Filmfutter auf der Berlinale 2014 – Teil 6

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Berlinale 2014 Teil 6

„Die Welt ist voll von Menschen, die daran scheitern zu werden, was sie werden könnten.“, heißt es einmal in N – Der Wahn der Vernunft. Wohl wahr, und die Berlinale ist voll von Filmen, die daran scheitern zu werden, was sie werden könnten. Ein Beispiel dafür ist Peter Krügers traumverlorene Verflechtung von biografischem Dokument und experimenteller Fiktion im Berlinale Forum.

Berlinale 2014 Teil 6 - N – The Madness of Reason„Warum beginne ich mit dem Buchstaben N?“, fragt die Off-Stimme des fiktiven Lebensresümees des französischen Enzyklopädisten Raymond Borremans. „Er ist gerade in der Mitte des Alphabets. Von da an gibt es Hoffnung, sogar Erlösung.“ Ist sie es, die der zwischen Diesseits und Jenseits umherirrende Geist des Autors des ersten Lexikons des Landes ersehnt? Oder ist die spirituelle Wanderung eine Fortsetzung der Fahrten, die Borremans zu Lebzeiten unternahm? Europa kehrte er im Alter von 23 Jahren den Rücken und bereiste in fünf Jahren West-und Äquatorialafrika. Aufnahmen eines Mannes, der auf einem alten Bahnhof Banjo spielt, erinnern an Borremans Geldverdienst als Ein-Mann-Orchester zur Unterhaltung der Kolonialherren. Ihre Prestigebauten wie die verfallene Bahnhofshalle sind heute Relikte einer vergangenen Ära. Gilt das gleiche für die „Encyclopedie Borremans“, an der Borreman nach fast 40 Jahren als Betreiber eines Wanderkinos arbeitete? „Wenn du Dingen einen Namen gibst, riskierst du, sie zu verlieren.“, warnt ihn eine geisterhafte Frauengestalt vor der Unbeständigkeit eines Schriftwerkes, das von Natur aus der Revision unterliegt. Die Furcht vor Vergänglichkeit wird zur treibenden Kraft für Borremans, der mit der Encyclopedie etwas schuf, das in mehrfachem Sinne umfassender war als sein Leben. Beim Buchstaben N war Schluss: mit dem Lexikon und seinem Autor. Auf das Ephemere verweist bereits das Anfangszitat des nigerianischen Schriftstellers Ben Okri: „Wir haben vor den Worten begonnen und wir werden vor ihnen enden.“ Krügers fluktuierende Geistesreise zwischen Filminstallation und Erzählkino kann mit ihrem bedächtigen Tempo ermüden. Hat man jedoch die Muße, sich auf die assoziativen Bilder von Kamera und Sprache einzulassen, entfaltet die sinnierende Personenstudie eine stille Lyrik – wenn auch eine flüchtige.

2,5/5 Sterne

 

Josephine Decker ist Schuld, dass ich zu lange gegoogelt habe; zu lange gemessen an der Laufzeit ihres einstündigen Surrealismus-Trips. Dessen Handlung ist ein Exposé wirrer, triebhafter Szenen, deren Großteil in den Wäldern um das kalifornische Mendocino spielt. Diese Inhaltsangabe gilt unter Vorbehalt, denn möglicherweise spielt ein noch größerer Teil der Geschehnisse im Kopf der von Photographin Sarah Small verkörperten Hauptfigur.

Berlinale 2014 Teil 6 - Butter on the LatchDiese zweite, fiktive Sarah entzieht sich mit einem Willensakt ihrem selbstzerstörerischen Leben in der Großstadt und sucht Abstand und Ruhe auf einem Balkan Festival. Dort teilt sie eine Camp-Hütte, diverse Drinks und nächtliche Touren durch das Dickicht mit ihrer Freundin Isolde (Phillippa Lamb), die gerade einer festen Beziehung entkommen ist. Die Gespräche der beiden sind erst scherzhaft-vertraulich, dann auf Isoldes Seite plötzlich von kühler Distanz. Dazwischen liegt ein trunkener Gang von einem nächtlichen Camp-Fest zur Hütte, die in der vom Taschenlampenschein durchbrochenen Finsternis unauffindbar scheint. Angeheiterte Albernheit weicht Nervosität, die schließlich in Streit mündet. Das von den Tänzen und Klängen der Balkanregion mit ihren Mythen und Sagen von Dämonen, Hexen und Naturgeistern aufgeladene Szenario verwandelt sich in diesen wackeligen Schattenszenen in eine Spuklandschaft, in der die Protagonistinnen jeden Moment auf eine böse Macht treffen könnten. Stattdessen trifft lediglich auf inszenatorischer Ebene David Lynch auf „Blair Witch Project“. Panische Bildfetzen und Aufnahmen von angstaufgeladener Stille wechseln abrupt, um eine undefiniertes Trauma anzudeuten. Dann kehrt die Realität scheinbar zurück, doch ist die lockere Stimmung einer schleichenden Bedrohlichkeit gewichen. Butter on the Latch fühlt sich an wie ein Mumblecore ohne Mumble. Sarah und Isolde bleiben leere Konturen und so die Intimität des Zuschauers mit ihnen wirkungslos. Ihre Dialoge untereinander und mit den anderen Besuchern klingen nach Einleitungen zu bedeutungsvollen Ereignissen, die entweder nie eintreten oder im entscheidenden Moment ausgeblendet werden. Exemplarisch für die suggestive Leere ist der Titel, der klingt, als beziehe er sich auf ein symbolträchtiges heidnisches Ritual. Tut er aber nicht. Ich hab es gegoogelt.

2/5 Sterne

 

Vor vier Jahren machte Benjamin Heisenberg mit seiner kriminalistischen Charakterstudie „Der Räuber“ auf sich aufmerksam. Es ist wohl diesem Achtungserfolg geschuldet, dass sein jüngstes Werk Über-Ich und Du bereits vor seiner Premiere im „Berlinale Panorama“ einen Verleih und Kinostarttermin hat, während andere Beiträge auf beides noch hoffen – vielleicht vergeblich. Manchmal ist eben aller gute Wille umsonst. Man bereitet sich lange auf den großen Moment vor, legt sich die passenden Worte zurecht, wartet einen angemessenen Rahmen und das richtige Publikum ab – und dann kriegt keiner was mit.

Berlinale 2014 Teil 6 - Über Ich und DuDass es im Leben manchmal so geht und man dann am Besten so tun soll, als wäre nichts gewesen, ist ungefähr die Botschaft des einfallslosen Klamauks, den Heisenberg mit Co-Autor Josef Lechner ersann. Im Mittelpunkt steht wieder ein kriminelles Subjekt, diesmal allerdings ein psychologisch und verbrecherisch überaus simpel gestricktes. Nick (Georg Friedrich) hehlt mit antiquarischen Büchern. So wertvoll, dass seine Kunden sich um die Stücke reißen würden, ist seine Ware nicht, aber offenbar kostspielig genug, um ihn aufgrund nicht gezahlter Schulden in die Bredouille zu bringen. Eine Gauner-Oma mit dem Freud‘schen Spitznamen „Mutter“ hetzt ihre Geldeintreiber auf den erfolglosen Bücherdieb, der zu Filmbeginn gerade am Untertauchen ist. In der süddeutschen Provinz bedeutet „untertauchen“, sich ins spießige Familienhäuschen zurückzuziehen. Wessen Häuschen und Familie, ist sekundär. Nick tritt dank des Tipps eines Bekannten, der ihm einen Gefallen schuldet, die Stelle eines Hauspflegers an. Der greise Herr, um den er sich kümmern soll, ist der Psychologe und Schriftsteller Curt Ledig (André Wilms). Der durchschaut rasch die wacklige Fassade seines ungehobelten Hausgastes, der unfreiwillig ein willkommenes Analyseobjekt abgibt. Die Witze sind so lustlos und patzig wie der Hauptcharakter, dessen Probleme zu gering und abstrus sind, um Spannung oder nur mildes Interesse zu wecken. Der Hohlgeistigkeit ist sich der Regisseur und Drehbuchautor scheinbar bewusst und bemüht darum die stets für etwas dramaturgische Gewichtigkeit abrufbare Nazizeit. Von damals wälzt Ledig unbestimmte, aber natürlich unnötige Schuldgefühle herum. Sein vages Eingeständnis kümmert zum Ende dann allerdings niemanden mehr. Am wenigsten den Kinozuschauer.

0,5/5 Sterne

Hier geht es zu den bisherigen Berichten:

Filmfutter auf der Berlinale – Teil 1

Filmfutter auf der Berlinale – Teil 2

Filmfutter auf der Berlinale – Teil 3

Filmfutter auf der Berlinale – Teil 4

Filmfutter auf der Berlinale – Teil 5