Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 6

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Berlinale 2015 Teil 6

Liebe Filmfutter-Fans und neugierige Cineasten,

willkommen zum sechsten und vorletzten Teil unserer siebenteiligen zusammenfassenden Berlinale-Übersichtsberichte. Diesmal im Fokus: eine US-amerikanisch-chilenische Produktion mit Brautalarm-Star Kirsten Wiig, eine deutsch-italienische Arbeit, die bestenfalls durch unfreiwilligen Humor überzeugt und ein argentinisches Drama mit Potenzial, das jedoch nie eingelöst wird. Ausführlicher berichtet dazu unsere Autorin:

Nasty Baby | Panorama

Der verquere Kamerablick auf Affektiertheit und Affekte der New Yorker Boheme ist exakt, was sein Titel verspricht: das hässliche Kind des Geistes von Sebastián Silva, der sich in seiner verkrampften Komödie die Hauptrolle auf den Leib schrieb. Dieser Umstand macht die hämische Story doppelbödiger, als dem Regisseur und Drehbuchautor offenbar bewusst ist. Silvas Leinwand-Ich, der cholerische Künstler Freddy, arbeitet an einer Video-Installation, in der er und Bekannte Babyverhalten nachstellen. Das Resultat ist richtig ätzend – da wäre der erste Bezug zum Filmtitel – und wirkt von Anfang an ähnlich verkalkuliert, wie die gesamte Handlung.

Berlinale 2015 Teil 6  Nasty BabyMit seiner besten Freundin Polly (Kirsten Wiig) arbeitet Freddy an einem anderen Projekt, für das beide die Hilfe von Freddys Partner Mo (Tunde Adebimpe) benötigen. Konkret: Mos Samen. Wer das Kind eigentlich warum unbedingt will, bleibt unklar. Umso deutlicher macht der Plot, dass ein Kind aus einer unkonventionellen Familienkonstellation etwas Widerwärtiges sei – der nächste Bezug zum Titel. Da sieht man, wohin das führt, wenn das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Schema aufgebrochen wird! Kiffende schwule Möchtegern-Künstler und Single-Frauen beanspruchen für sich, was Gott ihnen aus gutem Grund vorenthält! In einer bezeichnenden Szene wird Polly vorwurfsvoll von einer werdenden Mutter gefragt, warum sie denn glaube, dass es bei ihr mit dem Nachwuchs bisher nicht geklappt habe. Die implizierte Antwort liegt auf der Hand: jemand da oben hat was dagegen! Damit keine Zweifel an der moralischen Verwerflichkeit des Protagonisten-Trios bleibt, geraten sie in eine Fehde mit dem geistig verwirrten Nachbarn The Bishop (Reg E. Cathey). Der terrorisiert mit Attacken und Pöbeleien die Nachbarschaft, für die Silva nur Verachtung übrig hat. Dabei sind der altersschwache homosexuelle Anwohner Richard (Mark Margolis) und Freddys junge Assistentin Wendy (Alia Shawkat) bis auf kleine Exzentrizitäten völlig normal. Was tatsächlich nasty erscheint, ist der reaktionäre moralische Maßstab, an dem die Figuren gemessen werden. Dass gleichgeschlechtliche Paare oder Singles einen Kinderwunsch hegen, ist für Silva augenscheinlich der blanke Horror. In solchen schlägt die holprige Komödie um. Das letzte Drittel wirkt wie der Anfang eines Teenie-Slashers a la Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. Das Endprodukt ist ein zeitgenössisches Pendant zu Sensationsstreifen wie Reefer Madness und Boys Beware!, nur nicht lustig. Dazu ist das Weltbild dahinter einfach zu hässlich.

0/5 Sterne

 

Sibylle | Perspektive Deutsches Kino

Vorneweg: Das Presseheft sieht klasse aus. Bei den Pressevorführungen der Perspektive Deutsches Kino kommt das „Arthouse!“ schreiende Design besonders gut. Viele Filme haben hier nicht mal ein richtiges Presseheft, sondern nur ein paar ausgedruckte Seiten, zusammengehalten von einer Tacker-Klammer. Solche Filme haben bei Kritikern natürlich sofort verspielt! Wenn hingegen ein Taschen-Verlag-würdiges Booklet wartet, mit ganzseitigen Farbbildern, Interviews, hochtrabenden Vergleichen…dann kann man nur ein Meisterwerk vor sich haben!

Manche mögen denken, dass die Sorgfalt, mit der das Presseheft gestaltet wurde, besser in das Drehbuch gesteckt worden wäre. Aber zu denen gehört Michael Krummenacher nicht. Verständlich, denn von ihm stammen Skript und Inszenierung der wirren Krimi-Chose. Hat man sich einmal damit abgefunden, dass die fähigen Darsteller und betont künstlerische Vorabpräsentation nunmal keinen soliden Film garantieren, ist Sibylle stellenweise durchaus amüsant. Unfreiwillig zwar, aber David Lynch wird vermutlich auch nur unfreiwillig 87 Minuten lang von Krummenacher nachgeahmt. Blutrote, mitternachtsblaue und schattenschwarze Farbfilter verfremden die Bilder, bis das Gefühl entsteht, einen alten 3-D-Film ohne 3-D-Brille zu sehen. Dazu gibt es skurrile Anzugträger, die hinter sich plötzlich öffnenden Türen abwarten und beobachten. Ein manipulativer Hotel-Concierge erinnert an den Barkeeper des Overlook-Hotels in The Shining. Bedrohliche Soundeffekte, verzerrte Aufnahmen, die psychische Instabilität vermitteln sollen, Dialoge, in denen Alltagssätze eine beängstigende Zweideutigkeit annehmen, Protagonisten, die plötzlich andere sind, obwohl äußerlich die gleichen, Doppelgängerinnen…

Berlinale 2015 Teil 6 SibylleEiner davon begegnet die Titelfigur (Anne Ratte-Polle) im Familienurlaub beim spazieren gehen. Die meisten würden in solch einer Situation vermutlich nicht einfach nur hallo sagen, aber Sibylle ist anders als alle. Außer natürlich ihre Doppelgängerin, die buchstäblich hops geht: von einer Klippe. Sibylle ist tief verstört, aber nicht so tief, dass sie ihrem Mann Jan (Thomas Loibl), als der mit den Worten „Ich mach dann mal los.“ außer Haus geht, etwas mitteilen würde. Später gefragt, warum sie nichts gesagt habe, kommentiert Sibylle schnippisch: „Du musstest ja los machen!“ Tja, solche nervenzerfetzenden Storys verpassen Ehemänner, die ihre Frauen nicht täglich fragen, wie der Morgenspaziergang war. Reumütig gibt Jan fortan tolle Ratschläge, als es mit der bis dato erfolgreichen Familienmutter beruflich und privat steil bergab (Metapher!) geht: „Versuch mal zu schlafen, Liebes.“ Das können tödlich gelangweilte Kinozuschauer, aber nicht Sibylle. Da ist ein seltsames Klopfen im Gemäuer, der Boiler grummelt gruselig und der Typ von gegenüber schielt immer ins Fenster. Sogar die aufdringlichen Nachbarn sehen durch das Bullauge des Türspions so fies aus, als wären sie Gerichtsvollzieher oder eben aufdringliche Nachbarn. Übel nehmen kann man Krummenachers Abschlussfilm die augenfällige Imitation nicht. Die abstrusen Dialoge und lächerlichen Aktionen der Figuren wecken zumindest ein Grinsen. Solange der Film nur keinen Doppelgänger hat…

0/5 Sterne

 

El Incendio | Panorama

Wer ist an der Streiterei Schuld? Sie oder er? Er bringt das Theater aufs Tapet, aber sie hat die Grundlage für das ganze Drama gelegt. Um solche gewichtigen Probleme schlagen sich die zwei Hauptfiguren von Juan Schnitmans und Agustina Liendos Beziehungsdrama. Die Fragestellung lässt sich ebenso auf die beiden Macher übertragen: Er hat Regie geführt, sie das Drehbuch verfasst. Wer ist Schuld an der richtungslosen Handlung, die wie eine erschöpfende fruchtlose Paartherapie aussieht? Der spanische Titel bedeutet „der Brand“, aber auf der Leinwand flackert nicht einmal ein Funken Inspiration. Die Figuren zanken ununterbrochen, was weder tiefsinnig, noch lustig ist und schon gar nicht spannend.

Berlinale 2015 Teil 6 El IncendioDabei besitzt die Ausgangssituation durchaus das Potential dazu. Schauplatz ist das von Gewalt und Korruption zerrissenen Buenos Aires, wo die ruppige Kamera von Soledad Rodriguez stets dicht an den Protagonisten bleibt. Ein Paar in der Mitte des Lebens vor einer tiefgreifenden Entscheidung. 100.000 Dollar. Ein Deal, den der Geschäftspartner in letzter Minute abbläst. Keine gute Idee, denn Marcelo (Juan Barberini) hat eine Waffe und ein Aggressionsproblem. Seine Partnerin Lucía (Pilar Gamboa) hat auch Probleme. Klingt spannend, ist es aber nicht, denn die Probleme sind von der Du-liebst-mich-nicht-mehr-Sorte. Genauer ist es die Du-liebst-mich-nicht-mehr-darum-will-ich-nicht-mehr-mit-dir-zusammen-sein-aber-ich-bleibe-trotzdem-Sorte. Noch genauer gesagt die Du-liebts-mich-nicht-mehr-darum-will-ich-nicht-mehr-mit-dir-zusammen-sein-aber-ich-bleibe-trotzdem-denn-wir-kaufen-ein-Haus-Sorte. Der erwähnte Deal ist der Hauskauf, den Lucia notgedrungen um einen Tag verschiebt, was Marcelo total frustriert. Marcelos uralte Knarre gammelt in einem Schuhkarton vor sich hin, Lucía findet sie und sieht einen willkommenen Anlass für eine Grundsatzdiskussion. Und wo führt ein Pärchen die am Besten? Vor der versammelten Clique. Nur so hat ein Kleinkrieg die idealen Voraussetzungen, zum Grabenkampf zu werden. Dummerweise sind die Freunde viel zu versöhnlich. Daher müssen Lucia und Marcelo allein weiter zanken, knapp zwei Stunden lang. Dann gibt es eine enervierend lange Sexszene und es geht weiter mit hohlgeistigen Beziehungskrach. Auch eine Art Happy End. Die zwei haben einander verdient. Aber kaum einer verdient diesen dumpfen Film.

1/5 Sterne

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Hier geht es zu den bisherigen Berichten:

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 1

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 2

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 3

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 4

Filmfutter auf der Berlinale 2015 – Teil 5