Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 7

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Berlinale 2015 Teil 7

Liebe Filmfutter-Fans und Berlinale-Begeisterte,

willkommen zum abschließenden Teil unserer zusammenfassenden Übersichtsreihe zu den Filmen aus verschiedenen Sektionen der 65. Berlinale. Wieder standen drei Filme auf dem Programm: eine kunstvolle Semi-Doku aus Frankreich, ein starbesetztes Drama mit James Franco und die Wiederaufführung von einem der größten Zeichentrickklassiker von Disney. Leider vermochte nur letzterer unsere Autorin vollends zu überzeugen, obwohl die ersten beiden durchaus interessante Ansätze hatten.

Le Dos Rouge (Portrait of the Artist) | Forum

Der dem Griechischen entstammende Begriff „Monster“ bedeutet Zeichen oder Vorzeichen. Das Monströse, als welches häufig die an Missbildungen oder seltenen Krankheiten leidenden Individuen wahrgenommen wurden, trat auf, um auf ein bedeutsames Ereignis hinzuweisen oder zu warnen. Furchteinflößend ist ursprünglich nicht das Monstrum, sondern das, was sein Auftauchen ankündigt. In diesem Sinne ist der Hauptcharakter von Antoine Barrauds Schein-Dokumentation ein Monster, wie er es zugleich in Museen auf Kunstdarstellungen sucht.

Berlinale 2015 Teil 7 Le Dos RougeDer etablierte Regisseur Bertrand (Filmemacher Bertrand Bonello, der zuletzt 2014 Saint Laurent auf der Berlinale vorstellte) durchstreift mal allein, mal begleitet von ähnlich exzentrischen Schauspielerinnen und Gefährtinnen (Jeanne Balibar, Sigrid Bouaziz) weltberühmte Galerien und Sammlungen. Deren Schätze fesseln nicht nur die Kamera mehr als die spröden Protagonisten, die Bertrand auf seiner Suche beraten. Für seinen nächsten Film mit dem Thema „Monstrosität“ sucht er ein repräsentatives Abbild eines Monsters. Über zwei Stunden wandern die Figuren interpretierend durch den Louvre, das Musée Gustave Moreau und zu eigentümlichen Treffen, wo bewundernde Journalisten, Zufallsbekanntschaften und sogar Charlotte Rampling Gäste sind. Der Plot mäandert durch die heiligen Hallen der Kunst, während Barrauds Geschichte ihr Ziel aus den Augen verliert. Nicht besser ergeht es Bertrand, der vergeblich nach dem idealen Werk sucht, während auf seinem Rücken ein seltsamer Ausschlag zu wuchern beginnt. Ein befreundeter Arzt im Ruhestand (Barbet Schroeder), bei dem Bertrand vorstellig wird, verweigert die Behandlung, da Bertrand wolle, dass er „seinen Rücken betrachte wie ein Kunstwerk.“ Der Vorwurf, der in einen kuriosen Trotzakt mündet, rührt an den Kern des Geschehens. Bertrand ist das Monster, seine Suche eine Selbstsuche. Doch wie viele mythologische und historische Gestalten vor ihm, vermag er das Omen, das sich rot auf seinem Rücken abzeichnet, nicht zu deuten. Für Außenstehende ist die psychosomatische Parabel weit offenkundiger.

Der egozentrische Protagonist will für sich die intensive Beschäftigung und Verehrung, die seine vorzugsweise weibliche Gesellschaft grandiosen Gemälden und Skulpturen entgegenbringt. Er liebt die Kunst, aber er ist ein eifersüchtiger Liebhaber. Durch einen Film die Aufmerksamkeit seines Umfelds auf ein ausgewähltes Werk zu lenken, hieße gleichzeitig, sie von seiner Kreativität weg zu lenken. Solange aber kein Objekt als Zentrum seines Filmprojekts festgelegt ist, richtet sich der Fokus auf ihn. Indem er einen unbeachteten Kunstgegenstand in seinem Projekt neu präsentiert, kann sich Bertrand als dessen Mitschöpfer fühlen. Seine Eifersucht gilt neben den detailliert analysierten Kunstwerken, den Künstlern, an die er nicht heranreicht. Differenzierende Brüche finden sich in dem zweischneidigen Porträt kaum, dafür viel von Barrauds Bewunderung für den erfolgreichen Kollegen Bonello. Der wiederum spreizt sein Ego, bis anfängliches Interesse zu Überdruss wird. Selbstreferenz ist nunmal nicht Selbstreflektion und Kunst lässt sich nicht einfach erschaffen, indem man Kunstwerke abbildet.

2,5/5 Sterne

 

I Am Michael | Panorama

„Ich habe einfach das Gefühl, etwas hat mich gepackt, geschüttelt und aufgeweckt.“, sagt der Titelcharakter (James Franco), der sich vom Herausgeber eines LGBT-Magazins, der seine Homosexualität selbstbewusst lebt, zum fundamentalistischen Mormonen wandelt. Wer kann schon widerstehen, wenn ein Pfarrer einen zur Kirche lockt? „Guck’s dir einfach mal an und schau, was das Mormonentum dir anbietet.“ Aber gepackt, geschüttelt und aufgeweckt werden muss man um ein Haar nach Justin Kellys unscharfem Porträt des realen Pastors Michael Glatze. Die lückenhafte Charakterskizze scheint eher an Franco interessiert, als an seinem Hauptcharakter. Dessen ideologische und sexuelle Neudefinition schilderte Journalist Benoit Denizet-Lewis in einem Artikel der New York Times, auf dem die Handlung basiert.

Berlinale 2015 Teil 7 I Am MichaelDer erste Langfilm von Drehbuchautor und Regisseur Kelly leidet ebenso an der formelhaften Inszenierung wie der plakativen Charakterisierung. Hinter den Figuren stehen zugkräftige Namen, auf die sich Kelly scheinbar zu sehr verlässt. Emma Roberts (als Michael Glatze' spätere Gattin Rebekah), Daryl Hannah, TV-Serien-Beau Charlie Carver (Michaels vorübergehender Liebespartner Tyler), Zachary Quinto (erst Michaels Langzeitpartner, dann Ex-Lover Bennet) und James Franco, immer wieder James Franco. Der tummelt sich mit Vorliebe in Berlinale-Filmen, doch man muss kein Akkordgucker sein, um seiner oberflächlichen Dauerpräsenz in I Am Michael überdrüssig zu werden. Eine derart zentralisierte Rolle erfordert eine starke Darstellung, die Franco in diesem Fall nicht liefert. Die konfessionellen Konflikte Michaels und die psychologischen (Ab)Gründe, die seine Selbstverleugnung auslösen, werden nie plausibel. Die filmischen Metaphern für seine innere Verlorenheit wechseln zwischen penetrant und albern. Michael malt gedankenverloren eine Spirale auf eine Notiz und sogar mit Ahornsirup auf seine Pancakes. Klare Anzeichen für eine seelische Krise! „Die einzige Sünde ist Liebe zu leugnen.“, predigt Michael einmal, „Hört auf zu hassen, beginnt zu lieben!“ Im Bezug auf das unzureichende Biopic fällt das schwer. Besonders wenn man weiß: das war nur der erste von drei James-Franco-Filmen.

2/5 Sterne

 

Schneewittchen und die sieben Zwerge | Retrospektive

Berlinale 2015 Teil 7 Schneewittchen und die sieben Zwerge„Disney’s Folly“ wurde das Projekt genannt, in das Walt Disney kolossale anderthalb Millionen Dollar und die Arbeitskraft des gesamten Studios investierte. Die Vorabpresse schwankte zwischen Häme und Ratlosigkeit. Wer sollte sich Schneewittchen und die sieben Zwerge ansehen? Es wurden Millionen Zuschauern auf der ganzen Welt. Der Erfolg des ersten Animationsspielfilms scheint auf den ersten Blick überraschend. Nach einem Prolog beginnt die Handlung statt mit der Hauptfigur mit deren Widersacherin. Die Stimmung wechselt sprunghaft zwischen Romantik, Schrecken und Komik. Charaktere erscheinen aus dem Nichts, in das sie unerklärlich wieder versinken. Der tragische Handlungshöhepunkt wird unversehens zum Happy End. Es sind Charakteristika des Märchens, dem Schneewittchen und der einst mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Cinderella enger verbunden sind als die späteren Disney-Zeichentrickklassiker, die mehr den Konzepten des klassischen Hollywood-Kinos folgen. Wie zahlreiche Grimms Märchen ist die Kitsch und düstere Poesie vereinende Erzählung ein Horrorwerk für Kinder und Erwachsene. In den auf Illustrationen Gustaf Tengrens basierenden Bildern lauern neben possierlichen Tierchen und Zwergen im tiefen dunklen Wald Hexen, Bestien und Mördern. Ihnen allen begegnet Schneewittchen, doch sie sind nur makaberer Schabernack gleich den tanzenden Skeletten aus den „Silly Symphonies“. Verstörend bleibt der Zeichentrickklassiker durch die übermächtige Schurkin. Königin und Schneewittchen sind zwei Facetten des gleichen Charakters und verkörpern die Extreme von Güte und Bosheit. Nicht Schneewittchen fürchtet die Königin, sondern die Königin Schneewittchen. Der Blick in den Spiegel zeigt ihr die verhasste Konkurrentin als unerreichbares jüngeres Ich, das sie mit diabolischer List zerstören will:

Queen: Yes. One bite, and all your dreams will come true.

Snow White: Really?

Queen: Yes, girlie. Now, make a wish, and take a bite.

Das Versprechungen, mit der die Hexengestalt Schneewittchen zum Biss in den Apfel verlockt, ist das aller Disney-Spielfilme: Träume gehen in Erfüllung, Wünsche werden wahr. Die späteren Disney-Prinzessinnen glauben ebenfalls daran und zur Belohnung erfüllen sich ihre Träume tatsächlich, genauso wie Schneewittchens Traum von Prince Charming. Er reitet zum Schluss mit ihr ins Schloss der Königin, wo Schneewittchen deren Platz einnimmt und „Happily ever after“ lebt. Solange sie die Schönste im Land ist.

5/5 Sterne

 

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Hier geht es zu den bisherigen Berichten:

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 1

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 2

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 3

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 4

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 5

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 6