Breathless, USA 1983 • 100 Min • Regie: Jim McBride • Drehbuch: L.M. Kit Carson, Jim McBride • Mit: Richard Gere, Valérie Kaprisky, Art Metrano, William Tepper, John P. Ryan, James Hong • Kamera: Richard H. Kline • Musik: Jack Nitzsche • FSK: ab 16 Jahren • Vertrieb: Capelight Pictures • Kinostart: 28.10.1983 • Heimkinostart: 12.02.2016

Atemlos (1983) Filmbild 1Wenn man heilige Kühe antastet, erntet man in der Regel keine Lobeshymnen. Vielleicht bestenfalls lauwarme Kritiken, wenn es sich um Remakes anerkannter Filmklassiker handelt. Auch die 1983 veröffentlichte US-Neuumsetzung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (1960) ist zunächst eher moderat aufgenommen worden. Rein inhaltlich variiert Jim McBrides „Atemlos“ seine Urquelle dann auch nur marginal, verlegt das Pariser Setting nach Kalifornien, macht aus dem französischen Ganoven einen Amerikaner und aus der amerikanischen Studentin eine Französin. So weit, so vis-à-vis. Es sind jedoch die Feinheiten, die dieser Adaption einen individuellen und frischen Touch verleihen. Die knurrige Coolness von Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo aus Godards Debütwerk wird in McBrides Version von einem feurigen Richard Gere ersetzt, der den stylischen Film selbstbewusst auf seinen Schultern hin und her schwingt.

Atemlos (1983) Filmbild 2Jerry Lee Lewis, Marvels Silver Surfer und vor allem die schöne französische Austauschstudentin Monica (Valérie Kaprisky) bestimmen das romantische Weltbild des Kleinganoven Jesse Lujack (Gere). Mit einem gestohlenen Porsche will er seine Angebetete in Los Angeles überraschen, doch die Fahrt von Las Vegas verläuft alles andere als glücklich und entwickelt sich zur Flucht: Nach einer wilden Verfolgungsjagd erschießt er versehentlich einen Polizisten mit einer gefundenen Waffe, und schon bald ziert sein Gesicht die Titelseiten der Zeitungen. Nun gilt es, Monica flink von seiner wahrhaften Zuneigung und einem Exil in Mexiko zu überzeugen. Die Zeit läuft und das Gesetz rückt Jesse immer dichter auf die Fersen, doch seine Geliebte zögert zunächst …

Atemlos (1983) Filmbild 3Auch wenn der Grundaufbau und teilweise sogar ganze Dialogpassagen direkt aus François Truffauts OrIginaldrehbuch zu „Außer Atem“ entliehen worden sind, versprüht die Adaption im direkten Vergleich ein gänzlich anderes Feeling. Das zeigt besonders die Gestaltung der Endsequenz, die bei „Atemlos“ vorzeitig abbremst und einfriert – eine bewusste Entscheidung, die Regisseur und Co-Autor McBride zugunsten des insgesamt optimistischen Tons trifft. Auch Jesse wählt – wie schon sein französischer Vorgänger – gemäß seinem Credo „Alles oder Nichts“ das Nichts über das Leiden. Sein großes Idol ist die hier immer wieder auftauchende Comicfigur Silver Surfer, die die Erde so sehr liebt, dass sie trotz unendlicher Möglichkeiten an ihr festhält. In Jesses Fall bildet Monica seine Welt, und wenn er flieht, dann nur mit ihr zusammen. Diese popkulturelle Einbettung ist freilich etwas naiv und albern, aber gerade diese Herangehensweise verleiht dem Film seinen sympathisch-spleenigen Charme. So zählt auch Oscarpreisträger und Kultregisseur Quentin Tarantino „Atemlos“ zu seinen Favoriten – und wer beispielsweise den auf seinem Drehbuch basierenden und von Tony Scott inszenierten „True Romance“ (1993) sieht, kann einen gewissen Einfluss nicht leugnen.

Atemlos (1983) Filmbild 4Schwächeln tut „Atemlos“ ein wenig in seiner zweiten Hälfte, wenn das obligatorische Polizeiaufgebot anrückt und Actionstandards bemüht werden. McBride ist – wie dann auch bei seinem fantastischen „The Big Easy“ (1986) – in seinem Element, wenn er den Fokus auf seine Figuren legt und die Geschichte entspannt rocken und rollen lässt. Die verkrampft angezogene Spannungsschraube ist nicht wirklich seins. So ist man dann natürlich auch mehr daran interessiert, ob Monica sich letztlich für Geld und Karriere oder für ein Leben mit dem kriminellen Amor entscheidet, als an blauen Bohnen und der Flucht durch dunkle Gassen. Stichwort Monica: Zur Zeit des Erscheinens von „Atemlos“ ist die schauspielerische Leistung der Newcomerin Valérie Kaprisky oft ein Punkt der Kritik gewesen. Zugegeben, die Französin liefert hier keine so versierte Leistung ab, wie Jean Seberg im Original. Doch Kapriskys sinnliche körperliche Präsenz wirkt nicht nur auf Richard Geres Charakter wie ein Aphrodisiakum. Überhaupt ist „Atemlos“ ein elektrisierend-erotisches Abenteuer, wie es „Außer Atem“ seinerzeit gar nicht hätte sein dürfen. Es stellt sich also die Frage, was man von dieser verdrehten Liebesgeschichte erwartet: Einen weiteren Filmmeilenstein vermag McBride aus der Godard/Truffaut-Kollaboration nicht zu zaubern. Dafür aber eine massiv unterhaltsame, ästhetisch ansprechende Einbettung des Themas in den Zeitgeist der Achtziger.

Lasse ich die Relevanz des Originals außen vor, so spricht mich die US-Aufarbeitung tatsächlich mehr an. Das mag daran liegen, dass Richards Geres zügelloses Spiel, der Rock ’n‘ Roll-Vibe und die knackigen Bilder mehr in das Coolness-Verständnis meiner Generation passen. Seinen Kultstatus genießt „Atemlos“ zumindest völlig zu Recht.


Information zur Heimkinoveröffentlichung

Ab dem 12. Februar 2016 ist Atemlos im Vertrieb von Capelight Pictures in deutscher und englischer Sprachfassung (mit wahlweise deutschen Untertiteln) als schön gestaltetes 3-Disc-Mediabook (inkl. DVD und BluRay des Hauptfilms) erhältlich.

Dieser Edition liegen folgende Extras vor:

Atemlos Mediabook• Booklet
• Trailer
• Bonus-BluRay Außer Atem von Jean-Luc Godard

 

 

(Mediabook-Cover © Capelight Pictures)


Trailer