"Breaking Bad" S05E15 "Granite State" Kritik

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Breaking Bad Granite State Kritik

Der Artikel enthält “Breaking Bad”-SPOILER, einschließlich einiger Spoiler zur neusten Folge!

Actio und Reactio. Es überrascht mich beinahe, dass keine "Breaking Bad"-Folge bislang so betitelt wurde, bedenkt man doch die Vorliebe der Serie für clevere Episodentitel und die Tatsache, dass der Titel auf diverse Folgen der Serie passen würde. Vielleicht liegt es ja gerade daran, dass sich die Aussage nicht für eine einzige Folge festhalten lässt, sondern vielmehr zu den übergreifenden Themen der Serie gehört. Auf jede Aktion folgt in "Breaking Bad" konsequent eine Reaktion – in der Regel keine besonders erfreuliche für die Beteiligten. Walter White beging auf seinem Pfad zu Macht und Reichtum, symbolisiert durch Heisenberg, viele Aktionen und erntet in den letzten Folgen der finalen Staffel die entsprechenden Reaktionen. Alles, was Walter anfasst, nimmt Schaden. Während er systematisch seine eigene Seele und sein Gewissen zerstört hat, zerstörte er bewusst und unbewusst alle in seiner Nähe. In keiner Folge liefen die Ausmaße der Konsequenzen seiner Handlungen jedoch so unerbitterlich zusammen, wie in "Granite State", einer ungewöhnlich ruhigen Folge nach dem rasanten Duo der letzten Wochen. Währen "To’hajiilee" und "Ozymandias" fast komplett in einem Zeitraum von 24 Stunden spielen, umfasst "Granite State" Monate, die Walter White im Exil verbringt, während seine Welt um ihn herum immer weiter zerfällt.

Von der furiosen Schlag-auf-Schlag-Schnelligkeit der letzten Wochen verwöhnt wurde, könnte die neuste "Breaking Bad"-Folge enttäuschend finden, denn diese zügelt das Tempo stark und besinnt sich darauf, was diese Serie so herausstechen ließ – ihre Charaktere und die Konsequenz, mit der auch unangenehmsten Ereignisse durchgezogen werden. Mit anderen Worten: es war genau die richtige Entscheidung die Ruhe einkehren zu lassen, bevor das Finale in einem unweigerlichen Sturm, samt Maschinengewehr und Rizin, aufgehen wird. In manchen Serien passiert während einer ganzen Staffel nicht so viel, wie in den beiden vorherigen "Breaking Bad"-Folgen: Hank entlarvt Walter endgültig; Hank und Gomez werden von Onkel Jack getötet; Onkel Jack stiehlt Walters Geld, Jesse wird gefoltert und als Arbeitssklave von den Neo-Nazis um Onkel Jack gehalten, aber nicht bevor er die Wahrheit über Janes Tod erfährt; Walter Jr. erfährt die Wahrheit über seinen Vater; Walts Familie bricht endgültig mit ihm; Walt entführt seine kleine Tochter und gibt sie zurück, bevor er sich auf die Flucht begibt. Das alles passiert innerhalb von ZWEI Folgen. In "Granite State" bekommen die Zuschauer und die Charaktere die Gelegenheit, diese Ereignisse bzw. dessen Konsequenzen zu verarbeiten. Wen sich der Staub nämlich in der Welt von "Breaking Bad" gelegt hat, steht nicht nur Walt vor einem Scherbenhaufen. Auf eine Art dient die Folge damit zum Teil als ein Epilog zu den beiden vorangehenden Episoden und als ein Prolog zum Finale.

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Die Folge fängt gewissermaßen mit einem Abschied an. Der Van von Sauls mysteriöser Kontaktperson (Robert Forster), die ein "Zeugenschutzprogramm" der besonderen Art betreibt, fährt vor einem Staubsaugerladen vor. Zuletzt sahen wir den Van am Ende von "Ozymandias" als Walter darin eingestiegen ist. Doch bereits in den ersten Minuten der Folge spielen die Autoren der Serie einen Trick mit den Zuschauern. Aus dem Van steigt nicht Walter aus, sondern Saul – mit Koffern und bereit für ein neues Leben. Auch er ist ein Opfer von Walts Handlungen und dessen ultimativem Leichtsinn. Sein Leben als Rechtsanwalt ist vorbei. Er muss in Nebraska untertauchen und kann laut eigener Aussage bestenfalls darauf hoffen, in einigen Jahren der Manager einer Cinnabon-Filiale (US-Bäckerei-Kette) zu werden. Bevor er jedoch sicher aufbrechen kann, muss er im Keller des Staubsaugergeschäfts ausharren. Sein Mitbewohner – Walter White. Oder viel eher Heisenberg, denn während Walter darauf wartet, aus dem Staat herausgeschmuggelt zu werden, schmiedet er bereits fleißig Rachepläne gegen Onkel Jack und seine Crew. Fünf Profikiller braucht er. Um diese zu beschaffen will er Saul ein weiteres Mal einspannen. Doch während sich Walt vehement weigert, den Tatsachen in die Augen zu sehen, hat Saul diese akzeptiert und sich mit seinem neuen Schicksal abgefunden. Lieber Nebraska als Belize. Vor Walter hat er anfangs immer noch Angst, macht zaghafte Versuche, ihn davon zu überzeugen, sich zu stellen, zum "John Dillinger" der Haftanstalt zu werden und damit Skyler zu helfen. Walts Anruf in der vorherigen Folge hat seine Ehefrau zwar teilweise entlastet, doch in Abwesenheit von Walt werden sich das DEA und die Staatsanwaltschaft dennoch auf sie stürzen.

Walt will das nicht hören, beteuert zum gefühlt 100. Mal, dass er alles, was er tat, für seine Familie tat und geht so weit, Saul wieder zu bedrohen. In einer netten Referenz an "Live Free or Die", die erste Folge der fünften Staffel, erinnert Walter ihn daran, dass "It’s not over, until I say it’s over". Nur dass Walter es diesmal nicht bis zum Ende des Satzes schafft und mit einem Hustenanfall in sich zusammensinkt. Zum ersten Mal sieht Saul, und damit auch die Zuschauer, Walt als das, was er ist – ein schwerkranker, schwacher Mann. Walter White, nicht Heisenberg. Mit der Erkenntnis, verfliegt die Angst.

"It’s over" – mit diesen Worten und einem Anflug von Mitleid und verabschiedet sich Saul von Walt – und höchstwahrscheinlich auch von den Zuschauern (bis "Better Call Saul!" jedenfalls).

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Das ist nicht das einzige Mal, dass "Granite State" mit den legendären Momenten und Symbolen der Serie spielt, nur um diese als wirkungslos zu entlarven. Roberts Forsters Ed bringt Walt in einem leeren Propangastank (es ist kein Zufall, dass das Innere des Tanks an das eines Fasses erinnert) nach New Hampshire, auch "Granite State" genannt (mit dem Motto des Staates "Live Free or Die"). In der verschneiten Wildnis muss Walt in einer abgelegenen Hütte ausharren, bis…tja, bis er stirbt. Ed versorgt ihn mit Lebensmitteln, spärlicher Unterhaltung und sogar mit einer Medikamenten Infusion, in einer Art Do-It-Yourself-Chemotherapie. Internet, Telefon und Fernsehen? Fehlanzeige. Aber immerhin gibt es einen DVD-Player sowie zwei Kopien von Mr. Magoriums Wunderladen. Vor allem warnt Ed ihn aber, das Gelände nie zu verlassen, denn er würde erwischt werden. Walt sagt Ja und Amen und sobald Ed das Gelände verlassen hat, macht er sich auf, zur nächsten Kleinstadt zu gehen. Den Mut dazu tankt er auf, indem er sich wieder seine Heisenberg-Persönlichkeit zulegt. In einer toll konstruierten Aufnahme, zieht er sich den berühmten Heisenberg’schen Hut an.

Doch Walter bringt es nicht weit. Der Hut ist nämlich nichts anderes als ein Hut (und schützt auch nicht sonderlich gut gegen die Kälte). Am Tor bleibt Walter stehen, sieht sich unsicher die schneebedeckte Straße vor ihm an und sagt sich selbst "Tomorrow".

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Viele "morgen" vergehen und Walter harrt einsam in der Hütte aus, sein Leben getragen lediglich durch die Hoffnung, irgendwie das Geld, das er noch hat (immerhin ein ganzes Fass voll), an seine Familie zu bringen. Mittlerweile sieht Walter auch so aus, wie zu Beginn des Flash-Forwards. Ein Zeichen für die Zuschauer – das Ende naht. Doch nicht nur das Ende der Serie, sondern auch das Ende von Walter White. Sein Husten wird schlimmer und es bleiben kaum noch Zweifel, dass unabhängig davon, wie die Serie ausgehen wird, Walter so oder so dem Tode endgültig geweiht ist. Es sind keine angenehmen Szenen, in denen Walt, vor Einsamkeit verzweifelt, eine Stunde von Eds Gesellschaft für $10,000 erkauft. Beim gemeinsamen Kartenspiel nimmt Walter nicht einmal die Gelegenheit wahr, die Karten abzuheben. Er, der stets hochmütig glaubte, alles kontrollieren zu können, gibt die Kontrolle auf. Er hört zu, wie Ed ihm erzählt, das sein altes Haus vom Staat versteigert wird (und zu einer makabren Touristenattraktion geworden ist), dass Skyler in einer Taxizentrale arbeitet und ihren Mädchennamen wieder angenommen hat. In einem verzweifelten Versuch, etwas zu bewirken und zumindest einen Teil des Geldes seinem Sohn zukommen zu lassen, ruft er diesen in der Schule an, doch Walter Jr. weist ihn ab, will nichts von ihm wissen und wünscht ihm den Tod. Walter ist am Ende, sein Telefonat mit seinem Sohn nicht minder herzzerbrechend wie jenes mit Skyler in der vorherigen Folge.

Hier schaffen die Autoren wieder einen genialen Kunstgriff. Nachdem über mehrere Staffeln hinweg Walter White von allen menschlichen Qualitäten nach und nach befreit wurde und zu einem hassenswerten Monster avancierte, sieht man ihn in "Granite State" menschlicher denn je und trotz all seiner Missetaten wünscht man ihm, nicht Heisenberg, sondern Walter White, Erlösung.

Erlösung bietet die vorletzte Folge der Serie, die sich mit ihrer letzten Staffel endgültig einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert hat, nicht. Vielleicht gibt es sie am Ende, vielleicht auch nicht. So oder so müssen die Charaktere in "Granite State" noch eine weitere Runde Schmerz, Angst und Verzweiflung erleiden. Nicht nur Walt, sondern auch Skyler und Jesse. Skyler wird vom maskierten Todd und seinen Konsorten in ihrem eigenen Haus bedroht, damit sie nicht auf den Gedanken kommt, von ihrem einstigen Treffen mit Lydia in der Autowaschanlage der DEA zu erzählen. Doch das Bedrohen von Skyler und ihrem Baby ist noch nicht die schlimmste Handlung, die Todd in dieser Folge begeht. Jesse, immer noch als Meth-Sklave von Onkel Jack und Todd gehalten, schafft es, sich aus seinen Fesseln zu befreien und den Nazis nahezu zu entkommen. Doch der einzige Hoffnungsschimmer dieser Folge, wird schnell auf die herzzerreißendste Art und Weise zerstört. Jesse wird geschnappt und für seine Weigerung, weiter Meth zu kochen, von Todd gnadenlos bestraft: "It’s nothing personal", sagt er noch, bevor er vor Jesses angsterfüllten Augen Andrea in den Hinterkopf schießt. Ende und aus für einen weiteren unschuldigen "Breaking Bad"-Charakter. Gerade als man dachte, Jesse könnte nicht mehr leiden als bisher, belehrt uns die Serie eines Besseren. Interessant ist auch, dass Todd, gespielt zu Jesse Plemons, in den letzten Folgen zu einem wirklich furchteinflößenden Antagonisten avanciert ist, dessen Mischung aus einer "Junge-von-Nebenan"-Nettigkeit und einem kompletten Mangel an Empathie dem Zuschauer immer wieder aufs Neue einen Schauer über den Rücken jagt. So zum Beispiel wenn er auf Jesses Geständnis-Tape von seinem Mord an Drew Sharp hört und ihm dabei ein leicht stolzes Lächeln über das Gesicht huscht oder wenn er Jesse aus Dankbarkeit für seine Meth-Kochkünste Ben & Jerry’s-Eis in seinen Verlies bringt.

Beaking Bad Granite State Kritik 5

Die besten Serien sind diejenigen, die nie ihre eigenen Anfänge vergessen. Das sind Serien, bei denen die Ereignisse der frühen Folgen, die häufig als Katalysatoren der Handlung dienen, gegen Ende wieder eine Rolle spielen und so die Serie ganzheitlich wirken lassen. "The Shield" ist ein perfektes Beispiel dafür, denn eine Handlung des Hauptcharakters jener Serie am Ende des Pilotfilms, verfolgt ihn bis zum Finale der Serie, sieben Staffeln später. Auch "Breaking Bad" besinnt sich mit "Granite State" auf seine Anfänge, als Walt, mit Drink in der Hand und zerbrochen nach dem Telefonat mit seinem Sohn, auf den Anmarsch der Polizei wartend, denen er seine Location durch einen zurückverfolgbaren Anruf nahelegte. Er sieht Gretchen und Elliott Schwartz in einer Talk-Show im Fernsehen. Die beiden Besitzer des erfolgreichen Pharma-Konzerns Gray Matter, das Walter einst mit Elliott mitbegründet hat und später verließ, weil Gretchen, seine Ex, eine Beziehung mit Elliott anfing. Das Ergebnis: Gretchen und Elliott wurden zu Multimillionären, Walter zu einem Chemielehrer – eine Tatsache, die er den beiden nie verziehen hat, denn sie hat ihn seines Stolzes beraubt. Neben der Familie war Stolz nämlich immer der zweite Grund für alle Unternehmungen von Walt. Seine Familie hat er als Antrieb nun endgültig verloren, denn sowohl seien Frau als auch sein Sohn wollen nichts mit ihm zu tun haben. Das Interview mit Gretchen und Elliott, in dem die beiden sich mit ihrer Firma von Walter White distanzieren und Abstreiten, dass er mit der Gründung irgendetwas zu tun hatte außerhalb der Namensgebung, erweckt jedoch seine zweite Antriebskraft zum Leben – den Stolz. Es folgt eine grandios inszenierte und von der Titelmusik der Serie perfekt untermalte Szene, in der Polizeikräfte die Bar stürmen, nur um ein einsames Wiskeyglas auf der Theke vorzufinden.

Walt hat endlich einen Grund gefunden, um weiterzumachen. Vielleicht kann er nichts mehr für seine Familie tun, aber er wird verdammt nochmal nicht als ein Niemand in einer einsamen Hütte verenden. Lieber als Heisenberg mit großem Knall untergehen als als Walter White in Unbekanntheit und Einsamkeit zu verschwinden.

Breaking Bad Granite State Kritik 4

Nur wenige "Breaking Bad"-Fans werden "Granite State" als eine von ihren Lieblingsfolgen der Serie bezeichnen. Dazu ist sie verglichen zu den beiden vorangegangenen Episoden zu ruhig, reflektiert und zum Teil einfach deprimierend. Es ist jedoch eine sehr wichtige Folge für die Charaktere der Serie sowie deren zentrale Themen. Es ist vor allen Dingen eine Identitätssuche von Walter, bei der er auf einer dünnen Linie zwischen Heisenberg und Walter White schwankt. Walter ist bereit für sein letztes Gefecht und die Zuschauer erwartet ein Finale, an das die Erwartungen höher nicht sein könnten.

  • wuzzap

    Gut auf den Punkt gebracht. Diese Folge war tatsächlich sehr ruhig (und deprimierend!), Wahnsinn wie wirkungsvoll sie aber war. Das Ende fand ich so perfekt und passend für diese Serie!!