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Quelle: Boxofficemojo

Seit mehreren Jahren wird das erste Oktober-Wochenende von den Studios in den USA als Sprungbrett für große Herbst-Kinohits genutzt. In den letzten vier Jahren starteten an diesem Wochenende 96 Hours – Taken 2 ($49,5 Mio zum Start), Gravity ($55,8 Mio), Gone Girl ($37,5 Mio) und Der Marsianer ($54,3 Mio). Auch dieses Jahr sollte nicht anders werden. Mit Girl on the Train wurde die Adaption eines Bestsellers ins Rennen geschickt, der sich alleine in den USA mehr als 4,5 Millionen Mal verkaufte und damit sogar erfolgreicher war als die Romanvorlage zu Gone Girl. Nicht nur wegen des Titels wurden bereits im Vorfeld zahlreiche Vergleiche zwischen den beiden Romanen und ihren Adaptionen gezogen. Gone Girl wurde vor zwei Jahren zu einem Riesenhit in den Kinos und spielte fast $168 Mio in Nordamerika ein. Alle Vorzeichen deuteten auch bei Girl on the Train auf großen Erfolg hin, doch das Kalkül ging nicht ganz auf. Der Film eröffnete zwar solide, jedoch eher im unteren Bereich der Erwartungen. Es war der schwächste Nummer-1-Film am 1. Oktober-Wochenende in den USA seit The Social Network vor sechs Jahren. Zudem verbrachten mehr als 60 Millionen Amerikaner den Sonntagabend nicht im Kino, sondern vor den Fernsehern, um die zweite Debatte der Präsidentschaftskandidaten Clinton und Trump zu verfolgen. Diese beiden Faktoren führten zu einem Rückgang der Einnahmen der Top 12 um 10% gegenüber dem vorigen Wochenende auf $95,6 Mio. Verglichen zum Vorjahr, als Der Marsianer die Charts anführte, ging der Gesamtumsatz der Top 12 um 33% zurück.

Obwohl Girl on the Train nicht ganz die hohen Erwartungen an sein Box-Office-Potenzial erfüllte, erklomm die Romanverfilmung dennoch mühelos die Spitze der nordamerikanischen Kinocharts. In den ersten drei Tagen spielte der Film $24,5 Mio von 3144 Kinos ein und erzielte einen Schnitt von $7804 pro Spielstätte. Das Startwochenende lag 35% unter dem Start von David Finchers Gone Girl. Wie kommt es also, dass trotz ähnlich starker Vermarktung und einer erfolgreicheren Romanvorlage der Film deutlich unter Gone Girl angelaufen ist? Die Antwort liegt hauptsächlich in den Rezensionen. Während Gone Girl nahezu universell von der Presse gepriesen wurde, sind die Reaktionen zu Girl on the Train deutlich gemischter. Gerade bei Filmen, die sich an ein älteres, anspruchsvolleres Publikum richten, spielen Kritiken eine Rolle. Etwa 89% der Zuschauer vom Startwochenende von Girl on the Train waren älter als 25 (und 59% waren Frauen) und das ist ein Publikum, das sich durchaus von Kritiken beeinflussen lässt. Außerdem verlieh die Regie von David Fincher, dessen drei vorherigen Filme (Der seltsame Fall von Benjamin Button, The Social Network, Verblendung) nicht nur Kinohits waren, sondern zusammengerechnet 26 Oscarnominierungen erhielten und sieben Oscars gewannen, dem Film Prestige und machte ihn zu einem potenziellen Oscaranwärter. Tate Taylors Film wird hingegen als ein durchschnittlicher Thriller wahrgenommen und Emily Blunt ist trotz vieler toller Performances kein Kassenmagnet.

Ein weiteres Problem für Girl on the Train scheint die Mundpropaganda zu sein. Die Zuschauer vergaben dem Film am Wochenende eine CinemaScore-Wertung von „B-„ (äquivalent einer „2-„), was für einen „erwachsenen“ Film wirklich schwach ist. Andererseits erhielt auch Gone Girl nur eine „B“ (äquivalent einer „2“) und spielte am Ende dennoch mehr als das Vierfache von seinem Startwochenende ein. Das ältere Zielpublikum von Girl on the Train wird vermutlich dafür sorgen, dass der Film nicht allzu schnell abstürzen wird, doch direkte Konkurrenz durch The Accountant und Inferno diesen Monat, die ebenfalls ein älteres Publikum ansprechen, wird einen überdurchschnittlich guten Multiplikator verhindern. Insgesamt wird Girl on the Train $75-85 Mio in den USA und in Kanada einspielen. Das ist zwar bestenfalls maximal etwa halb so viel wie Gone Girl vor zwei Jahren, jedoch kostete Girl on the Train nur $45 Mio (statt $61 Mio für Gone Girl) und wird definitiv profitabel sein. Der verhaltene Start von Girl on the Train offenbart ein Problem mit dem aktuellen Filmangebot. Mit Filmen wie Sully, Die glorreichen Sieben, Deepwater Horizon und Girl on the Train gibt es seit September ein Überangebot an Filmen für ältere Zuschauer, während vor allem Teenager und junge Erwachsene vernachlässigt werden. Das erklärt, weshalb sich Filme wie Don’t Breathe und Suicide Squad seit Wochen überraschend gut halten. Das ist eine gute Situation für Doctor Strange, der Anfang November in die US-Kinos kommen wird.

Tim Burtons Die Insel der besonderen Kinder fiel an seinem zweiten Wochenende um 47,6% auf $15,1 Mio und rutschte auf Platz 2 der Charts ab. Nach zehn Tagen steht der Fantasyfilm bei $51,2 Mio in Nordamerika und damit nahezu identisch zu Burtons Dark Shadows im selben Zeitraum vor vier Jahren. Natürlich hat Die Insel der besonderen Kinder nicht nur den Vorteil der Inflation, sondern auch den der höheren 3D-Eintrittspreise, doch der deutlich bessere Drop in seiner zweiten Woche legt nahe, dass der Streifen das Gesamteinspiel von Dark Shadows ($79,7 Mio) in Nordamerika problemlos überholen wird. Dass der Film trotz fehlender Konkurrenz dennoch fast die Hälfte seiner Zuschauer vom Startwochenende verloren hat, bedeutet allerdings, dass seine Chancen auf $100 Mio enorm geschrumpft sind. Zwar sollte er sich in den kommenden Wochen erholen, doch mehr als $85-90 Mio wird er vermutlich nicht einnehmen. Angesichts von $110 Mio Produktionskosten wird Die Insel der besonderen Kinder erst durch internationales Einspiel seine Ausgaben wieder einnehmen.

Deepwater Horizon wird vermutlich nicht einmal das gelingen. Der drittplatzierte Film am Wochenende spielte $11,5 Mio ein, 43% weniger als an seinem Startwochenende. Damit brachte das Katastrophendrama mit Mark Wahlberg sein vorläufiges Gesamteinspiel auf $38,3 Mio nach zehn Tagen. An sich wäre das eine ordentliche Performance, vergleichbar mit dem Feuerwehr-Drama Im Feuer vor 12 Jahren, das $74,5 Mio in Nordamerika einspielte. Auch Deepwater Horizon steuert auf $70-75 Mio zu. Das Problem ist aber, dass Lionsgate $110 Mio in die Produktion von Deepwater Horizon investierte, eine irrsinnige Summe ohne jegliche rationale Rechtfertigung, die dafür sorgen wird, dass der Film am Ende ein finanzieller Flop sein wird.

Auf Seite 2 verraten wir, wie der Sundance-Sieger The Birth of a Nation gestartet ist und wie sich die alten Eisen Sully, Don’t Breathe und Suicide Squad schlagen.