaddafi, den Personenkult von Kim Jong-Il, den Größenwahn von Saddam Hussein füge dem ganzen die lebende Realität von Mahmud Ahmadinedschad hinzu und man hat den perfekten wahnsinnigen Diktator – Admiral General Aladeen (Sacha Baron Cohen), den unangefochtenen Herrscher über den Ölstaat Wadiya im Mittleren Osten. Aladeen führt das perfekte Leben eines Diktators. Das Volk wird unterdrückt, Pressefreiheit gibt es nicht und von Menschenrechten hat man noch nie etwas gehört. Aladeen vergnügt sich mit eingeflogenen (männlichen und weiblichen) Celebrities, die für Geld oder großzügige Geschenke mit ihm schlafen und sich auf einem Polaroid-Foto mit ihm ablichten lassen, welches zu seiner immer größer werdenden Sammlung hinzukommt. Ansonsten benennet Aladeen viele Wörter seiner Muttersprache in „Aladeen“ (so heißt nun sowohl „negativ“ als auch „positiv“ einfach nur „Aladeen“) und beaufsichtigt de Bau von Nuklearwaffen für einen baldigen Einsatz gegen ein nicht zu nennendes Land, dessen Name mit „Is“ beginnt. Doch irgendwann reicht es den Vereinten Nationen und den USA: Aladeen wird vor die Wahl gestellt – entweder er reist nach New York City und erklärt sich in persona vor den Vereinten Nationen oder die USA startet einen Angriff gegen Wadiya. Aladeen reist nach Amerika, die „Geburtsstätte von AIDS“: Doch gerade dort angekommen, wird er gekidnappt und entkommt knapp dem Tod, wobei sein geliebter Diktatorbart daran glauben muss. Es stellt sich heraus, dass Tamir (Ben Kingsley), sein Onkel und der eigentlich rechtmäßige Nachfolger seines Vaters als Herrscher von Wadiya die Entführung eingefädelt hat und Aladeen durch einen debilen Doppelgänger ersetzt hat. Dieser soll eine neue Verfassung unterschreiben, die Wadiya zu einer Demokratie macht und es Tamir ermöglicht, die Ölreserven des Landes an den Höchstbietenden zu verscherbeln. Ohne Geld, ohne Untergebenen und ohne Bart ist Aladeen zum ersten Mal auf sich alleine gestellt. Durch einen Zufall gerät er an Zoey (Anna Faris), eine feministische, umweltbewusste Besitzerin eines organischen Fair Trade Ladens, die Aladeen (ohne seine wahre Identität zu kennen) prompt einstellt. Obwohl sie für alles steht, was Aladeen verabscheut, ist er von ihr fasziniert. Gleichzeitig muss er aber alles daran setzen, die Unterzeichnung der neuen Verfassung zu verhindern und die Diktatur in seinem geliebten Land aufrecht zu erhalten.

Kritik

Jeder, der mit Sacha Baron Cohens Borat und Brüno vertraut ist, weiß, was ihn zu erwarten hat. Die anderen seien hiermit gewarnt. Der Diktator ist kein Film für Schöngeister oder politisch korrekte Menschen. Schon das erste Bild des Films, ein Foto des verstorbenen Kim Jong-Il und der dazugehörige Text „In Loving Memory“ verdeutlicht genau die Zielsetzung des Films und zeigt woher der Wind weht. Denn Cohen will schockieren, bloßstellen, beleidigen und dabei die Menschen vor allem mit allen erdenklichen Mitteln zum Lachen bringen. Offensichtlich sind seine Werke nicht Jedermanns Fall und obwohl es sich bei Der Diktator nicht um eine Fake-Doku, bei welcher doch zu großen Teilen echte, unwissende Leute interviewt und mit ihren Vorurteilen und Dummheiten bloßgestellt wurden, handelt, werden die Gegner seiner ersten beiden Streifen auch durch den neuen Film nicht zu Fans. Zwar handelt es sich bei Der Diktator um Cohens erste Hauptrolle, die nicht auf einem Charakter basiert, den er mehrmals vorher gespielt hat, der Humor und der beißende Witz kommen aber aus der gleichen Ecke. Als Der Diktator als Filmprojekt angekündigt wurde und der grobe Plot veröffentlicht wurde, war es sofort klar, dass auch dieser Film keine Gefangenen nehmen wird und es ihm nicht an boshaften Witzen mangelt wird. So ist es auch gekommen. Cohen übertrifft sich zwar nicht hier (was auch gut ist, denn Brüno, obgleich urkomisch, war oft fast an der Schmerzensgrenze), kann jedoch mit den anderen beiden Werken, die auch wie Der Diktator unter der Regie von Larry Charles entstanden, locker Schritt halten.

Freunde des guten Geschmacks werden wohl verstimmt sein, wenn Aladeen israelische Athleten bei den Olympischen Spielen in München 1972 in Form eines Ego-Shooters abknallt. Aber nicht nur Israel dürfte dieser Film verstimmen, auch in China wird er sicherlich nicht gut wegkommen, bedenkt man doch die spezifischen Vorlieben des chinesischen Delegierten. Letztere führen auch zu einem völlig unerwarteten, superkurzen und in der Implikation umso witzigeren Gastauftritt eines großen Hollywoodstars, der hier nicht genannt werden sollte. Der Film spielt es aber fair und alles und jeder wird hier beleidigt, angegriffen und aufs Korn genommen – nach gutem alten Gießkannenprinzip. Am Ende will der Film auch eine sehr direkte Botschaft bzgl. unserer sogenannten westlichen Demokratie abliefern, indem deren Schwachpunkte und Unzulänglichkeiten klargestellt werden. Genau hier liegt einer der wenigen Schwachpunkte des Films. Die satirische Botschaft über Vorurteile und Heuchelei im Westen waren auch Themen in Borat und Brüno. Allerdings wurden diese, insbesondere in Borat, viel subtiler und cleverer abgehandelt. Hier wird die Message gegen Ende des Films direkt ins Gesicht des Zuschauers und kaum verhüllt bekundet. Da ist man von Cohen schon mehr an Subtilität gewohnt. Zum Glück macht eine weitere bittersüße Wendung am Ende des Films doch einiges davon wieder gut und rückt alles wieder in das politisch inkorrekte Licht.

Auch wenn der Film keine so smarte Satire ist wie Borat, so steht er in puncto Witzigkeit dem Film nur wenig nach. Es wird sich noch herausstellen, ob die Witze beim wiederholten Anschauen (wie schon bei Borat) sich halten werden, oder ob es eher wie bei Brüno nur beim ersten Mal so richtig funktioniert. Bei der ersten Sichtung war Der Diktator allerdings unglaublich witzig. Durch die ziemlich knappe Laufzeit von etwa 80 Minuten kommt es nie zu Durchhängern oder zum Leerlauf. Der Film ist einfach vollgepackt mit Gags, sodass auch wenn einige nicht zünden, dies angesichts der schieren Anzahl der Witze nicht so auffällt. Es hätten schon etwas weniger Ekel-Witze und Fäkal-Humor sein können (sind stark behaarte Achselhöhlen einer Frau wirklich so witzig?), aber eine hohe Anzahl an gut pointierten und immer bösen Witzen lässt einen die flachen Gags auch vergessen. Sacha Baron Cohen ist immer noch eine komödiantische Naturgewalt. Er macht sich Aladeen eigen, auch wenn die Ähnlichkeiten zu Borat bei seinen Bewegungen und seiner Sprechart nicht zu übersehen sind. Noch klappt es ganz gut, aber Cohen wird nicht ein Leben lang solche Charaktere bringen können. Die Ermüdungserscheinungen und die Redundanz werden schnell einsetzen. Anna Faris, an sich eine komödiantisch durchaus begabte Aktrice, wird hier von Cohen schnell aus dem Rampenlicht gedrängt und dient vor allem als Mittel zum Zweck für die unausweichliche Liebesgeschichte und Läuterung (oder doch nicht?). Ben Kingsley schlafwandelt seinen Weg durch den Film, indem er den gleichen Charakter spielt, wie schon in Prince of Persia –  nur ohne die Fantasy Elemente. Ein Applaus geht an Megan Fox, die anscheinend kein Problem mit starker Selbstironie hat.

Der Diktator vereint in sich den ultrabösen grenzwertigen Witz von Brüno und die kohärente Geschichte von Borat. Im Gegensatz zu Brüno, fühlt sich sein Aladeen, trotz aller Verfehlungen, immer noch wie ein Mensch an, für den man bis zu einem gewissen Grad Empathie empfinden kann. Auch qualitativ fällt der Film irgendwo zwischen die beiden Fake-Dokus von Cohen. Eines sei aber gewiss, einen lustigeren und politisch inkorrekteren Film dieses Jahr zu finden wird schwer sein.

Fazit

Der Diktator fügt sich nahtlos in die bisherige Filmografie von Sacha Baron Cohen ein. Böse, anstößig und clever – dem Film ist nichts heilig. Er nimmt alles und jeden aufs Korn und trotz einiger geschmacklicher Ausfälle und etwas zu offensichtlicher Satire am Ende, ist der Film zum Schreien komisch. Der Film ist einfach Aladeen.

Trailer