Boy 7 (2015) Kritik

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Boy 7 (2015) Filmkritik
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
Gesamt

Boy 7, D 2015 • 104 Min. • Regie: Özgür Yildirim • Mit: David Kross, Emilia Schüle, Jörg Hartmann, Ben Münchow, Liv Lisa Fries, David Berton • FSK: ab 12 Jahren  • Kinostart: 20.08.2015 

Die Tribute von Panem, Die Bestimmung, Maze Runner – die Verfilmungen von Jugendbuch-Dystopien boomen immer noch! Nachdem sich zuletzt der deutsche Regisseur Robert Schwentke (Flightplan) dem zweiten Teil der erfolgreichen Die-Bestimmung-Reihe widmete, möchte sich die deutsche Filmlandschaft nun auch dieses Erfolgskonzept zu eigen machen und lässt Genre-Regisseur Özgür Yildirim, der schon für den gelobten Gangsterfilm Chiko und den wirklich unterhaltsamen Blutzbrüdaz verantwortlich war, das gefeierte Jugendbuch "Boy 7" der niederländischen Autorin Mirjam Mous adaptieren. Derweilen haben die Niederländer aber auch nicht geschlafen und ihre Umsetzung bereits Anfang dieses Jahres in die nachtbarländischen Kinos gebracht. Dieser wurde von der Kritik jedoch eher mittelmäßig aufgenommen. Bei der Produktion beider Filme hat man sich jedoch freundschaftlich unter die Arme gegriffen. So schrieb der Drehbuchautor der niederländisch-ungarischen Produktion auch am Drehbuch der deutschen Version mit, Yildirim half dafür auf der anderen Seite.

Boy 7 (2015) Filmbild 1Zwar bezieht sich das Presseheft etwas hochgreifend auf das „[…]Genre der Bourne-Trilogie und Die Tribute von Panem[…]“, man muss jedoch wirklich etwas weiter unten ansetzen. Man bewegt sich hier genretechnisch vielleicht irgendwo zwischen Die Tribute von Panem, Maze Runner und den Alex-Rider-Romanen von Anthony Horowitz, qualitativ kann sich Boy 7 aber keinesfalls mit diesen messen. Für den trotzdem irgendwie eintretenden Erfolg wird dafür wieder das Schöngerede deutscher Filme sorgen. Denn wäre Boy 7 internationale oder sogar Hollywood-Ware, würde man ihn als stümperhaften Amateurversuch abstempeln, bewegt man sich aber im deutschen Raum, wird man wieder die „Für einen deutschen Film nicht schlecht“-Floskel zu Ohren bekommen.

Boy 7 bedient sich der üblichen, verbrauchten Young-Adult-Zutaten. Da haben wir die Jugendlichen mit besonderen Fähigkeiten, die korrupte Organisation, Manipulation, Systemkritik und Liebe. Auch wenn diese Unoriginalität dazu führt, dass der Film durchgehend vorhersehbar ist, ist sie nicht einmal das größte Problem von Boy 7. Diese Formel ist vom Publikum schließlich meistens gut aufgenommen worden, weswegen sich auch folgende Panem-, Bestimmung– und Maze-Runner-Teile wieder in den oberen Box Office-Bereich hangeln dürften. Boy 7 aber fühlt sich – trotz aller gegebenen Voraussetzungen – nicht einmal wie einer dieser Filme an. Tatsächlich versucht Yildirim hier einen düsteren, schweißtreibenden, modernen deutschen Genrefilm auf die Beine zu stellen. Denn nicht nur wurden deutsche Schauspieler angeheuert, beim gesamten Prozess der Adaption wurde Boy 7 mit Settingverschiebung nach Hamburg und diversen Anspielungen auf die deutsche Filmgeschichte quasi „eingedeutscht“.

David Kross (Der Vorleser) spielt dabei „Nummer 7“, der zu Beginn des Films in einem U-Bahn-Tunnel aufwacht und sich weder an seinen Namen erinnern kann, noch daran wie er dorthin gelangt ist. In seiner Tasche findet er die Karte eines Restaurants, auf dessen Toilette er neugierig im Spülkasten herumwühlt (!) und dort ein Notizbuch findet, das anscheinend von ihm selbst ist und mit dessen Hilfe sich alles aufklären könnte. Als er dann noch auf ein Mädchen (Emilia Schüle) trifft, das sich ebenfalls an nichts mehr erinnern kann, und sie auch noch feststellen, dass sie die gleiche Brandnarbe an der Hand haben, widmen sie sich zusammen dem besagten Notizbuch.

Boy 7 (2015) Filmbild 2Schnell werden zwei Dinge klar: 1) Die Notizen sind nur ein getarnter Off-Text und Vorwand, um die den Film bestimmenden Rückblenden einzuleiten. Der Text im Notizbuch ist extra ausführlich geschrieben, um möglichst viel Exposition zu liefern, wirkt gerade dadurch aber zum Kopfschütteln unauthentisch. 2) Özgür Yildirim spielt unglaublich gerne mit der Kamera und möchte seinen Film auch sonst super stylisch aussehen lassen. So gut wie jedes Bild ist in einem sogenannten „dutch angle“ („schiefen Winkel“) eingefangen, wenn man nicht gerade mal wieder eine Go-Pro-Kamera an David Kross befestigt hat. Im Gegensatz zu Regisseuren wie z. B David Fincher, die auch gerne damit prahlen, wie sie die Kamera einzusetzen wissen, trägt bei Boy 7 jedoch kein einziges Kameraspielchen auf irgendeine Weise zur Erzählstrategie oder Atmosphäre bei und fühlt sich so eben nur wie plumpes Vorzeigen an.

Zudem bahnt sich in den ersten paar Minuten auch schon der penetrante Einsatz von durchkonstruierten Zufällen an, wenn unsere Nummer 7 sich ausgerechnet die defekte Toilette im Restaurant aussucht und dort zufällig einen Knopf findet, mit dem man natürlich was als erstes macht? Richtig – schauen ob er an die eigene Hose gehört! Danach neugierig geworden, inspiziert er gerne noch den verdreckten Spülkasten und wird mit dem Notizbuch belohnt, ohne welches der Film nach 15 bereits sein unspektakuläres Ende gefunden hätte.

Die ersten paar Notizbuchseiten liefern dann erst einmal etwas allgemeinen Hintergrund zu unserem Protagonisten, der, wie sich herausstellt, Sam heißt. Das ist leider aber nicht ausreichend, um genug Sympathie oder auch Mitleid aufzubauen, damit wir in den kommenden 90 Minuten wirklich mit ihm mitfiebern. In jenem Expositions-Block dürfen wir u. a. zusehen, wie Hackergenie Sam sich von seiner Jugendliebe zum Hacken des Schulsystems überreden lässt. Eingeführt als seine große Liebe, ist Luna jedoch lediglich ein MacGuffin-Charakter, der, um des Skurillen wegen, David Kross im Klassenraum einmal breitbeinig am Finger lutschen darf, um ihn dann später zu verraten und für immer aus dem Film zu verschwinden.

Boy 7 (2015) Filmbild 3Das war es mit der großen Liebe – weiter geht es mit dem so unaufwendig eingeführten Hauptstorystrang: Kooperation X. Eine Anstalt und gleichzeitig Aufbau- sowie Resozialisierungsprogramm für jugendliche Straftäter mit besonderen Fähigkeiten, in der sich natürlich auch das Mädchen aus der Gegenwarts-Erzählebene befindet. Schnell wird klar, dass mit dieser Organisation irgendetwas nicht stimmt. Bevor wir aber die ersten kräftigen Hinweise darauf bekommen, müssen wir uns erst einmal mit dem Campus-Alltag begnügen. Seltsame Leute, noch seltsamere Übungen, Cafeteria-Essen und zum Abend witziges Bett-Geplauder auf Schloss-Einstein-Niveau. Vielleicht würde der von Emilia Schüle (Freche Mädchen) verkörperte, obligatorische Love Interest etwas Pepp in die müde Abarbeitung von obligatorischen Handlungspunkten bringen, wäre diese nicht viel zu kitschig in sich ziehende Fremdschäm-Sequenzen gequetscht.

Boy 7 (2015) Filmbild 4Etwas Abwechslung bringen dafür die eben genannten Übungen. Ob es nun Paintball-Spiele im Wald oder kleine Hackertricks mit der „Mentorin“ sind, es ist endlich einmal ein kreativer Weg die dunklen Absichten von Kooperation X rüberzubringen. Auch wenn die Paintball-Schlacht schnell vorbei ist und man sich beim Hacken schmerzhaft ansehen muss, wie David Kross dilettantisch mit den Fingerkuppen auf die Tastatur eindrischt, sind es doch kleine Lichtblicke, die den Film nicht zum kompletten Desaster verkommen lassen. Vor allem kann man sich gerade in diesen Momenten noch an der wenigstens durchgehend soliden Performance von Kross festhalten, oder sich beim Paintball über ein wirklich lustiges Cameo des Komikers Boddy Ogün amüsieren. Immer weiter wird das Mysterium um diese ultrageheimnisvolle Kooperation ausgedehnt, nur um alle Hintergründe und Motivationen dieser in einem mitgehörten Skype-Gespräch offenzulegen, bevor Boy 7 auf sein nerviges und unspektakuläres Finale zutaumelt. Die Spannungsskala liegt dabei vor allem durchgehend am Nullpunkt, weil unser sowieso schon emotionslos aufgebauter Protagonist nie wirklich spürbar in Gefahr ist.

Fazit

Boy 7 macht so gut wie alles falsch und lässt den kreativen Geist seines Regisseurs nie durchscheinen. Wenigstens hat man eine solide Hauptbesetzung vorzuweisen, aber selbst diese kann sich in diesem Chaos nie wirklich beweisen.

Trailer

https://youtu.be/fVx3kYXu_GA