"Da geht noch was"-Special: Leslie Malton im Gespräch

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Zum Kinostart von DA GEHT NOCH WAS (unsere Filmkritik) hatten wir Gelegenheit, mit Leslie Malton zu sprechen, die in der deutschen Dramödie Helene, die Mutter des Protagonisten Conrad (gespielt von Florian David Fitz) spielt.

Filmfutter: DA GEHT NOCH WAS beschäftigt sich relativ intensiv mit dem Erwachsenwerden. Was macht jemanden wirklich zu einem "Erwachsenen"?

Leslie Malton: Ich habe mich erwachsen gefühlt, als ich vor vielen Jahren „The International Harold Tribune“ abonniert habe. Jetzt habe ich das Abonnement nicht mehr – bin ich jetzt also nicht mehr erwachsen? (lacht). Ich denke das Erwachsenwerden und die Selbstwahrnehmung als Erwachsener verlaufen bei jedem individuell, aber zumindest hat eine gewisse Reife mit dem Erwachsensein zu tun und für mich ist Reife das Bewusstsein, dass die eigenen Taten Konsequenzen haben.

FF: Die Weisheiten, die der Film transportiert, fühlen sich angenehm statt belehrend an. Woran liegt das?

LM: Schon der Text wurde nicht belehrend geschrieben. Eine große Rolle spielt dabei, wie man mit den Figuren untereinander umgegangen ist. Text und einzelne Szenen von DA GEHT NOCH WAS sind lebbar angelegt. Ich würde sogar sagen, es handelt sich um einen Text, der von uns allen gelebt wurde. Es war also nie unsere Absicht, als Moralapostel aufzutreten. Durch die Lebbarkeit haben wir viel mehr darauf gehofft, dass andere Menschen sich in der Geschichte wiedererkennen und vielleicht einen kleinen Aha-Effekt erleben werden. Was mich an Helene besonders angesprochen hat, war dabei, dass sie ihr Leben auf ungewöhnlich mutige Weise in die Hand nimmt. Sie entscheidet sich nicht gegen Carl – sie liebt ihn – aber ihr wird bewusst, dass sie zugrunde geht, wenn sich nichts verändert und dazu ist sie sich selbst zu wichtig.

FF: Helene kümmert sich, wie Sie angedeutet haben, ja erst einmal um sich. Wie hängt das Kümmern um sich selbst mit dem Kümmern um andere zusammen?

LM: Jeder muss selbst gesund sein, um anderen dabei helfen zu können, gesund zu bleiben. Aus ähnlichen Zusammenhängen heraus heißt es, wer sich selbst nicht liebt, wird andere nicht lieben können. Helene verlässt Carl nun nicht in der Hoffnung, dass die beiden wieder zusammen kommen. Das wäre sehr naiv von ihr. Als sie aber erfährt, dass sie krank ist, fordert sie ihre Jungs dazu auf, mit der Situation umzugehen, weil sie nicht mehr der Puffer sein kann. Dass Carl nach der Trennung zusammenbricht und in Unfälle verwickelt wird, war von Helene vollkommen ungewollt. Sie hat das nicht erwartet. Genauso wenig hat sie erwartet, dass ihr Sohn so viel Verantwortungsbewusstsein beweist. Er will, dass sein Vater ihn liebt und liebt selbst seinen Vater. Die Auseinandersetzung miteinander ist der Situation in die Wiege gelegt, auch wenn Helene es so gar nicht erwartet hat.

FF: Was hat Sie am Film besonders berührt?

LM: Eine Szene, die mich schon beim Lesen besonders berührt hat, ist die, in der ihrer aller Leben mit einem Beamer auf die Häuserwand geworfen wird. Das ist für mich sehr zärtlich und hat enorme Poesie. Was man miteinander hatte, darf man nicht vergessen.

FF: Ein höchst relevantes Thema des Films ist das Leben des Lebens. Was macht „tatsächliches Leben“ aus?

LM: Helene beobachtet im Film Carls Art und Weise zu leben und sieht, dass er alles einfach ok findet. Ok reicht ihr nicht. Deswegen trifft sie die Entscheidung, ihn zu verlassen. Für sie ist leben mehr und Carls Art zu leben empfindet sie nicht als erlebenswert. Sie fühlt sich ausgelebt, will aber weiterleben. Um nun eine Veränderung herbei zu führen, wie Helene es sich wünscht, muss man sich bewegen und das ist es, was sie tut, weil sie bemerkt, dass sie zugrunde geht, wenn die Dinge bleiben, wie sie sind.

FF: Oft sagt man, die moderne Zeit schränkt die Lebensqualität ein. Wie sehen Sie das?

LM: Ich glaube in jeder Zeit, in der es eine große, industrielle Revolution gegeben hat, wurde die Veränderung zunächst kritisch betrachtet. Als die Eisenbahn geboren wurde, haben die Menschen ja auch erst einmal gedacht, sie kommen überhaupt nicht mehr nach. Man darf eine Kritik wie jene also vielleicht nicht zu sehr überbewerten, aber ich empfinde einige unserer Zeittendenzen durchaus als problematisch. Letztens haben mein Mann und ich Zeit in Südtirol verbracht. Wir waren in einem wunderschönen Hotel in den Bergen, wo es alles gab, das man sich nur wünschen kann – eine traumhafte Kulisse, hervorragendes Essen und hervorragende Weine. Wir haben schließlich beobachtet, wie eine Gruppe von 5 Menschen an diesem traumhaften Ort ankommt und jeder einzelne von ihnen saß mit seinem Handy am Tisch. Das ist für mich schockierend. Eine unglaubliche Kontrolle wird heute über technische Geräte ausgeübt. Wenn wir im Urlaub sind, dann machen wir unsere Handys aus. Unsere Agentur weiß, wie sie uns erreichen kann, für den Rest der Welt sind wir nicht erreichbar.

FF: Beschränkt die Technologiegesellschaft sich also selbst?

LM: Letztens habe ich einen sehr interessanten Bericht verfolgt. Kindern wird immer öfter alles abgenommen. Sie gehen nicht mehr alleine in die Schule, sondern sitzen hinten im Auto und werden hingefahren. Statt etwa 3 Kilometer Radius, den man früher als Kind um sich hatte, haben Kinder heute einen Radius von etwa 500 Metern. Was findet da bloß für eine Beschränkung im Gehirn statt? Natürlich kann man heute dank Wikipedia alles nachschlagen, aber wenn man es nicht selbst macht, erfährt man es nicht und sobald man es nicht erfährt, wird es nicht bleiben.

FF: Braucht es für Lebensqualität Ruhe und Stille?

LM: Absolut! Aus diesem Grund halte ich beispielsweise nicht viel von verkaufsoffenen Sonntagen. Ich will nicht sagen, dass man um Punkt 18 Uhr am perfekt gedeckten Familientisch sitzen muss, aber ich finde es wichtig, sich einen Tag die Woche dem ganzen Rausch dort draußen zu entziehen. Für mich hat es einen Sinn, dass die Stadt einmal pro Woche zur Ruhe kommt, weil so auch die Menschen zur Ruhe kommen. Regelmäßig einen Gang herunter zu schalten, finde ich sehr wichtig.

FF: Verlieren wir durch ständige Erreichbarkeit, ermöglicht durch das Technologiezeitalter und gefordert von der Konsumgesellschaft, den Kontakt zu einander und zu uns selbst?

LM: Ja. Ich sehe das tatsächlich sehr problematisch. Viele Menschen sind auch gar nicht mehr fähig, in die Interaktion mit anderen zu treten. Alles kann über die Technologie erledigt werden, wenn dann plötzlich jemand vor ihnen steht, beginnen sie zu stottern, weil sie die direkte Interaktion kaum mehr kennen. Es gibt Menschen, die am Telefon besser kommunizieren können, als Angesicht zu Angesicht. Wohin soll es uns führen, wenn wir uns im direkten Austausch nicht mehr haben?

FF: Diese Entwicklung ist in kürzester Zeit relativ weit fortgeschritten. Lässt sich dem noch entgegenwirken?

LM: Ich denke, es ist sehr schwer, das rückgängig zu machen, aber dem entgegenzuwirken liegt am Menschen selbst. Einige werden es alleine vielleicht nicht schaffen. Macht sich das beispielsweise in einem Büro bemerkbar, dann wäre es hilfreich, wenn der Chef intervenieren würde, indem er dazu auffordert, dass an Sonntagen die Handys ausgemacht werden sollen, sodass niemand für ihn erreichbar ist. Auf welchem Weg auch immer man der gegenwärtigen Entwicklung entgegen wirken möchte, setzt das Entgegenwirken zumindest voraus, dass man Verantwortung übernimmt – auch für seine Mitarbeiter und Mitmenschen. In vielen Gewerben gibt es kein Langzeitdenken und keine Weitsicht mehr. Das finde ich sehr alarmierend. Das ist eine Folge der allgegenwärtigen Hektik. Überall wird ein Pflaster auf die Wunden geheftet, aber die Wunden sind nach wie vor da und die Ursachen sind es auch. An jenen wiederum muss angesetzt werden, wenn etwas verändert werden soll.

von Sima Moussavian