Crimson Peak, USA 2015 • 119 Min • Regie: Guillermo del Toro • Drehbuch: Guillermo del Toro, Matthew Robbins • Mit: Mia Wasikowska, Jessica Chastain, Tom Hiddleston, Charlie Hunnam, Jim Beaver • Kamera: Dan Laustsen • Musik: Fernando Velázquez • FSK: ab 16 Jahren • Verleih: Universal Pictures Germany • Kinostart: 15.10.2015 • Deutsche Website

Crimson Peak (2015) Filmbild 5Guillermo del Toros „Crimson Peak“ ist ein erstklassig fotografiertes und ausgestattetes Werk – ein Augenschmaus, dessen Bilder die Zuschauer direkt von Beginn an in ihren düsteren Bann ziehen. Was sich visuell wie eine Hochzeit aus Mario Bava und Roger Cormans frühen Poe-Adaptionen präsentiert, führt inhaltlich das Geisterthema, dem sich der Regisseur und Co-Autor bereits in „The Devil’s Backbone“ von 2001 gewidmet hat, nahtlos weiter. „Crimson Peak“ schildert eine Gothic-Romanze, in der die Protagonistin und angehende Schriftstellerin Edith Cushing (Mia Wasikowska) die Spukgestalten metaphorisch verstanden wissen möchte. In der Tat ist sie seit dem Choleratod ihrer Mutter selbst Zeugin einer furchterregenden Erscheinung gewesen, die sie eindringlich vor dem mysteriösen Namen Crimson Peak gewarnt hat. Als sie endlich herausfinden soll, was sich hinter dem Begriff verbirgt, scheint es bereits zu spät zu sein.

Crimson Peak (2015) Filmbild 4Del Toro nimmt sich zunächst Zeit, einen Blick auf die Epoche (die Handlung trägt sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu) und die darin lebenden Menschen zu werfen. So lernen wir die junge New Yorkerin Edith kennen, deren wohlhabender Vater (Jim Beaver) Besuch von dem charmanten Thomas Sharpe (Tom Hiddleston) erhält. Sharpe und seine Schwester Lucille (Jessica Chastain) suchen nach Geldgebern, die ihr Projekt – eine Maschine, die blutroten Lehm aus der Erde unter ihrem englischen Anwesen Allerdale Hall befördern soll – unterstützen. Während dem angedachten Finanzierer etwas an der Geschichte nicht schmeckt und er weitere Nachforschungen anstellt, wirbt Thomas Sharpe bereits penetrant um die Hand seiner Tochter. Das beunruhigende Ergebnis der Ermittlungen veranlasst Vater Cushing allerdings dazu, die Sharpes mit einem großzügigen Scheck und dem ausdrücklichen Wunsch, ohne Edith rasch das Weite zu suchen, abzuspeisen – eine Haltung, die kurz darauf zu seiner grausamen Ermordung führen soll. Von Gefühlen geblendet und unter der Trauer leidend, begleitet Edith Thomas dennoch über den großen Teich und wird schleichend mit dem Grauen, das die Gemäuer beherbergt, konfrontiert. Die schreckliche Wahrheit scheint dort in Blut geschrieben zu stehen: Allerdale Hall ist Crimson Peak

Crimson Peak (2015) Filmbild 3Mit bewährten Spukhausvorbildern wie „Schloss des Schreckens“ (1961), „Bis das Blut gefriert“ (1963) oder „Shining“ (1980) erweckt das mexikanische Fantasygenie del Toro in seiner erst zweiten US-Horrorarbeit einen durchweg klassischen und gemächlichen Grusel. Wenn die unwissende Edith durch die knarrenden Flure wandelt und die Zeichen der Gefahr gleichzeitig Bedrohung und Faszination ausstrahlen, kämpfen in den Zuschauerköpfen die bekannten Stimmen „Komm Kind, weg da!“ und „Was mag bloß hinter dem großen Ganzen stecken?“ um die Wette. Doch so anziehend-geheimnisvoll „Crimson Peak“ auf den ersten Blick auch anmutet, so lässt sich leider recht bald feststellen, dass die Story zwar jede Menge blutrotes Baumaterial und auch ein paar Leichen verbirgt, aber dem Genre letztlich enttäuschend wenige innovative Impulse hinzuzufügen vermag. Während ein Vincent Price in Filmen wie „Die Verfluchten“ (1960) allein durch die vorgetragenen Worte eine wohlige Gänsehaut erzeugen konnte, fehlt es del Toros Film an einer solch subtilen Textur: Das, was hier Tod und Verderben bringt, ist nur zu konkret und verliert ohne einen interessanten Unterbau – wie etwa noch bei „The Devil’s Backbone“ oder dem Meisterwerk „Pans Labyrinth“ – zunehmend an Kraft. Die vielversprechende Geistermetapher verkommt zum bloßen Spuk und kaltblütiger Mord bleibt Mord.

Crimson Peak (2015) Filmbild 2Wirft man einen Blick über den Genretellerrand, entpuppt sich das Drehbuch von del Toro und seinem Partner Matthew Robbins, die zusammen bereits das eher müde Remake „Don’t Be Afraid of the Dark“ (2010) verfasst haben, als schwächstes Glied im Gerüst. Während der Regisseur Weltliteraten wie Jane Austen, Charles Dickens oder Daphne du Maurier als besondere Inspirationsquellen nennt, ist es tatsächlich das morbide Beziehungsgeflecht im Inneren der Handlung, das nicht recht funktionieren will. Mia Wasikowska, die zuvor in Cary Fukunagas unheilvoller Charlotte Brontë-Verfilmung „Jane Eyre“ (2011) eine ähnliche Rolle verkörpert hat, schafft im Kontrast zu Jessica Chastains finster-dämonischem Charakter eine echte Chemie. Das gilt jedoch leider nicht für das zu zart gezeichnete Band zwischen Edith und dem von „Avengers“-Star Tom Hiddleston dennoch souverän gespielten Thomas Sharpe, das den brutalen Zugkräften der Handlung nicht standhalten kann. Man fragt sich, welche Magie Edith überhaupt an diesen Mann fesselt. Neben dieser brisanten Dreiecksbeziehung gibt es in der Figur des Arztes Alan McMichael (Charlie Hunnam) auch noch eine edle Seele in der dunklen Stunde. Diese zeigt in einer frühen Szene ein Interesse an den Werken von Sir Arthur Conan Doyle. Nur benötigt man für das überschaubare Rätsel um „Crimson Peak“ nun wahrlich keinen Sherlock Holmes.

Crimson Peak (2015) Filmbild 1So ernüchternd die Kritik an dem Plot des Films auch klingt, so sehr darf man dann doch die exzellente, atmosphärisch dichte Inszenierung und sehr guten Leistungen des Casts hervorheben. Da Kino in erster Linie von der Bildsprache lebt, kann der wunderschön anzusehende „Crimson Peak“ in dieser Hinsicht meine volle Zustimmung ernten. Punkteabzug gibt es dann aber natürlich für die wirklich ärgerlich konventionelle und zum Ende hin ermüdende Story. Im Œuvre eines eigenwilligen Künstlers wie Guillermo del Toro ist seine aus Zitaten zusammengebastelte Arbeit dann schon eine Enttäuschung. Im Vergleich zu manch anderer moderner Produktion aber zumindest auf hohem Niveau.


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