Rechts: Doctor Strange © 2016 Walt Disney Pictures
Links: Trolls © 2016 20th Century Fox

Quelle: Boxofficemojo

Die Dürre an den US-Kinokassen ist endlich vorüber. Seit Suicide Squad vor drei Monaten angelaufen ist, hat kein einziger Film es geschafft, sogar $150 Mio in den USA und Kanada einzuspielen und Clint Eastwoods Sully nahm als einziger mehr als $100 Mio ein. Vergangenes Wochenende sind gleich zwei Filme gestartet, die aller Wahrscheinlichkeit nach beide jeweils mehr als $150 Mio in die nordamerikanischen Kinokassen spülen werden. Die drei breiten Neueinsteiger in die Charts, die problemlos die vordersten drei Plätze der Kinocharts für sich beanspruchten, waren für etwa 80% der Gesamteinnahmen der Top 12 verantwortlich und haben dem Box-Office die lange überfällige Adrenalinspritze verpasst. Insgesamt legte die Top 12 um 135% (!) gegenüber dem vorigen Wochenende zu und erwirtschaftete $183 Mio. Es war das umsatzstärkste Wochenende an den nordamerikanischen Kinocharts seit dem ersten August-Wochenende. Verglichen mit dem gleichen Wochenende im Vorjahr, als Spectre auf Platz 1 eröffnete, ging es um 21% hinauf.

Wie erwartet, hat Marvels Doctor Strange, der 14. Film aus dem ultraerfolgreichen Marvel Cinematic Universe den Spitzenplatz der nordamerikanischen Kinocharts souverän erobert. Von Freitag bis Sonntag spielte die Comicverfilmung grandiose $85,1 Mio von 3882 Kinos ein und erzielte einen Schnitt von $21911 pro Kino. Den Start des einzigen bisherigen November-Starts von Marvel, Thor – The Dark Kingdom ($85,7 Mio), verfehlte der Streifen um weniger als 1%. Es war das achtbeste Startwochenende des Jahres und das zehnbeste für einen Film aus dem Marvel-Universum von Disney. Das mag vielleicht auf den ersten Blick nicht so beeindruckend wirken, doch wenn man sich die Zahlen näher anschaut, wird deutlich, dass Doctor Strange für Marvel ein Box-Office-Triumph auf jeder Ebene ist.

Zunächst einmal war es der 14. Nummer-1-Start für den Comic-Riesen, womit die Erfolgssträhne ungebrochen bleibt. Doctor Strange gelang außerdem der drittbeste Start eines Disney/Marvel-Films, der kein Sequel ist. Die ersten Filme haben es in der Regel schwerer, weil sie die Charaktere erst etablieren müssen. Gerade eine im Mainstream weniger bekannte Figur wie Stephen Strange sollte es eigentlich nicht einfach haben, doch mittlerweile zieht Marvel als Marke mehr als die eigentlichen Charaktere. So ist auch zu erklären, wie Doctor Strange um 30% besser gestartet ist als der erste Thor ($65,7 Mio) und um 31% besser als Captain America: The First Avenger ($65,1 Mio). Außerdem liegt das Startwochenende satte 49% über dem Start von Ant-Man ($57,2 Mio) letzten Sommer. Dass mittlerweile auch Filme über die in der Popkultur deutlich weniger bekannten Charaktere als Captain America oder Thor locker einen Start über $80 Mio aus dem Ärmel schütteln können, spricht dafür, dass die Erfolgsformel des Studios besser funktioniert denn je und man sich keine Sorgen machen muss, dass die Einnahmen beträchtlich zurückgehen werden, wenn sich irgendwann die Stammspieler wie Robert Downey Jr. als Tony Stark oder Chris Evans als Captain America aus diesem Filmuniversum zurückziehen werden. Der Nachwuchs steht bereit und Doctor Strange hat ein sehr vielversprechendes Fundament für ein neues Franchise gelegt.

Für den Film kam natürlich auch der perfekte Sturm aus günstigen Umständen zusammen. Neben der bewährten Beliebtheit der Marke Marvel und den gewohnt positiven Rezensionen betrat Doctor Strange auch einen völlig leeren Markt, der schon lange nach einem großen Blockbuster mit Massen-Appeal an alle Zuschauerschichten durstete. Suicide Squad war tatsächlich der letzte solche Film und er liegt bereits drei Monate zurück. Seitdem wurden die US-Kinos mit Dramen und Thrillern für ältere Zuschauer überschwemmt, die sich im September und Oktober gegenseitig auffraßen, sodass keiner sein volles Potenzial entfalten konnte. Auch die Zuschauer von Doctor Strange waren zu 58% älter als 25, dennoch sprach der Film ein jüngeres Publikum deutlich mehr an als Sully, Die glorreichen Sieben oder The Accountant. Nicht geschadet hat sicherlich auch die beträchtliche Fangemeinde des britischen Hauptdarstellers Benedict Cumberbatch, der sich dank seiner Hauptrolle in BBCs „Sherlock“ und seiner oscarnominierten Performance in Imitation Game mittlerweile auch in Nordamerika großer Beliebtheit erfreut.

Kommendes Wochenende hat Doctor Strange mehr oder wenige freie Fahrt an den Kinokassen, bevor er sich an seinem dritten Wochenende gegen Warners Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind zur Wehr setzen müssen wird. Sehr positive Mundpropaganda (die Zuschauer vergaben ihm im Schnitt einen „A“-CinemaScore, äquivalent einer „1“) sollte die natürliche Frontlastigkeit des Comic-Films teilweise ausgleichen und dafür sorgen, dass er nicht wie ein Felsbrocken stürzen wird. Folgt Doctor Strange dem genauen Verlauf des zweiten Thor-Films, wird er etwa $205 Mio in Nordamerika erreichen. Da es sich hierbei jedoch nicht um eine Fortsetzung handelt (die für gewöhnlich frontlastiger sind), die Reaktionen der Zuschauer positiver ausgefallen sind und Phantastische Tierwesen auch geringere Konkurrenz darstellen wird als der mit $158 Mio gestartete Die Tribute von Panem – Catching Fire, der Thor – The Dark Kingdom an dessen drittem Wochenende das Leben schwer machte, wird Doctor Strange vermutlich $210-230 Mio in Nordamerika erreichen. Damit wird er zum ersten Film dieses Jahr, der in Nordamerika in den Umsatz-Bereich zwischen $200 Mio und $300 Mio fallen wird. Mit $165 Mio Produktionskosten trägt der Film auch eins der niedrigeren Budgets aus Marvels Kinouniversum.

Eine sehr starke Nummer 2 lieferte am Wochenende DreamWorks Animations‘ Trolls. Der auf der Puppenreihe der Zaubertrolle beruhende Film spielte $46,6 Mio von 4060 Kinos ein und schrieb einen Schnitt von $11473 pro Spielstätte. Wie Doctor Strange wurde auch Trolls mit einem „A“-CinemaScore von den Kinogängern bewertet, was für seine langfristigen Aussichten sehr vielversprechend ist. Der Start des Films liegt über denen von Bee Movie ($38 Mio), Die Peanuts – Der Film ($44,2 Mio) und Megamind ($46 Mio), die allesamt ebenfalls am ersten November-Wochenende angelaufen sind. Alle diese Filme hatten nach Animationsfilm-Maßstäben kein besonders tolles Durchhaltevermögen, doch Trolls macht den Anschein, ein großer Publikumsliebling zu sein und könnte es sogar schaffen, neben Disneys Vaiana, der am Thanksgiving-Wochenende anlaufen wird, erfolgreich zu co-existieren. Wenn Trolls den gleichen Multiplikator haben wird wie Die Peanuts, wird er $137 Mio erreichen, liegt er näher an Megamind, so sind knapp $150 Mio drin, und wenn er sich so gut hält wie Bee Movie, dann sogar $155 Mio. Man kann also guten Gewissens von einem Gesamteinspiel im Bereich von $150-160 Mio ausgehen – mit Potenzial für mehr. Bei einem Produktionsbudget von $125 Mo ist es ein sehr solides Ergebnis. Während Doctor Strange vom einem leeren Markt für Teenager und junge Erwachsene profitierte, wirkte es sich zu Gunsten von Trolls aus, dass es der erste große und für die Massen interessante Animationsfilm seit Pets im Juli war. Eigentlich sollte Warners Bros.‘ Störche – Abenteuer im Anflug diese Lücke im September füllen, doch der Film zündete nicht und das Familienpublikum sehnte sich geradezu nach einem neuen Hit. Dafür spricht auch, dass 52% der Zuschauer des Films am Startwochenende jünger waren als 25.

Obwohl er weit abgeschlagen auf Rang 3 landete, feierte auch Mel Gibsons Kriegsfilm Hacksaw Ridge – Die Entscheidung einen guten Einstand mit $15,2 Mio von 2886 Kinos (im Schnitt $5264 pro Kino). Das Startwochenende ist nahezu gleichauf mit dem von Gibsons letzter Regiearbeit Apocalypto ($15 Mio) vor zehn Jahren. Jedoch ist Hacksaw Ridge ein viel zugänglicherer Film, der sich auch trotz des Überangebots für sein Zielpublikum bei den älteren Zuschauern gut durchsetzen konnte. Etwa 88% der Besucher des Films waren über 25 und 47% sogar über 50. Gerade die letzteren, die für gewöhnlich zum kritischsten Segment unter den Kinogängern gehören, bewerteten den Film extrem positiv. Mit einem „A“-CinemaScore und starken Rezensionen gesegnet und als potenzieller Oscarkandidat positioniert, wird der $40 Mio teure Film eine lange Laufzeit in den Charts hinlegen. Da der kommende Freitag in den USA Veterans Day ist, kann man von einem ungewöhnlich guten Rückgang am zweiten Wochenende des Films rechnen. Insgesamt wird Hacksaw Ridge etwa $50-60 Mio in den USA und in Kanada erreichen.

Auf Seite 2 verraten wir Euch, wie die älteren Filme in den Charts abgeschnitten haben, darunter The Accountant, Inferno, Girl on the Train, Suicide Squad und Jack Reacher: Kein Weg zurück.