Berlinale 2014 – Unser Fazit

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Berlinale 2014 Fazit

Die Berlinale ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Was genau das war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Damals, bei meiner ersten Berlinale, sah ich den Bären-Trailer vor jedem Festivalfilm mit glänzenden Augen. Danach resümiert man abgeklärt, dass die Filme und überhaupt alles auf der Berlinale 2011 oder 2010 besser waren. Ältere Kollegen kontern dann mit viel weiter zurückliegenden Berlinalen. In Wahrheit verschwimmt in meiner Erinnerung rasch alles in rot-goldenem Festivalnebel, von dem sich dieses Jahr noch folgende Dinge abheben:

Die Berlinale-Tasche: Sie war die letzten zwei Jahre bloß ein Berlinale-Beutel. Gerüchte besagten, zukünftig käme erst die Berlinale-Plastiktüte (sponsored by Lidl), dann die Berlinale-Papiertüte (als Vorlage zum Ausdrucken und selber Kleben). Stattdessen gab es wieder echte Taschen und – nie zuvor dagewesen! – in verschiedenen Farben zum Aussuchen. Ein unschätzbarer Pluspunkt, wenn man eines Tages schwärmt, was es auf der 64. Berlinale alles Tolles gab!

Die Golden Bear Lounge: Hinein kommen nur Lounge-Akkreditierte, die dort mittels in Flaschen servierten Suppen, die mit Strohhalm geschlürft werden, auf Tapas-Schälchen servierten Mini-Hot-Dogs und Maki Sushi sowie Mini-Trifle, gelöffelt aus Shot-Gläsern, eine Grundlage dafür schaffen, was dort an Cocktails, Wein und Champagner konsumiert wird – selbstverständlich alles aufs Haus. Über eine Ex-Kollegin weiß ich, dass man für den Zutritt zum Hipster-Himmel in der Golden Bear Lounge dem Lounge-Sponsor irgendetwas bieten muss. Vermutlich seine Seele.

Der Außenseiter-Sieger: Der Goldenen Bär für Diao Yinans „Black Coal, Thin Ice“ ist der zweite für einen Thriller, nach Bertrand Taverniers „Der Lockvogel“ von 1995. Weitere gemiedene Genres sind Animation („Cinderella“ 1951 und „Chihiros Reise ins Zauberland“ 2002), Science-Fiction („Alphaville“ 1965), Western („Buffalo Bill and the Indians“ 1976) und Erotik („Intimacy“ 2001). Die besten Chancen auf einen Goldenen Bären haben Drama und Komödie; gar keine hat Horror. Der gewann noch nie in irgendeiner Kategorie.

Die Bescheidene: Haru Kuroki, die für ihr sensibles Porträt eines Hausmädchens in „Chiisai Ouchi“ den Silbernen Bären gewann, antwortete auf die Frage nach ihren Karriereplänen, sie könne sich nur „weiterhin redlich und stetig bemühen“. Eine Antwort, wie sie auf ihre schüchterne Filmfigur gepasst hätte

…und das Gegenteil davon: Richard Linklater versicherte auf der Abschlusspressekonferenz, er „fühle keine Empörung“ darüber, „nur“ mit einem Silbernen Bären bedacht worden zu sein. Die Berlinale-Leitung kann also aufatmen und darf in ein paar Jahren „Manhood“ und „Before Noon“ in den Wettbewerb aufnehmen.

Eklat I (missglückt): Shia LaBeouf sah auf der „Nymphomaniac“-Pressekonferenz aus wie die Jungs früher auf den 8. Klasse-Partys, die keinen Plan hatten, was sie vertragen, und irgendwann in einer Ecke komaten. Ob Shias Tag so endete? Jedenfalls äußerte er nur den Satz: „When the seagulls follow the trailer, it is beacause they think that sardines will be thrown into the sea.“ und ging. Der Spruch stammt von Ex-Fußballer Eric Cantona, Nebendarsteller in Ken Loachs „Looking for Eric“. Der Film lief in der Hommage, da der Regisseur den diesjährigen Ehrenbär erhielt. Ist LaBeoufs totaler Cantona- und/oder Loach-Fan? Dachte er, niemand würde den Spruch erkennen, wie er das wohl bei seinen Plagiaten von Dan Clowes, Marina Abramovic und Charles Bukowski dachte? Dachte Shia: „Lars ist nicht auf der PK, aber die Journalisten hoffen auf einen Skandal wie in Cannés. Lars, ich übernehme!“ Auf dem Roten Teppich trug LaBeouf dann eine Papiertüte überm Kopf. Wir alle kennen diese Momente, wo man sich die am liebsten überziehen will, weil man sich total blamiert hat.

Eklat II (erfolgreich): Während der Pressevorführung von „Monuments Men- Ungewöhnliche Helden“ kam es zu demonstrativem Klatsche und Zwischenrufen, was jedoch weder gezielte Störaktion, noch Ausdruck von Begeisterung war. Ein medizinischer Notfall im Saal zeigte, dass die Erste-Hilfe-Logistik offenbar lebensbedrohlich unzureichend ist. Wer unerwartet ärztlichen Beistand braucht, endet womöglich in Abwandlung eines Kafka-Zitats: „Im Kino gewesen. Gestorben.“

Von der Redaktion kam dann noch die Frage, was meiner Meinung nach alles an der Berlinale geändert werden müsste. Okay, also…

Wettbewerb – Weniger Konventionalität. Mehr Kontroverse.

Berlinale Shorts – Pressevorführungen für die Shorts!

Panorama – Das Motto „Einer geht noch“ drückt in der Kneipe genauso das Niveau wie im Kino.

Forum – Mehr Prägnanz. Weniger Prätention.

Generation – Noch mehr Mut. Mehr Möglichkeiten zur Sichtung.

Perspektive Deutsches Kino – Integration in die übrigen Sektionen. Heimatkino hat ausgedient.

Berlinale Special – Rückbesinnung: „Speziell“ ist, was man nicht später überall gucken kann.

Retrospektive – Abstauben.

Hommage –  Fast nur Graue (männliche) Eminenzen und (weibliche) Stil-Ikonen aus EU & USA.

Kulinarisches Kino – Eine überteuerte Extrawurst, die den Kinokostverächtern gebraten wird.

Berlinale Goes Kiez – Der Name.

NATIVe – Kontraproduktiv, da die Separierung des indigenen Films dessen Ghettoisierung bedeutet.

Hier sollte noch ein eleganter Abschlusssatz stehen, aber ich weiß keinen. Ich weiß nur, dass ich nächstes Jahr wieder da sein werde. Die nächste Berlinale ist immerhin die, von der ich 2017 oder ’18 verklärend schwärmen werde. Weil alles einfach besser war.

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